Kultur Chancen und Risiken der Digitalisierung: Ausstellung „Ohne Schlüssel und Schloss?“ in der Pfalzgalerie
Den Sieg im Wettbewerb „Digitale Stadt“ hat Kaiserslautern nur knapp verpasst. Gäbe es allerdings einen ähnlichen Wettbewerb für Museen, die Kaiserslauterer Pfalzgalerie stünde mit ihrer jüngsten Ausstellung konkurrenzlos auf dem Podest ganz oben: „Schlüssel und Schloss. Chancen und Risiken von Big Data“ führt zusammen, was auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat. Mit jedem weiteren Blick aber eröffnen sich kulturgeschichtliche Zusammenhänge: Die Frage nach dem Datenschutz stellt sich nicht erst seit Anbruch des IT-Zeitalters.
Auch wenn es Ausstellungsmacher und Leihgeber erst einmal betrübt: Uns als Besucher – oder besser gesagt: uns Datenträger – beruhigt die Tatsache erst einmal, dass nicht alle High-Tech-Geräte auf Anhieb so funktionieren wie vorgesehen. Lächeln sollten Sie auf jeden Fall, wenn Sie ins Museum gehen: Sie werden fotografiert! Und dürfen sich geschmeichelt fühlen – oder schockiert sein. Je nachdem, ob der Computer Sie zehn Jahre jünger oder fünf Jahre älter einschätzt. Beim Geschlecht hat er sich noch nicht vertan – aber auch hier dürften sich irgendwann einmal die Grenzen von Einordnung durch Gesichtskontrolle zeigen. Daran, dass wir im öffentlichen Raum beobachtet werden, haben wir uns gewöhnt, manche posten sich ja auch ganz freiwillig da hinein. Dass aber Wärmebild-Sensoren auf Tastaturen eines Bankautomaten unseren Geheim-Code abgreifen könnten, verursacht doch ein leises Unbehagen (klappt – noch? - nicht immer!). Dürers Darstellung der vier Apokalyptischen Reiter hat der Grafikkünstler Klaus Staeck eine moderne Gestalt gegeben: Sie heißen jetzt Amazon, Apple, Google und Facebook. Muss man sich jetzt fürchten? Oder erst einmal das zwölf Meter durch den Treppenhausschacht des Museums heruntergelassene Transparent mit den (dennoch nicht vollständig abgedruckten) Geschäftsbedingungen von Facebook lesen? Besser, man beginnt nach der „Datenerfassung“ im Eingangsbereich damit, die beiden Erdgeschoss-Flügel des Museums zu erkunden. Am Ende wird man erkennen: „Big Data“ ist weder gut noch böse. Privates in Koffertruhen mit kunstvoll gearbeiteten Schlössern zu verstecken, ist allerdings aus der Mode geraten. Und schließlich: Auch diese konnten gestohlen werden und ihre Geheimnisse preisgeben, was von den Besitzern als herberer Verlust empfunden wurde als heute das Verschwinden eines Satzes persönlicher Daten. Die gesellschaftliche Veränderung im Umgang mit „Verschlusssachen“ darzustellen, ist eines der Ziele der Ausstellung. Daten und ihre Sicherheit werden im Wandel von analog zu digital neu bewertet. Die Begriffe Verschluss und Verschlüsselung erhalten eine neue Bedeutung. Die Pfalzgalerie in Kaiserslautern ist geradezu prädestiniert dafür, diese Wandlungen aufzuzeigen. Ausstellungskuratorin Svenja Kriebel leitet die kunsthandwerkliche Sammlung des Hauses, gewissermaßen das „Herzstück“ des Museums, angelegt, als die erste industrielle Revolution alte Traditionen hinwegfegte. Zu den Zeugnissen alter Handwerkskunst, die als Muster für kommende Generationen bewahrt werden sollten, gehören auch kostbare Truhen und Behältnisse mit prachtvollen und mit viel Liebe zum Detail gestalteten Schlössern. Die in Kaiserslautern gleich neben den Museumssälen angesiedelte Meisterschule für Handwerk ist Bestandteil der Tradition in der Stadt. Die Technische Universität, die Hochschule, Fraunhofer-Institute, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sind das neue Kaiserslautern, für das auch Unternehmen wie Empolis, Human Solutions oder Mobotix stehen. Sie sind Leihgeber oder – wie im Fall der vom DFKI entwickelten und demnächst (auch Verzögerungen sind Teil von IT-Technik!) zur Verfügung stehenden Ausstellungs-App – aktiv an der