Roman
Das Buch zu den Olympischen Spielen: die Dystopie „Erdrutsch“
Ein Katastrophenfiktion, der die Wirklichkeit einholt, erzeugt ein seltsames Unbehagen. Im Mai 2025 wurde das 300-Einwohner-Dorf Blatten im Schweizer Kanton Wallis durch einen Gletscherabgang begraben. Ein Szenario, ähnlich wie in „Erdrutsch“, dem ersten Gemeinschaftswerk von Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein.
Der Roman ist fast unheimlich brisant. Man solle beim Lesen das Gefühl haben, das Buch spiele morgen, sagt Burkhard Spinnen beim Frühstück in Konrad Adenauers Villa Collina in Cadenabbia am Westufer des Comer Sees. Demzufolge könnte es bald so aussehen: „Teile der Alpenregion sind knapp drei Wochen nach dem sintflutartigen Hochwasser dauerhaft als Katastrophengebiete eingestuft. Zehntausende von Obdachlosen vegetieren in Notunterkünften, elend an Körper und Seele. Noch viel mehr haben in ihren Häusern weder Strom noch frisches Wasser. Doch dann dies: Gleichzeitig haben die verschonten Skigebiete ihre Belegungsquote auf 110 Prozent hochgeschraubt.“
Zwei Schulfreunde
Der renommierte Schriftsteller Burkhard Spinnen, der zuletzt den berührenden Zeitroman „Vorkriegsleben“ vorlegte, und der Düsseldorfer Kommunikationsexperte Rainer Zimmermann alias Charles Wolkenstein sind Schulfreunde aus Mönchengladbach. Kennengelernt haben sie sich 1966 bei der Einschulung ins Gymnasium. Charles Wolkenstein ist der Künstlername von Rainer Zimmermann, der auch leidenschaftlich gerne malt. Von ihm stammen die Idee und die Exposition zu „Erdrutsch“. Zimmermann besitzt seit Jahrzehnten ein Ferienhaus am ursprünglich weniger mondänen Ostufer des Comer Sees, und diese Erfahrung grundiert den Roman: „Bis in die 90er lag die Gegend in einem Dornröschenschlaf (...) Man kannte sich und grüßte einander, aber die meiste Zeit blieben die Leute in ihren Häusern und genossen die Aussicht auf den See.“
Doch diese „armseligen, aber auch unschuldigen Zeiten“ sind längst vorbei. Das tiefste Gewässer der Lombardei war nicht nur für den ersten deutschen Nachkriegskanzler ein Sehnsuchtsort, sondern ist es auch für heutige Prominente wie George Clooney, der 2002 ein Ferienhaus in Laglio kaufte, was „eine neue Dimension globaler Aufmerksamkeit für die Gegend zur Folge hatte“, wie es im Buch heißt. Die steigenden Touristenzahlen gefährden jedoch zunehmend die gewachsenen Strukturen und nicht zuletzt das Klima. Vor allem die heute beginnenden Olympischen Winterspiele in Bormio haben für einen enormen, zwiespältigen Bauboom gesorgt.
Verstecktes Selbstporträt
Wolkenstein kennt die Gegend wie seine sprichwörtliche Westentasche. In der Figur des sportlichen Aurelio Campanna, genannt „der Tibeter“, hat er ein verstecktes Selbstporträt entworfen: „Er ist Ende vierzig, schlank und sportlich, er gilt als einer der besten Bergsteiger der Region. Von seinen Reisen hat er die Liebe zur Kultur der Tibeter mitgebracht. Deshalb klingeln auch Glöckchen und wehen bunte Gebetsfahnen vor seinem Rifugio, der Hütte auf der Alpe Giumello, die er mit seiner Familie bewirtschaftet.“
Der ebenso schnörkellos wie packend erzählte Roman umfasst 48 Kapitel, die jeweils mit der Angabe von Datum und Ort einsetzen – von Anfang Oktober bis Ostermontag. Es beginnt auf der Alpe Giumello. Diese Almwirtschaft ist 799 Meter hoch auf dem Monte Croce di Muggio gelegen. Hier begegnet Aurelio Campanna beim Pilzesammeln einem seltsamen Mann. Dieser stößt Vogellaute aus und scheint die Vögel warnen zu wollen. Am nächsten Tag kann Aurelio mit der Bergwacht den Unbekannten bergen. Er wird in einer psychiatrischen Privatklinik untergebracht, wo er sogleich einen Krähenschwarm anlockt. Der vermeintlich Verwirrte ist in Wahrheit Tierarzt und steht mit einer Münchner Krähenforscherin in Verbindung. Kurz darauf ereignet sich der erste Erdrutsch, genau dort, wo der Vogelmann seine Warnrufe ausstieß.
„Wir haben be- und entschleunigende Elemente“
Können Tiere, vor allem so intelligente Vögel wie Krähen, Naturkatastrophen voraussehen? Und was bedeutet das für die betroffenen Bergregionen? Diese Fragen setzen eine rasante Entwicklung zwischen Italien, der Schweiz und Deutschland in Gang, die durch ein vielköpfiges Figurenkarussell angetrieben wird. Jede der handelnden Personen, ob Tierarzt, Forscherin, Unternehmensberaterin oder radikaler Umweltaktivist der sogenannten Burnt Generation, der verbrannten Generation, steht für eine gesellschaftliche Haltung oder Idee. Das treibt die Handlung zwar wie einen Staffellauf voran, gesteht den Protagonisten aber kaum ein Innenleben zu. „Wir haben be- und entschleunigende Elemente“, erläutert Burkhard Spinnen das literarische Konzept: „Der Vogelmann ist eigentlich ein entschleunigendes Element. Da ist ein möglicherweise verrückter oder sonderbegabter Mann, der mit Vögeln spricht, eine franziskanische Idylle. Und auf der anderen Seite ist da die Burnt Generation, die ziemlich hart drauf ist und auch vor gewalttätigen Aktionen nicht zurückschreckt.“
Legitimiert das Verhalten der Klimaleugner gewalttätige Proteste? Bei der Beantwortung dieser Frage geben die Autoren ihrem narrativen Affen so richtig Zucker. Angesichts seiner Brisanz ist „Erdrutsch“ unbedingt eine Übersetzung ins Italienische zu wünschen.
Lesezeichen
Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein: „Erdrutsch“; Roman; Kanon, Berlin; 352 Seiten, 25 Euro.