Kunstmesse RHEINPFALZ Plus Artikel Blumen statt Politik: Ein Rundgang über die Karlsruher Kunstmesse „art“

Auf der „art“: Der Zellertaler Wolf Münninghoff stellt beim Atelier im Delta aus. Zu sehen „Ring 7“ aus Esche und „Himmelsleiter
Auf der »art«: Der Zellertaler Wolf Münninghoff stellt beim Atelier im Delta aus. Zu sehen »Ring 7« aus Esche und »Himmelsleitern«, Walnuss.

Rote Punkte für Pfälzer Künstler. Und H.A. Schult steht mit Vokuhilafrisur am Rand. Viele Wege führen über die „art“ in Karlsruhe; hier ist einer davon.

Ein Werk zum Steinerweichen. Lea Nina Rosetti hat einen 400-Kilogramm-Kalksteinbrocken mit Quellsprengstoff in zwei Teile zerlegt. „49h37min748s“ – der Titel gibt an, wie lange die lastende Detonation gedauert hat, fast 50 Stunden. Das heißt, im Innern der Teile rumort es offenbar immer noch: ein leise-unheimliches Rauschen und Klicken, das sich auf die Stahlplatte überträgt, auf der sie liegen. Mit Kopfhörern lässt sich mithören. „Ich wollte schreien“ nennt die Absolventin der Stuttgarter Kunstakademie ihre Installation, die im sogenannten Academy Square der Karlsruher „art“ ausgestellt ist. Die Messe zeigt als erste im neuen Jahr, wie der Kunstmarkt derzeit so tickt.

Die Lage ist schwierig, aber alle sind hoffnungsfroh. Rote Punkte prangen schon am ersten offiziellen Messetag. Lilau, ein Künstler aus Gries im Landkreis Kusel – Markus Bäcker eigentlich, wenn er aufs Amt geht –, hat über seine Galerie eine drei Meter hohe Basaltgesteinstele aus gestapelten Gliederelementen sogar vorab verkauft. Der gelbe Punkt an dem 16-teiligen, mit toxischem Lila infizierten Gemälde-Klopper des Kandeler Malers Benjamin Burkhard bei Art Affair aus Regensburg zeigt dagegen an, dass das Werk reserviert worden ist.

35.000 Euro kostet „Schlummerschwund“, auf dem die fantastisch-realistischen Motive aus Parallelwelten überschießen und – unter vielem anderem – ein Mann mit Hut ein Zebra reitet. Trotzdem ist preislich noch Luft nach oben. Das teuerste Werk der „art“, Max Liebermanns, frierende Herzen erwärmende „Strandterrasse in Nordwijk“ aus dem Vorkriegsjahr 1913, hängt gut bewacht über dem Empfangsdesk der Galerie Ludorff aus Düsseldorf an der Wand. Und kostet: 1,25 Millionen Euro.

Stoff im Wind Apuliens: Arbeit von Katharina Schnitzler. Die Lebensgefährtin von „Tatort“Kommissarin Ulrike Folkerts stellt auf
Stoff im Wind Apuliens: Arbeit von Katharina Schnitzler. Die Lebensgefährtin von »Tatort«Kommissarin Ulrike Folkerts stellt auf einem der Skulpurenplätze aus.

180 Galerien aus 18 Ländern sind vertreten, die Neuzugänge zur Hälfte aus dem Ausland: aus den USA, Taiwan – eine Galerie ist aus Teheran angereist. Unter Olga Baß und Kristian Jamruschek, seit zwei Jahren das Leitungsduo, hat die vor allem im finanzpotenten Dreiländereck populäre Messe deutlich mehr Zug.

Auch „Nacktschneckensex“

Die Kitschecken sind weg. Keine Galerie vertritt den mit Mitte 20 aus dem schrillen Rampenlicht gedrifteten früheren Messestar Leon Löwentraut. Dafür findet sich am Stand von Thole Rotermund (Hamburg) unter einer Serie schwarzweißer Druckgrafiken von Gabriele Münter (1877 bis 1962) auch das herschießende Porträt, auf dem die Blaue Reiterin ihren Lebenspartner Wassily Kandinsky als schwarzen Schatten am Klavier verewigt hat.

Von Emil Nolde ist das nahezu abstrakte, violett-gelb-grün schillernde Spätwerk-Aquarell „Meer im Abendlicht mit qualmendem Dampfer“ ausgestellt; es kostet beim Kunsthaus Artes 180.000 Euro. Willi Baumeister ist mit dem wie Paul-Klee-Style tanzenden Gemälde „Figurenmauer“ (bei Schlichtermaier) vertreten. Klassische Moderne, Gerhard Richter, Expressionismus und Andy Warhol, Zero-Kunst von Heinz Mack und das selbsternannte Malergenie Markus Lüpertz, der vorab zu seinem 85. Geburtstag abgefeiert wird – so geht es dahin bis zum zeitgenössischen „Nacktschneckensex“ auf einem Werk von Ines Brost im Academy Square. Alles da – na ja, sehr vieles. Karlsruhe will gar nicht wie Basel sein – high-end. Das Publikum gibt sich auch bodenständiger. Jeder und jede aber kann auf dem Weg durch die vier Hallen seine Spur finden.

