Kunst
Cragg kam bis nach Schlierbach: Eine Schau im Heidelberger Skulpturenpark
Die kreidig blassgrüne Skulptur türmt sich auf über vier Meter Höhe. Der heftig in Bewegung geratene Bronzestapel wirkt wie ein zum eleganten Körper erstarrtes Zerrbild. Der Blick geht automatisch himmelwärts. Leise fühlt man sich an Umberto Boccionis futurische Plastik eines mit fliegenden Fahnen Ausschreitenden erinnert. Passen würde das ja. „Runner“, nennt Tony Cragg sein 2015 entstandenes Werk, das jetzt auf einem Rasenstück vor der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg thront, Läufer. Und jetzt sieht man sie auch. Die angewinkelten Knie, die scheinbar in alle Richtungen strebende Dynamik. Das leicht überzeichnete Profil des britischen Bildhauer-Weltstars aus Wuppertal, das sich durch die Plastik paust. Schon ein Coup, dass Cragg seine assoziative, organisch wuchernde Kunst jetzt ausgerechnet in Schlierbach ausstellt – und bei der Eröffnung vergangenes Wochenende wie selbstverständlich anwesend war.
Zarter Typ mit „Yeah“
Ein zugewandter Mann, bodenständig, ironiebegabt, britisch halt. Geboren in Liverpool, der Stadt der Beatles, ein eher zarter Typ mit „Yeah“. Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie früher. Der vielbeschäftigte 76-Jährige, der seit 1977 in Deutschland lebt, spricht mit nur leichtem Akzent. Er darf sich Sir nennen. Ihm wurde das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er ist Chevalier des Arts et des Lettres, Turner-Preisträger. Den Praemium Imperiale, der als Nobelpreis der Kunst gilt, hat er ebenfalls bekommen. Beinahe selbstverständlich, dass der Documenta-Teilnehmer schon früh den englischen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielt hat. Prominent platziert ist seine Monumental-Bronze „Werdendes“ aus dem Jahr 2020 im Berliner Regierungsviertel, unübersehbar, ein Augenfänger, wenn man mit dem Boot auf der Spree vorbeischippert. Die Heidelberger Hochkaräter-Schau jedenfalls hat sich der von dem Mannheimer Unternehmer, Künstler und Mäzen Manfred Fuchs vife geleitete Verein der Freunde und Förderer des Skulpturenparks redlich verdient, zumal zum Jubiläum: durch heftiges Ehrenamt. Cragg erzählt, er habe von Fuchs viele Mails mit der Kennung „Eilt!“ erhalten.
Angefangen hat alles vor 30 Jahren mit Bernhard Heiligers wie aus dem All gestürzt wirkender Scheibe „Solarica Y“. Mittlerweile aber führt ein Parcours mit 31 Arbeiten von Vera Röhm, Werner Pokorny oder des Ludwigshafener Pfalzpreisträgers Jochen Kitzbihler durch den öffentlichen Raum des weitläufigen Klinikgeländes. Lustwandeln frei. Vorerst letzter Ankauf des von Experten wie dem Kaiserslauterer Direktor der Frankfurter Schirn, Sebastian Baden, beratenen Vereins waren die „Wächter“, eine Gruppe aus Stelen und Quadern von Alicja Kwade, einer deutsch-polnischen Künstlerin, die internationale Strahlkraft entfaltet.
Ihr war vor zwei Jahren die jüngste einer ganzen Reihe von Sonderausstellungen der Skulpturenparkmacher gewidmet. Jetzt also steht der 30 Jahre ältere Cragg im Fokus einer zusammen mit der BS Kulturstiftung realisierten Doppelausstellung. So sind im Skulpturengarten Spanischer Turm auf der Darmstädter Mathildenhöhe zehn Werke von Cragg zu sehen, dessen berühmteste Arbeiten sich pyramidal um die eigene Achse in die Höhe schrauben.
