Kultur Cabaret unterm Mond
Die Welt gerät aus den Fugen – und die Straßburger Rheinoper zeigt eine Situationsbeschreibung als gallig-amüsanten Theaterabend. Scheinbar unvereinbar Gegensätzliches fügt sich da wie von Zauberhand unter der Regie von David Pountney und mit dem schauspielernden Dirigenten Roland Kluttig zu einem grandiosen Musiktheater zusammen – 100 Jahre nachdem Arnold Schönberg, Kurt Weill und andere das Ende von Opas Oper einläuteten.
Die Welt ist noch immer aus den Fugen. Das mag der bittere Nachgeschmack dieses doch so unterhaltsamen Abends sein. Und man kann am Ende auch nur staunen ob der Hellsichtigkeit – oder war es die pure Verzweiflung? –, mit der Künstler und Intellektuelle vor nahezu 100 Jahren ihre Zeit analysierten. Wobei im Nachhinein die Grenzen verschwimmen: Ob vor dem Großen Krieg (wie Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ von 1912) oder während der Jahre, in denen die Weimarer Republik und mit ihr das Europa der Zwischenkriegszeit ihrem Untergang entgegentaumelte und die man gemeinhin die Goldenen Zwanziger nennt: Das „Mahagonny-Songspiel“ und die „Sieben Todsünden“ des Duos Bert Brecht und Kurt Weill kamen 1929 und 1933 zur Uraufführung. Sie mochten sich gar nicht: Schönberg, der zentrale Kopf der Zweiten Wiener Schule, und Weill, der dem Wegbereiter der Zwölftonmusik bereits viel zu populär war, bevor dieser am Broadway Erfolge feierte. Eine gegenseitige Missachtung, die sich im Urteil der musikalischen Nachwelt erhalten hat: hier Geringschätzung für den „amerikanischen Weill“, dort der Elfenbeinturm für den Neutöner. Beide jedoch flohen sie vor den Nationalsozialisten nach Amerika Die Verfolgung hätte sie auch zu Verbündeten machen können. Denn sie hatten vielleicht doch mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Ja doch, auch der gestrenge Schönberg hat in seinen Berliner Jahren Cabaret-Chansons komponiert ... Und doch scheint es gewagt, was David Pountney, langjähriger Intendant der Bregenzer Festspiele und nicht nur dort eine Art Regiezauberer mit viel Lust am Theaterspiel und Sinn fürs Groteske, sich für Straßburg ausgedacht hat: Weills „Mahagonny-Songspiel“ und die „Sieben Todsünden“ mit Schönbergs „Pierrot Lunaire“ zusammenzufügen, mehr noch: die drei mal sieben symbolistisch-surrealistischen Gedichte des Belgiers Albert Giraud, recht frei ins Deutsche übertragen von Otto Erich Hartleben, als Einlage für die Mahagonny-Szenenfolge zu verwenden. Vom grünen Mond von Alabama Weills zum nächtig todeskranken Mond, zum Mondstrahl als Ruder und dem weißen Mondfleck auf Pierrots Gewand zum Mond, unter dem die Wasser des Mississippi fließen – in den „Sieben Todsünden“, dem einzigen der drei Teile des Abends, der so etwas wie eine Handlung hat: die Reise von Anna eins und Anna zwei, die eigentlich nur eine sind, Herz und Verstand. Aus ihr werden bei Pountney drei: zwei Sängerinnen und eine Tänzerin. Sie träumen von einem kleinen Haus in Louisiana – und als sie endlich ankommen, hat das bereits eine gewaltige Schieflage ... Whiskybars, Boxringe, Zirkusmanegen, Cabaret, Todsünden und Träume: Die Szenenfolgen gehen ineinander über, und wir Nachgeborenen wissen, wohin die Reise führte. Marie-Jeanne Lecca hat für den Cabaret-Direktor Pountney Bühnenbild und Kostüme entworfen, die von Picassos Pierrot über „Onkel Toms Hütte“ bis zu Kandinskys ersten abstrakten Gemälden vieles erahnen lassen, glamourös, humorvoll, anspielungsreich. Selbst Dirigent Roland Kluttig wirkt als Pierrot mit schwarz-weißer Maske mit und darf, ganz im Cabaret-Spiel, ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Chef“ über die Bühne tragen. Das ist er in der Tat, denn er zieht die Fäden des vor der Pause auf der Bühne agierenden Orchesters – mit glänzenden Solisten für Schönberg – und zeigt auch musikalisch, wie nahe sich die Antipoden der Moderne. Schönberg und Weill – doch manchmal sind. Zu Poesie, Spannung und humorvoller Typisierung der Bühnenfiguren gesellen sich noch grandiose Sänger-Sprecher-Darsteller, choreografiert von Beate Vollack und Amir Hosseinpour: Lenneke Ruiten und Lauren Michelle, die beiden Sopranistinnen, die Schönbergs Sprechgesang ebenso beherrschen wie „schöne Töne“, Wendy Tadrous, die Tänzerin, das Männerquartett Roger Honeywell, Stefan Sbonnik, Antoine Foulon und Patrick Blackwell, das erst im Stil der Comedian Harmonists agiert und dann gar köstlich die wartende Familie der reisenden Annas mimt. Welch ein hellsichtiger Blick auf eine Zeit, die so fern scheint und vielleicht doch so nah ist! Termine „Les Sept Péchés capitaux...“, Vorstellungen am 24., 26., 28. Mai, www.opernationadurhin.eu