Pfalzgeschichte(n) Das „Haus im See“ der Templer: Bei Kirchheim gab es einen Hof des Ordens

Fast so mythisch wie der untergegangene Orden: In der Nähe der ehemaligen Templer-Kommende von Kirchheim südlich von Grünstadt s
Fast so mythisch wie der untergegangene Orden: In der Nähe der ehemaligen Templer-Kommende von Kirchheim südlich von Grünstadt steht heute ein kleines Wäldchen mit alten Weiden. An der Stelle des einstigen Sees bildet sich im Frühjahr eine große Wasserlache, regelmäßig besucht von Seidenreihern, deren weißes Gefieder ganz märchenhaft an die weißen Mäntel der Tempelherren erinnert.

Im Gebiet der Pfalz betrieben im Mittelalter alle drei christlichen Ritterorden Wirtschaftshöfe. Das „Haus im See“ der Templer bei Kirchheim hat Rätsel hinterlassen.

In einer spektakulären Polizeiaktion wurden im Jahre 1307 über 1000 Angehörige des päpstlichen Ordens der Armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem, Templer genannt, in ihrem Stammland Frankreich eingekerkert und oft auch gefoltert. Sie seien Ketzer, hieß es, die auf das Kreuz gespuckt und einen geheimnisvollen Kopf, den Baphomet, angebetet hätten. In der Folge waren auch die deutschen Templer mit ihren insgesamt etwa 50 Besitzungen bedroht.

In der Region gab es nicht nur Templer-Höfe vor den Stadtmauern von Mainz, dazu vor Mühlheim, dem heutigen Osthofen, sowie in Iben südlich von Bad Kreuznach, wo heute noch eine von ihnen errichtete Kapelle existiert, sondern auch die Kommende „Haus im See“ bei Kirchheim an der heutigen Weinstraße, in der sich Friedrich Wildgraf von Kyrburg, ein Provinzmeister des Ordens für die weiträumige Region Alemannia und Slavia, oft aufhielt. Über Schuld oder Unschuld einzelner Templer sollte nun der Mainzer Erzbischof Peter von Aspelt entscheiden, der als Kurfürst einer der einflussreichsten Männer des Reiches war. Doch auf der Mainzer Synode von 1310 erschienen dann plötzlich in weiße Mäntel mit rotem Tatzenkreuz gehüllte und bewaffnete Tempelritter, die verlangten, selbst in der Sache gehört zu werden.

Transnationale Kriegermönche

Neun Ritter sollen es gewesen sein, die um 1119 herum in Jerusalem beschlossen, ihr Leben als Krieger mit Mönchsregeln zu verbinden, um Pilger zu beschützen. In Frankreich fand die in den ersten Jahren nur langsam wachsende Gruppe einen leidenschaftlichen Fürsprecher im einflussreichen Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux und wurde so 1129 auf dem Konzil von Troyes als ein Orden anerkannt, der nur dem Papst unterstand und von Steuern befreit war. In ihrer Blütezeit besaßen die Templer mächtige Burgen von Palästina bis Portugal, betrieben Güter von Schottland bis Italien. Zeitweilig wurde der Orden mit Schenkungen überhäuft, den Spendern winkte posthum eine verkürzte Zeit im Fegefeuer. Als frühe Bankiers perfektionierten sie auch die Idee des Wechselbriefes, der Ein- und Auszahlungen in weit entfernten Kommenden ermöglichte.

Der Überschuss floss vor allem in die Kreuzfahrerstaaten. Dort wirkten die Templer als wichtige transnationale Militärmacht; Rüstungen, Schlachtrösser und Disziplin machten sie zu Kavallerieeinheiten, deren Wirkung der der Panzer des 20. Jahrhunderts entsprach. Nun wurden aber 1291 mit dem Fall von Akkon die letzten christlichen Gebiete verloren. Und der 23. Tempel-Großmeister Jacques de Molay zeichnete sich nicht gerade durch Weitsicht aus. Während die Deutschritter in Nordosteuropa ein eigenes Staatsgebiet eroberten und die Johanniter die Insel Rhodos übernahmen, verstärkten die Templer zwar ihr Engagement auf der Iberischen Halbinsel, wo es immer noch Mauren zu bekämpfen gab, alles Weitere aber blieb unklar. Dass sie in Frankreich ein dichtes Netz von Komtureien, Straßen und Häfen betrieben, gefiel dem ewig klammen französischen König Philipp IV. nicht, der bereits erfolglos vorgeschlagen hatte, bei einer immer wieder diskutierten Zusammenführung von Templern und Johannitern den Vorsitz des vereinigten Ordens zu übernehmen.

