Literatur
„Daheim“: Der neue Roman der Ball-Preisträgerin Judith Hermann
Ein Buch über die Einsamkeit. Vielleicht die Liebe. Die untergehende Welt. Wurzeln. Spuren. Und diese Sehnsucht wieder. „Daheim“, heißt Judith Hermanns neuer Roman. Sie trifft traumwandlerisch den Ton. Ein so schönes, tiefgründiges Buch. Ihr schwebend-hypnotischer Sog-Sound. Ihre Präzisionssprache. Die Vertagungsepikerin gilt seit „Sommerhaus, später“ aus dem Jahr 1999, dem Epoche machenden Werk, als Stimme einer Generation, die die Festlegung scheut. Mit dem neuen Roman hat sie sich souverän selbst übertroffen.
Judith Hermann ist Jahrgang 1970. Preisträgerin des Pirmasenser Hugo-Ball-Preises unter anderem. „Daheim“, es spielt weit weg von Berlin, ist für den Leipziger Buchpreis nominiert. Das Watt liegt darin schlickig und weit, es spiegelt den opaken Himmel. Die Traktoren stehen an den Gräben, die runden Heuballen sind Silhouetten. Es ist warm, und die Felder duften nach Kamille, trockener Erde und Salz. Nach Ginster und heißen Steinen der Abend. Wohnungen sind so leer, als wäre das Haus Schauplatz eines Blutbads gewesen und als wäre eine Mannschaft angerückt, um die Spuren zu beseitigen. Der Blick vom Balkon fällt auf eine Tankstelle, in der Menschen ihre Autos betanken wie im Schlaf. Man reibt sich die Sonnenmilch ins Gesicht, als wäre man sein eigenes Kind. Nur eins noch, etwas duftet so explizit, als wäre er farbig.
Wir sind Trabanten
„Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen“, sagt die namenlose Ich-Erzählerin einmal. Das ist die Stimmung. Anfangs wird erzählt, wie sie, eine Arbeiterin in einer Zigarettenfabrik, eine trotzige junge Frau, die allein ist und lebt, sich zur Probe hat zersägen lassen. Ein Zaubertrick natürlich, aber das Gefühl, entzwei zu sein, verfolgt sie.
Ob sie seine Assistentin sein wolle, es ginge auf dem Schiff nach Singapur. Der Zauberer hatte sie auf der Straße angesprochen. Sie geht dann hin zu seinem unbehausten Haus. Beobachtet von der Frau des Zauberers, steigt sie in die Kiste. Ohne Angst, es ist seltsam, wie sehr, geht ihr erst danach auf. Im letzten Moment sagt sie dann aber ab. Kisten und die Gefühle, die damit zusammenhängen, säumen fortan ihren Weg.
Die Marderfalle zum Beispiel hinter ihrem spröden Haus, die ihr Arild aufstellt. Ein Schweinebauer und Schweiger, ein Berg von Mann und Einsamkeitsmassiv, mit dem sie eine zögerliche, fast schon pragmatisch sich entwickelnde, unwahrscheinliche Art Liebe verbindet. Die Ich-Erzählerin ist an die Küste gezogen, 30 Jahre später, an die Ostsee wahrscheinlich, in ein Haus außerhalb eines Dorfes, „es liegt einsam, es ist baufällig und winzig und steht an einer gepflasterten, sandigen Straße, die am Deutschpolder endet“. Ein Abgeschiedenheitsdomizil. Sie liest „Elf Arten der Einsamkeit“ von Richard Yates.
Zum Frühstück trinkt sie statt Darjeeling mit Honig Assam mit Milch, eine „alternde Frau“ jetzt, 47. Geschieden von Otis, einem Apokalyptiker, Messie und Prepper, mit dem sie auf Abstand Kontakt hält. Ein Sammler voller Trauer. Das Leben zieht an ihm vorüber. Ann, ihre Tochter, ist von zu Hause ausgezogen. Sie schickt ihre Google-Maps-Koordinaten, fährt in einer Mission, die sie geheim hält – Seenotrettung vielleicht, Greenpeace – auf einem Schiff durch die Welt. Derweil verkapselt sich die Mutter in ihrer eigenen.
Sie denkt dann immer noch, sie könnte eine andere sein, als die, die sie ist. Und sie staunt darüber, dass sie immer noch glaubt, entscheiden zu können, wer sie sein will und sein könnte. Dann sehnt sich nach ihrer Sehnsucht und dem, was sie einmal hatte. Ein nachholendes Vermissen. Sie jobbt in der Küstendorf-Kneipe ihres Bruders, die sich „Shell“ nennt, Muschel.
