TV-Kritik „Big Brother“ für Intellektuelle: „Keine Talkshow – eingesperrt mit Jan Fleischhauer"

In Diskurshaft: Jan Fleischhauer und Reyhan Sahin.
In Diskurshaft: Jan Fleischhauer und Reyhan Sahin.

TV-Kritik: Das ZDF versucht mit dem neuen Format und Jan Fleischhauer seinem Programm einen leichten Rechtsdrall zu geben – Und? Oh je!

Schöne Pointe eigentlich, dass der „Focus“-Kolumnist Jan Fleischhauer im ZDF mit Namen im Sendetitel auftritt. Den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk jedenfalls schilt er mit der ihm eignen Süffisanz schon lange „linksversifft“. Jetzt also lässt ihn der einst von Konrad Adenauer initiierte Lerchenbergsender (zur Strafe?) selbst mit der – wenn wir das recht(s) verstehen – Verunreinigung aufräumen.

Ein 63-jähriger Autor („Unter Linken“) soll’s im Zweiten besser richten, nachdem die Rechtsdrallhoffnung Julia Ruhs (31) mit ihrer Sendung „Klar“ beim NDR eklathaft gescheitert ist. Ob das für Fleischhauer ausgedachte Reality-Format zwischen „Chez Krömer“ und irgendwas zwischen „Sommerhaus der Stars“ und „Big Brother“ dafür das richtige ist, darüber lässt sich allerdings streiten. Oder vielmehr nicht. Schon das Setting löst leise Beklemmung aus.

Graue Wände, für die Zeit der Sendung verschlossene Türen, Grundschulbänke, die aus der Zeit vor Fleischhauers Geburt zu stammen scheinen. An der Wand hängt provozierend ein Erdogan-Porträt. Dazu ist eine Tafel mit Grammatikregeln aufgestellt, damit garantiert jeder Trollo schnallt, dass es hier darum geht, jemandem etwas anzukreiden. Später dann wird, untermalt von nervtötendem Getute, ein Koffer von der Decke gelassen, in dem sich – statt wie im „Dschungelcamp“ eine Zusatzration Stierhoden – ein knapper Bikini befindet. Gedacht als Anreiz für einen Diskurs, der nicht stattfindet. Dafür darf das „Paar“ einen ritualisierten Streit aufführen. Um dann in etlichen Einspielern allein noch einmal das erwartbar Gleiche auszubreiten. Der Schnitt ist kurz gehalten. Kein Wunder, dass das Ganze so gut wie nie über den Inhalt des Anfangstrailers hinauskommt.

Fleischhauer geht in seiner geschäftsgrundlegenden Rolle der „vorurteilsbeladenen deutschen Mehrheitsgesellschaft“ auf, die er – seine Selbstauskunft – verkörpert. Geckenhaft, leider. Derweil hält Sahin ihren losgepolterten Leiervorwurf „alter weißer Mann“ schon für eine Systemkritik, die hinreicht.

Er will über Statistik und auf den Tischen tanzende arabische Schüler reden. Kleine verwöhnte Paschas. Und die Klassenkameraden der jüdischen Schule, in der sein Kind geht, in der dagegen alle, auch die „Deutschvietnamesen“, das Abi schaffen. Sie kennt nur Leute aus ihrem migrationsbiografischen Umfeld, die in der Wirtschaft arbeiten, Wissenschaftler sind, oder „wenn sie gar nichts hinbekommen haben“ (!) zumindest mit einer Ausbildung reüssieren.

Er spricht davon, dass sich „Grapscher im Schwimmbad komischerweise“ niemals unter Deutsch-Chinesen fänden. Sie hält ihm eine teils falsch zitierte Studie über die sexuelle Belästigung von Kellnerinnen des Münchner Oktoberfests vor, wohin er doch bestimmt jedes Mal „geiern“ würde. Ansonsten verfängt ihr Versuch, andere als „ethnische“ Begründungen anzuführen, nicht einmal ansatzweise.

„Aufrecht“ sei er, sagt Fleischhauer irgendwann, „anders als die Leute, die immer „in Deckung gehen, wenn der Rassismusvorwurf kommt“. Und prompt tut ihm Sahin den Gefallen. Zur Abwechslung schenken sie sich schließlich auch noch gegenseitig Cay ein. Zum Schluss dann hat Sahin doch noch ein „bisschen Herz gespürt bei dem“. Und „dass er sich bei manchen Aussagen gar nicht bewusst war, was er anrichtet“. Fleischhauer indes würde „sofort ein Bier mit ihr trinken gehen“. Für ihn hat das „Gespräch“ abgebildet, wie „verkantet der Diskurs in der Gesellschaft ist.“ Sorry, nicht sorry, das haben wir schon vorher gewusst.

TV-Hinweis

„Keine Talkshow – eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ läuft dienstags und ist in der ARD-Mediathek zu sehen.

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