Eine Unbesonnenheit mit verhängnisvollen Folgen

Am 30. Dezember 1306 wurde nun Philipp, genannt der Schöne, trotz seines blendenden Aussehens von wütenden Untertanen wegen der hohen Inflation in Paris so bedrängt, dass er sich ins Hauptquartier der Templerritter im heutigen 3. Arrondissement flüchten musste, das zeitweise auch Aufbewahrungsort der schwindenden Geldreserven der französischen Krone war. Unbesonnen führten die Ritter dem bei ihnen hochverschuldeten König ihre Schätze vor, was Philipp innerlich zum Kochen gebracht haben dürfte. Ruchlos – bereits 1306 hatte er die Pariser Juden ausrauben und vertreiben lassen und auch beim „Attentat von Anagni“ auf Papst Bonifatius VIII. 1303 die Strippen gezogen – lässt er im Morgengrauen des 13. Oktobers 1307, einem Freitag, alle auffindbaren Angehörigen des Ordens verhaften, seitdem gilt Freitag der 13. als Unglückstag.

Angeschwärzt von einem dubiosen Kronzeugen sollten nun peinliche Befragungen Aussagen erpressen und so aus Angeklagten Schuldige machen. Als 1310 viele Templer ihre unter Folter gestandenen Verbrechen widerriefen, ließ Philipp 54 von ihnen gleichzeitig verbrennen, ihnen folgten weitere kleinere Gruppen auf den Scheiterhaufen und 1314 schließlich auch der Großmeister Jacques de Molay. Keinen Verteidiger fand der Orden in Papst Clemens V., der im Gegenteil schließlich auch in den anderen Provinzen des Ordens Untersuchungen anordnete, was nun eben auch ganz direkt die Kommende bei Kirchheim betraf.

Ein Hof mit großer wirtschaftlicher Bedeutung

Der Kaiserslauterer Historiker Jürgen Keddigkeit hat unter anderem aus Kauf- und Schenkungsurkunden aus dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert eine Vielzahl von Belegen über diese Kommende zusammengetragen, die nahe einer Kreuzung zweier bedeutender Handelswege lag und auch als Ort für Streitschlichtungen galt. Der Hof war von Wasser umgeben, außer einigen Mauersteinen ist nichts übrig geblieben. Templer-Höfe waren vor allem landwirtschaftliche Güter, die Überschuss erwirtschaften sollten. Es ist hier an den Anbau von Getreide und Wein, aber auch an die Zucht von Pferden zu denken, die als Schlachtrösser und auch für die Reisen der Ordensmitglieder unentbehrlich waren.

Ganz gleich, ob auf der Synode in Mainz der Sprecher der Templer nun der schon betagtere Friedrich von Kyrburg war, der in jungen Jahren mit Großmeister Molay gekämpft hatte, oder, wie das die Quellen angeben, sein jüngerer Bruder und Domherr Hugo: Erzbischof Peter von Aspelt sprach die Templer frei, redlich angesichts eines skrupellosen französischen Königs und eines schwachen Papstes, der es nicht unterließ zu rügen, das milde Urteil sei „zum großen Schaden des christlichen Glaubens und zum allgemeinen Ärgernis“.

Eine Unterbringung für Leprakranke?

Papst Clemens V. hob den Orden auf dem Konzil zu Vienne 1312 schließlich über einen Verwaltungsakt dennoch auf, die Templer mussten ihre Güter abtreten, überwiegend an die Johanniter. So auch das „Haus im See“, in dem eine Zeitlang auch Leprakranke untergebracht worden sein sollen. Nach der konfessionellen Spaltung des Johanniterordens 1522 verwalteten die katholisch gebliebenen Malteser den Hof von Worms aus.

Einzigartiges Erbe in Mußbach

Im Landesarchiv Speyer wirkt der Historiker Martin Armgart, der auch intensiv über die Johanniterkommende von Heimbach und die Deutschritterkommende von Einsiedel bei Kaiserslautern geforscht hat. Auch in unserer Region waren beide Orden vertreten, so die Deutschritter in Speyer, Weißenburg, Rülzheim, Weingarten und Deutschhof bei Kapellen-Drusweiler. Die Johanniter wiederum besaßen mit dem Herrenhof im heutigen Neustadter Weindorf Mußbach, der ihrer Kommende Heimbach unterstellt war, ein Wirtschaftsgut, das mit Ordenswald und Haidmühle weit in die Region hineinwirkte. Zwar wird in mehreren alten Chroniken und Kulturführern der Herrenhof als Templergut bezeichnet, diese Annahme beruhe aber auf einer falschen Interpretation einer Quelle, so Armgart: Statt Mußbach heiße es da eigentlich „Mullen“, also „Mühlheim“, sprich: Osthofen.