Weltflucht: Eine Marsexpedition auf der „art“.
Weltflucht: Eine Marsexpedition auf der »art«.

Zu den Pfälzern: Unter anderem ist zum ersten Mal auch der Zellertaler Wolf Münninghoff mit Holzplastiken beim Mannheimer Projekt „Ateliers im Delta“ dabei. Als einziger Galerist aus der Region zeigt der Ludwigshafener Werner Lauth etwa Marlis Albrechts zum Sich-Verlieren meditative Waldlandschaft „Freilicht“, die für 8.500 Euro auch schon verkauft ist.

Auf einem der für die Messe signethaft großzügigen Skulpturenplätze lappen Bahnen aus Stoff aus dem Himmel wie in venezianischen Gassen die Wäsche: Patchwork aus Seide, Samt und Nessel, dazu Vorhangreste aus italienischen Palazzi und – wunderbares Wort – „Mitgift-Leinen“. Die Künstlerin Katharina Schnitzler aus Düsseldorf hat sie zwischen Bäumen aufgehängt und mit dem Wind und Genius loci Apuliens aufgeladen. Sie nennt die Installation „Energiefeld“. Indes verspricht das lilafarbene re:discover-Label an den Messeständen frische Luft für Künstlerinnen wie Bettina von Arnim (bei Poll), die in Vergessenheit oder unter den Radar geraten sind. Und unter dem Signet re:frame sind Galerien versammelt, die das zwischen Bewahrung und Marktvirulenz laborierende, schwierige Geschäft der Nachlassverwaltung betreiben.

Groß gefeiert wird Markus Lüpertz. Im April wird er 85. Hier eine Plastik von ihm.
Groß gefeiert wird Markus Lüpertz. Im April wird er 85. Hier eine Plastik von ihm.

Große Namen gehören zu denen, die posthum umsorgt werden, wie der malende Drastiker Norbert Tadeusz (1940 bis 2011), dessen Nachleben Brennecke Fine Art verantwortet. Derweil hat die Kunstpartner Galerie in Adlmannstein auch für die Nachlässe nicht so bekannter Künstler wie den Kunstmaler und „Idyllenstörer“ Max Bresele ein Schaulager der Kategorie „architektonisch wertvoll“ gebaut.

Nichts als ein Moped und einen Schuldenberg hinterließ Bresele, als er 1998 im Alter von 54 Jahren in Oberviechtach starb – und eine randvoll mit Objekten und Bildern gefüllte Scheune. Kein Wunder: Bresele hat für seine Kunst mit Vorliebe Abfallprodukte der Konsumgesellschaft verwertet, ähnlich wie der mittlerweile 86 Jahre alte Kölner H.A. Schult.

Oh weh, wie schön!

Am Donnerstag sah man diesen mit eindrucksvoller Vokuhila-Frisur und quellenden Sneakern vor einer kleinen Armada seiner berühmten „Trash People“ vor einem der Skulpturenplätze stehen: roboterähnliche Wesen aus weggeworfenem Zeugs. Politische Kunst wie seine ist auf der „art“ indes eher sehr selten. Dafür Blumenstillleben allüberall – ein Fluchtweg aus dem Desaster der Gegenwart?

Der Künstler und sein Werk: HA Schult auf der Messe.
Der Künstler und sein Werk: HA Schult auf der Messe.

Astern auf einem Gemälde von Klaus Fussmann (für 14.000 Euro). Dazu etwa die übernatürlich ästhetischen Arrangements der 1936 in Berlin geborenen, in den USA lebenden Fotografin Vera Mercer: Fotografien, die aussehen, als hätte sie die niederländische „Blumenkönigin“ Rachel Ruysch (1664–1750) gemalt. So grotesk schön, dass es fast wehtut. Faszinierend auch, wie Andrea Esswein ähnliche Effekte mit dem Kopierer herstellt.

Fast zu schön, um wahr zu sein. Copy Collage von Andrea Esswein. Sie ist in Germersheim geboren.
Fast zu schön, um wahr zu sein. Copy Collage von Andrea Esswein. Sie ist in Germersheim geboren.

Für ihre sinnlich-auratischen „Copy Collagen“ mit dem dunklen, wie lackiert wirkenden Hintergrund „fotografiert“ sie Blütenblätter einzeln und in Farbe auf der Vervielfältigungsmaschine. Die Fragmente puzzelt sie dann nach und nach zusammen, lässt die Schnittstellen und Überblendungen aber für sich stehen. Es sind Bilder aus einer eigenen Welt – ein echter Tipp bei Preisen von bis zu 6.400 Euro. Die 56-jährige Wiesbadenerin Esswein wird im Übrigen von der Berliner Galerie mianki vertreten. Ihr Atelier hat sie in Mainz. Geboren aber ist sie im pfälzischen Germersheim.

Info

Geöffnet heute, Samstag, 11 bis 19 Uhr, morgen von 11 bis 18 Uhr. Tagesticket an der Tageskasse: 29 Euro. www.art-karlsruhe.de

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