interaktiven Präsentation beteiligt. Man muss mitmachen – und einiges von sich preisgeben (zur Beruhigung: für ganz Unwillige gibt es auch gedrucktes Papier), muss akzeptieren, dass das DFKI Daten auswertet; dafür trägt man aber auch einen Erkenntnisgewinn mit nach Hause. Und sei es nur den, dass sich Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ prima als Stabilisator für ein zu kurz geratenes Tischbein eignet, die „Kritik der reinen Vernunft“ hingegen leider meist ungelesen auf dem dazugehörigen Tisch liegen bleibt: eine Arbeit von Timm Ulrichs aus der Skulpturensammlung des Museums; sie kann auch als Hinweis darauf verstanden werden, sich doch auch der reinen Vernunft zu bedienen, bevor man sich zu naiv aller praktischen Vorteile der neuen Technologien bedient. Dazu gehört auch, sich einmal näher mit dem Begriff zu befassen, der bei IT-Skeptikern oft als Inbegriff allen Übels gilt: Algorithmus. Dabei handelt es sich doch eigentlich um eine Handlungsbeschreibung zur Lösung eines Problems. Es kann aber auch mehrere Lösungen geben. Die Wahl hat der Mensch. Bauch- oder Fingerspitzengefühle lassen sich nicht in Algorithmen fassen. Gleich nach dem von den vier Apokalyptischen Staeck-Reitern bewachten Eingang steht eine vom Algorithm Accountability Lab der TU Kaiserslautern entwickelte Anleitung. Man darf da Spielkarten stapeln und in die richtige Reihenfolge bringen. Gegenüber gilt es, an einem „Entscheidungsbaum“ Glasmurmeln zu sortieren. Und an einem Robo-Richter vom Zoll, der zwischen Tausenden von Touristen ein paar nervöse Schmuggler herausfischen will, erlebt man, wie falsch es sein kann, sich allein auf den Algorithmus zu verlassen. Ist die Angst vor Algorithmen einmal verloren, könnte sie gleich wiederkommen. Denn hinter den Codierungen stehen und standen Menschen – und was die verschlüsselten, war nicht selten hoch brisant. Wer den Schlüssel besitzt, hat die Macht. Eine Reihe der berühmten Enigma-Verschlüsselungsmaschinen aus dem Zweiten Weltkrieg steht im Museum direkt vor Rune Mields Werk „Söhne der Mathematik“ von 1984: Fünf Tafeln mit der in jenem Jahr größten je errechneten Primzahl (ein längst gebrochener Rekord), über die kriegerisch anmutende Gestalten schweben. Primzahlen werden eingesetzt, um militärische Codes zu schreiben, für Kriege, in die so viele Söhne ziehen müssen. Da ist es dann wieder fast wieder beruhigend, dass selbst die Profi-Entschlüsseler vom BKA nicht alle Geheimfächer im zierlichen Biedermeier-Sekretär von Conrad Ahlers fanden, als sie im Oktober 1962 auf dem Höhepunkt der „Spiegel“-Affäre dessen Hamburger Privatwohnung untersuchten. Apropos Biedermeier: Von Spitzwegs „Zeitungsleser im Hausgärtchen“, der sich in die häusliche Idylle zurückzieht – und sich damit gleichzeitig vom Leben abkapselt – bis zu PAUL, dem in Kaiserslautern entwickelten Persönlichen Assistenten für Unterstütztes Leben, der melden kann, ob ein allein Lebender alter Mensch in seiner Wohnung gestürzt ist, weil der Boden dort mit Sensoren ausgestattet ist, reicht die Palette. Will man sich der, wenn auch anonymisierten, Dauerbeobachtung aussetzen, im Interesse der eigenen Sicherheit – oder eine Mauer ziehen? Entscheiden muss der Einzelne. Wie viel geben wir aber bereits von unseren Daten preis, ohne es zu wissen? Auch hier bietet die großartige Ausstellung, in der Kunst auf Wissenschaft, Technik und Wirtschaft trifft, viel Stoff zum Nachdenken. Und genau dies ist ja eine der wichtigsten Aufgaben von Kunst. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass die Begegnung mit Big Data im Museum großes Vergnügen bereitet. Die Ausstellung „Schlüssel und Schloss. Chancen und Risiken von Big Data“; bis 18 Februar; dienstags 11-20 Uhr, mittwochs bis sonntags 10-17 Uhr; Begleitveranstaltungen und weitere Informationen: www.mpk.de; App und Katalog in Vorbereitung.