Andererseits: Da viele Templer ab 1312 zu den Johannitern übertraten, kann dies auch auf Mußbach zutreffen. Ob nun aber mit oder ohne Zutun ehemaliger Templer: Im katholischen Chor der ehemals zum Herrenhof gehörenden Johanneskirche existiert heute ein reiches kulturelles Erbe: Eine verzierte Tür und ein Altar, beide vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, mittelalterliche Wandgemälde sowie Kopfskulpturen aus dem 14. Jahrhundert. Bei einer Führung macht Otto Fürst, der sich bei der Fördergemeinschaft Herrenhof für den Erhalt dieser Schätze engagiert, auch auf einen Gang vom Johanniter-Hospital zum Kirchenchor aufmerksam, von wo durch ein Fenster die Gottesdienste verfolgt werden konnten. Ungewöhnlich gut erhaltene Kopfkonsolen zeigen zwei bärtige Männer, bei denen an zweimal Johannes, Täufer und Evangelist, zu denken ist. Vor allem aber eine Folge blattumrankter, als „Grüne Männer“ bekannte Skulpturen, in ihrer Mitte der Kopf einer königlichen Frau, die wohl nicht zufällig genauso aussieht wie die Gottesmutter Maria auf dem Wandgemälde darunter. Eine Hand pflanzt Leben in die Blätter und es wächst ein Kopf hervor, der an die „Grünkraft“ der Heiligen Hildegard von Bingen denken lässt, die „alles Lebendige durchdringt“. Die Darstellung zeichnet sich durch große Originalität und Individualität aus, wirkt in ihrer Naturverbundenheit zeitlos und hätte sicher größere Aufmerksamkeit verdient.

Fantastische Templer-Mythen

Nicht erst, seitdem Umberto Eco 1988 in seinem Roman „Das Foucaultsche Pendel“ eine Tempelritter-Verschwörung aufdeckte, reißt die Flut belletristischer, historischer und esoterischer Literatur über die Mönchsritter nicht ab. Schon in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“, entstanden um 1200-1210, werden sie als Hüter des Heiligen Grals beschrieben, entweder Kelch des letzten Abendmahls, ein Stein oder ein Kopf, auf alle Fälle aber wundertätig. Überhaupt sollen die Templer einen Kult um Köpfe betrieben haben: Baphomet, den sie laut der Anklage von 1307 ketzerisch verehrt haben sollen, soll der Kopf Johannes des Täufers gewesen sein, vielleicht aber auch das Turiner Grabtuch, ein Kristallschädel aus Atlantis oder gar der Kopf von Jesus selbst, ein Autor nennt gar dessen genaues Versteck in der Kirche von Rosslyn in Schottland.

Weil die Templer in Jerusalem unter dem ehemaligen Tempel Salomos gruben, haben sie womöglich die Bundeslade Israels samt Formelsammlungen gefunden, so ein weiterer Mythos. Für andere wie den Autor Walter Jörg Langbein darf es, etwas weniger aufregend, zumindest ein bis dahin unbekanntes Evangelium sein, mit Maria Magdalena als wichtigster Jüngerin. Die 1307 angeblich verschwundene französische Templerflotte wiederum soll entweder nach Schottland gesegelt sein, wo die Ritter 1314 in der Schlacht von Bannockburn dem exkommunizierten König Bruce gegen England zum Sieg verholfen haben sollen. Oder aber sie entschwand nach Nord-, Mittel- oder Südamerika, wo die Templer Silberbergwerke betrieben haben sollen. Ihr unermesslicher Schatz muss aber erst noch gefunden werden.

Schließlich soll der letzte Templermeister Jacques de Molay 1314 auf dem Scheiterhaufen seine Verfolger verflucht haben. Tatsächlich starben bald darauf sowohl Papst Clemens V. als auch König Philipp der Schöne, Letzterer bei einem gänzlich unschönen Jagdunfall. Außerdem sollen sie ihr geheimes Wissen an Freimaurerlogen weitergegeben haben. Wahr ist jedenfalls, dass der Orden nicht nur in Mainz, sondern auch in Spanien und Portugal für unschuldig erklärt und dort daher lediglich umbenannt wurde. Der Christusorden Portugals war besonders unter Heinrich dem Seefahrer an der Erkundung der Seewege nach Indien rund um Afrika beteiligt. Vom weiterhin bestehenden Kreuzzugsgedanken zeugen auch die Roten Kreuze auf den Segeln der Schiffe von Christoph Kolumbus, die denen der Templer ähnelten.

Zum Weiterlesen

Jürgen Keddigkeit u. a. (Hrg.): Pfälzisches Klosterlexikon. Handbuch der pfälzischen Klöster, Stifte und Kommenden, 5 Bände.

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Die Johanniter, die die Templer an vielen Stellen beerbten, haben unter anderem im Mußbacher Herrenhof ein großes kulturelles Zeugnis hinterlassen. Der Konsolkopf findet sich in der zugehörigen Johanneskirche.
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