Die schlanken, silbrig glänzenden, aufwärts zackenden Edelstahlsäulen von „Point of View“ präsidieren die Parklandschaft dort. Oder „Versus“, 2012, eine orangefarbene Kugelform des leidenschaftlichen Mineralogen, deren kristalline Oberfläche an Amethyste denken lässt. Auf dem Heidelberger Orthopädie-Klinikgelände tentakelt dafür „Manipulation“, 2008, ein bronzenes, Fußballtor-hohes, von Buchstabenlettern übersätes Wesen auf dem Rasen auf der Rückseite des Gebäudekomplexes. Das älteste der fünf gezeigten Werke, „Early Forms (St. Gallen), 1997, liegt derweil gleich am Anfang am Wegrand wie eine riesengroße, bronzene, sich aufdröselnde Spiralnudel. Wie eine aus der Form gehende Schraube sieht das Werk aus, ein metallischer Wurm mit Schnittverletzungen. Tony Craggs Arbeiten sind angenehm multiperspektivisch anseh-, interpretier- und immer wandelbar.
Als junger Mann hat er nach einer Anstellung als Labortechniker und noch als Student der Londoner Royal Acadmie of Arts, mit Assemblagen angefangen, Puzzles aus auf dem Fußboden ausgelegtem Haushaltsgerümpel. Ein Tisch stand mit einem Bein auf einem Stein. Einmal zog sich eine vierspurige Fahrbahn für Spielzeugautos durch eine Galerie. Später schichtete der Ingenieurssohn Fundstücke aus Holz und Zeug zu „Hünengräbern des XX. Jahrhunderts“ auf. Noch so eine Werkphase: die nach dem Matruschka-Prinzip gebauten, perforierten Bronzen. So wie der zur Sammlung der Kunsthalle Mannheim gehörende „Ferryman“, Öl und Wachs auf textilem Bildträger über Holz, installiert mit Elektrokabel und Glühbirne.
Die Schicht um Schicht einsehbare Plastik lässt an den Fährmann Charon aus der griechischen Mythologie denken – und weil die Form an einen Hund gemahnt, an den Wächter der Unterwelt, den dreiköpfigen Cerberus. Craggs Kunst gleicht einem facettenreichen Spiel mit sensibel angetippten Sinndimensionen – von der Kulturgeschichte bis hin zu Quellen des existenziell organischen Daseins. Immer wohnt ihr die Metamorphose inne. Ein Moment, in dem alles verfließt und sich verflüssigt.
Die Natur im Hinterkopf
„Im Hinterkopf, wünsche ich mir immer, dass meine Skulpturen dasselbe Wahrnehmungserlebnis vermitteln wie ein Naturobjekt“, meinte der Künstler einmal. Nicht umsonst gelten die Erneuerer Medardo Rosso, Constantin Brancusi und Marcel Duchamp als die Vorläufer, an denen er sich am liebsten reibt. „Integers“, deutsch: ganze Zahlen, aus dem Jahr 2020 aber, zusammen mit dem „Masks“ betitelten Bronzestapel die jüngste in Heidelberg ausgestellte Arbeit, ruft leise Jean-Arp-Assoziationen auf. Zwei fast drei Meter hohe Erdnussknubbel, die sich aneinanderschmiegen wie ein verliebtes Paar, wie Klimts küssende, wie Zwillinge, die aneinanderhängen. Cragg gefällt das, wenn seine Werke ganz verschieden durchbuchstabiert werden. Er selbst pflegt bisweilen den Selbstwiderspruch.
So nannte er sich früher selbst „Materialist“. Inzwischen ist ihm die Form „immer“ wichtiger. Auch erschien ihm, die Möglichkeit, eine Skulptur anzufassen, „überflüssig, weil das den Zugang zu dem Werk verhindert.“ Vergangenes Jahr im Düsseldorfer Kunstpalast aber war dann eine Ausstellung mit seinen Werken zu sehen, die diese Einschätzung in ihr Gegenteil verkehrte. Bei „Please touch“ war Anfassen Prinzip. Zum Schluss hatten 125.000 Menschen die Schau gesehen. Die meisten beseelt. Oder wie Tony Cragg das sagt: „Bildhauerei ist dazu bestimmt, eine bessere Welt zu schaffen.“
Die Ausstellung
Tony Cragg, bis 15. Oktober im Skulpturenpark Heidelberg. Info: www.skulpturenpark-heidelberg.de