Glosse Das bessere „genau“: Ein Lob auf das schöne Füllwort „sozusagen“
Das hier also ist sozusagen ein Lob auf „sozusagen“, gleichsam das Adverb des Moments. Die Wortwahl derer, die die Dinge so wohltuend ein Füllwort lang sozusagen abwägen, bevor sie sie einfach so behaupten wie Generationen von – genau - „Genau“-Sagern: Von Schlemihl angefangen, dem windigen Dealer aus der „Sesamstraße“, der Ernie ein X für ein U verkaufen will. Bis zu Annalena Baerbock („Sex in the City“) und deren atemholenden wie -raubendem diesbezüglichen Genau-Verschleiß, der sie mit ihrer Alterskohorte verbindet, an deren Jahrgangsrand die 44-Jährige sich befindet.
Genau, die Generation Y oder auch Why wie warum eint ein Hang zur 25-Stunden-Woche bei vollem Matcha-Latte-Ausgleich. Und, achten Sie mal drauf, dass kein Halbsatz ohne eingestreutes Selbstversicherung-Genau finalisiert wird – im Sinne von: „Ich bin, genau, um 9 Uhr aufgestanden, und – genau – jetzt chill ich mal ein bisschen“. Oder auch: „Die Systemkrise, genau, die sich aus den Legitimationsproblemen des grünen Kapitalismus’ ergeben.“ Genau, und so weiter.
Dazu kommt das generationsübergreifend dröhnende Social-Media-Genau (früher Stammtisch-Genau), gefolgt vom unangenehm ironisch-hämischen Bescheidwisser-Genau. Wie wohltuend sich doch davon das suchende, sinnende, selbstreflexive, hadernde, Sozusagen unterscheidet, mit dem man sich sozusagen das Vorläufige des Gedachten und Gedachten eingesteht.
Vorsicht ansteckend
Heißt doch, das Gleiche ließe sich auch so sagen. Oder so. Anders. Oder ganz anders von jemanden anders. Ja, dem Wort eignet eine gewisse Inkonsequenz, um nicht zu sagen Labbrigkeit des Arguments an. Andererseits ist die Welt nicht – genau – so: Dass sich sozusagen kaum etwas noch über den Moment hinaus hält? Gilt nicht auch in der Naturwissenschaft die Vorläufigkeit jeder Theorie und jedes Experiments. Zeugt es nicht von kommunikativer Kompetenz, dem besseren Wort, der besseren Beschreibung, These, Erklärung durch das Hintertürchen des Sozusagen zwanglos den Weg zu bereiten? Dem besseren Sozusagen? Doch Vorsicht, Triggerwarnung, das Sozusagen ist leider auch, wie soll man das sozusagen sagen: hochvirulent, ansteckend wie ein Schwall Noro-Viren der auf ein Kreuzfahrtschiff schwappt. Hat man sich, bei aller Liebe, die das Wort umrankt, das „Sozusagen“ sozusagen erst einmal eingefangen, tendiert es auch zur logorrhoeischen Verwendung. Ist so. Genau. Sozusagen.