Kunstmarkt RHEINPFALZ Plus Artikel Das Klo der Erkenntnis: Gold-WC von Maurizio Cattelan bringt 12,1 Millionen US-Dollar

Cattelan-Werk „America“, hier das im Blenheim Palace ausgestellt Exemplar, das gestohlen wurde.
Cattelan-Werk »America«, hier das im Blenheim Palace ausgestellt Exemplar, das gestohlen wurde.

Am Welttoilettentag ist bei Sotheby’s Maurizio Cattelans Kunstwerk „America“ versteigert. Ein funktionstüchtiges Klo aus Gold – für 12,1 Millionen US-Dollar.

„Cacatum non est pictum“, pardon, „geschissen ist nicht gemalt“: Heinrich Heines Diktum ist längst widerlegt. Was hinten rauskommt, wenn man muss, kann sehr wohl Kunst sein und etwas bedeuten, wie Piero Manzonis Werk „Merda d’artista“ aus dem Jahr 1961 beweist. 90 liebevoll beschriftete Dosen mit je 30 Gramm Künstlerexkrement, damals verkauft zum geltenden Goldpreis, aktueller Wert: je 300.000 US-Dollar ungefähr. Manzoni, ein alles veredelnder Midas der Kunst. Wie bei ihm zeigt sich: Der Sanitärbereich ist ein kreatives Feld.

Museum oder Baumarkt

„Versuch über den Stillen Ort“, heißt so ein sehr erhellendes Buch von Literaturnobelpreisträger Peter Handke, in dem die Toilette endlich als der originäre Rückzugsraum vergeistigter Männer aufscheint, der er ist. Derweil gilt Marcel Duchamps umgekehrt aufgehängtes Urinal aus dem Jahr 1917, ein „Fontäne“ betiteltes Utensil aus dem Sanitärwesen, als schlicht bedeutendstes Kunstwerk des 20. Jahrhunderts.

Seither zählt eine Idee in der Kunst so viel wie ein Pinselschwung. Und der Umraum bestimmt, ob etwas Kunst ist oder zum Sortiment eines Baumarkts gehört. Maurizio Cattelans genialische – um im Bild zu bleiben: Klo-Verarsche – ist allerdings beides: Kunst und Gebrauchsgegenstand. Mehr noch, ein Kommentar zur verqueren Logik der Kunst- und Konsumwelt – und darüber, wie sich der ästhetische zum Verkaufswert verhält.

Fünf Exemplare, darunter zwei sich selbst zugeeignet, hat der 65-jährige selbsternannte italienische Kunstclown aus Padua 2016 als Auflage von „America“ bestimmt. Alle baugleich mit der handelsüblichen Bad-Keramik der US-Marke Kohler, bloß aus herrschaftlich funkelndem Gold halt – ein Werk, das sich per definitionem erst vollendet, wenn man es benutzt.

Künstler Cattelan
Künstler Cattelan

Das Teil, das in der Nacht bei Sotheby’s in New York versteigert wurde, befindet sich laut zuverlässigen Informationen (noch) im Besitz des Wall-Street-Spekulanten Steven Cohen, einem weitsichtigen Mann offensichtlich, allein der Materialwert des Werks ist in den vergangenen neun Jahren um rund das Vierfache gestiegen. Ein weiteres Gold-WC wurde, na ja, von gut 100.000 Menschen „besessen“, als es im New Yorker Guggenheim Museum zur freien Verfügung stand.

Man harrte in der Schlange aus, um auf einem glitzernden Thron an der Demokratie des Stuhlgangs zu partizipieren. Und es war, als hätte sich Lenins Prophezeiung von den goldenen öffentlichen Toiletten erfüllt, die „in den Straßen einiger der größten Städte“ gebaut werden würden, „wenn wir auf weltweiter Ebene siegreich sind“. Dazu ließ Maurizio Cattelan verlauten: „Egal, was du isst, eine Zweihundert-Dollar-Mahlzeit oder eine Zwei-Dollar-Wurst, das Resultat ist aus der Sicht der Toilette dasselbe.“

Nichts für Trump

Nur Trump, damals erstmals US-Präsident, wollte „America“ trotz beglaubigter Kitsch-Prunksucht nicht als Ersatz-Leihgabe für eine vom Weißen Haus beim Guggenheim Museum angefragte Van-Gogh-„Landschaft mit Schnee“ haben. Später wurde das Gebrauchskunstwerk aus dem Blenheim Palace in der britischen Grafschaft Oxfordshire gestohlen, wohin es für eine Cattelan-Ausstellung ausgeliehen war. Ausstellungsort ist für die zwei Tage, die es gedauert hat, im Übrigen Winston Churchills Badezimmer gewesen. Das Gold-Klo ist nie wieder aufgetaucht. Wahrscheinlich eingeschmolzen, eine Option die Cattelans Werk ausdrücklich offenhält. Es sind – neben dem bloßen, in unsicheren Zeiten Beständigkeit verheißenden – Materialwert auch die blendenden Geschichten, die „America“ glänzen lassen. Dazu nährt ein anderes Kunstwerk die Fantasien.

Lange jedenfalls war der studierte Kunsthistoriker Cattelan vor allem für sein ausgestopftes Pferd „Tiramisu“ bekannt, die wie um Vergebung bittende Hitlerfigur oder den von einem Asteroiden niedergestreckten Papst Johannes Paul II. aus Wachs. „Comedian“ allerdings, eine mit Klebeband an der Wand befestigte Banane, katapultierte ihn in die Liga der Kunst, in der es – frei nach Karl Marx – um das „Geheimnis der Ware“ geht.

Sechs-Millionen-Dollar-Banane: Werk „Comedian“.
Sechs-Millionen-Dollar-Banane: Werk »Comedian«.

Ursprünglich 2019 auf der Art Basel Miami angeboten, Auflage drei, ausverkauft für je 120.000 Dollar, wurde fünf Jahre später bei Sotheby’s von dem Krypo-Währungsakrobaten Justin Sun für 6,24 Millionen Euro ersteigert. Und hernach verspeist, selbstredend.

Wurst mit zwei Enden

„Dieses Werk“, meinte Sun dann, „ist mehr als nur ein Kunstwerk; es steht für ein kulturelles Phänomen, das die Welten der Kunst, Memes und Kryptowährungen vereint. Ich bin überzeugt, dass es Teil der Geschichte werden wird“. Tatsächlich verhält die Banane sich gegenüber dem „America“-Klo wie das zweite Ende einer – Verzeihung – Kackwurst. Das eine, das Obst, kostet in der Herstellung ungefähr ein Euro 20, und bekommt nach vier Tagen braune Flecken, wenn man es nicht rechtzeitig isst. Das andere ist an sich schon teuer, dazu nützlich und opulent. Trotzdem stellen beide die Frage, wer, wie und was bestimmt, was als künstlerisch wertvoll gilt. Das heißt, uns kann es eh sch...egal sein. Wir haben sowieso kein Geld.

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