Er ist 60, ein Hochstapler mit Truthahnhals, verzweifelt verliebt in die vierzig Jahre jüngere Nike, ein gequältes Kind, das ihre Eltern oft tagelang in eine Kiste (!) eingesperrt haben – mit den entsprechend traumatischen Konsequenzen. Ein tragisches Schicksal. Sie trägt ein Hoodie mit Charles Manson-Porträt und High Heels auch im Winter. Dazu kommt noch Mimi, die einzige Nachbarin, eine Künstlerin, die ihre Leinwände dem Watt und dem Meer aussetzt und wartet, was passiert. Auch sie eine Spurensucherin. Sie mäht nackt das Gras.
Die Tasse im Abwaschbecken
Mimis Bruder wiederum ist jener Schweinebauer Arild, mit dem die Ich-Erzählerin irgendwie zusammenkommt. Er kocht Tiefkühlkost, ausschließlich, lässt die Teller wie Eishockey-Pucks über den Tisch schlittern. Im Abwaschbecken eine angeschlagene Tasse mit dem Emblem von Manchester United. Wie die Autorin die spröde Zuneigung der beiden zueinander schildert, ist grandios. Wie er sie nach einer Liebesnacht in den Schweinestall führt, kommentarlos. Ratlos. Kein schöner Anblick. Beide nehmen das ungerührt zur Kenntnis. Sie kann halt manchmal nicht an sich halten. Seine Reizbarkeit, seine Sturheit, die massive Kraft, mit der er lauter unsichtbare Dinge aus dem Weg schiebt, sie findet ihn unwiderstehlich ohne richtigen Grund.
Lange hallt Judith Hermanns Roman nach, in dem die Männer dysfunktional, die Frauen passiv, die Einsamkeit und die Selbstzweifel groß sind. In ihm rumort ein verstörend düsterer, selbstzerstörerischer Kern.
Zu der ersten Begegnung mit Arild zum Beispiel, Schwester Mimi sitzt auf dem Sofa dabei, heißt es so: „Er drückte mich in die Ecke des Zimmers und machte seine Gürtelschnalle auf, seine Handgelenke waren pelzig, ich ging in die Knie, ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals auf eine solche Weise angefasst worden zu sein. Zu diesen Dingen so aufgefordert worden zu sein – direkt, beinahe sachlich.“
„Mein Bruder sagte“, lautet eine andere Stelle: „Mein Gott. Ich hasse die Menschen“. Und weiter: „Die Sonne sank. Ich ging rein und aß ein Schwarzbrot mit Butter und Salz“. Lapidarer lässt sich Daseinsakzeptanz nicht ausdrücken. „Dass es“, wie die Ich-Erzählerin denkt, „nur gibt, was du gerade erlebst, und jede Erklärung, die du dafür hast, ist ausgedacht und existiert erst, wenn du sie formulierst“.
Das heißt aber nicht, dass im Roman nicht nach Sinn gesucht würde. Nach Verwurzelung. Halt. „Ich weiß, dass ich niemals etwas mehr gewollt habe, als einen Schlüssel an einer Schnur um den Hals“, heißt es über eine Kindheit, in der die Mutter sie und ihren Bruder stundenlang auf der Treppe vor der Tür hat sitzen lassen. Einfach, weil sie Zeit für sich brauchte.
Tippelschritte voran
Wo ihre Wurzeln seien, will Mimi von ihr wissen. Sie und ihr Bruder Arild leben schon ewig hier. Arild war nie weggewesen – „wozu denn auch“. Und die Erzählerin sagt: „Oh, ich fürchte, ich habe keine.“ Ich fürchte, ist der entscheidende Satzteil. Sie will schon ankommen wollen, aber sie kommt dabei nur stockend voran. Arild bleibt jetzt manchmal über Nacht. Sie ist auf die Geburtstagsfeier seiner Mutter eingeladen. Sie sonnt sich im Bild, das ein indischer Arzt von ihr hat, „ich gehöre zu einem Stamm, mein Leben hat Spuren gezogen“.
Sie überlegt sogar, demnächst die Haustür offen zu lassen, statt sich mit Sicherheitsschloss abzuschotten. Sie lässt das Tier frei, das in der Marderfalle sitzt. Sie wagt sich voran. Auf der Stelle tippelnd. Was sonst, sie ist die Generation unentschieden, nur älter. „Gehst du nicht rein“, wird sie einmal gefragt – ohne Fragezeichen. Und sie so: „Doch, später.“
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