Meinung
Bibliotheken sind der Herzraum der Gesellschaft
In Finnland gibt es ein Gesetz, das den Bürgern das Recht auf kostenlos nutzbare Bibliotheken garantiert – in jeder Gemeinde. Die Nationalbibliothek, die Star-Architekt Rem Koolhaas Katar gebaut hat, ist ein gigantischer Maschinenraum. Ein weißes Quadrat in der Wüste mit 45.000 Quadratmeter Nutzfläche. Mit Kletterwänden und Bildungsmission, massenhaft Lektüre in Englisch, 3D-Druckern zur freien Verfügung, Nischen zum Kalligraphieren. Im Dokk1 im dänischen Århus, sowieso so etwas wie die Bibliothek der Stunde, gibt es unter anderem Kuschel- und Stillecken. Die Public Library New York verleiht seit Neuestem auch Krawatten – für Vorstellungsgespräche. In Deutschland ist heute der Tag der Bibliotheken, der pandemiebedingt anders gefeiert wird als sonst. Digitaler, zeitgemäßer, vor Ort ist man nicht immer darauf eingestellt.
9297 Bibliotheken gibt es hierzulande, 126 Millionen Menschen besuchen sie im Jahr. 374 Millionen Medien sind vorhanden. 408 Millionen Medien werden verliehen. 334 Millionen Zugriffe auf E-Books erfolgen. 92 Prozent der hauptamtlich geleiteten Öffentlichen Bibliotheken haben Internetzugang. Und eventuell sitzt irgendwo in einem pfälzischen Kaff ein Kind auf dem Leseeckensofa, ein Buch aufgeschlagen, Kopfhörer auf, ein Hörspiel im Ohr, die Finger noch schwarz vom Workshop zum Thema Fahrradschlauchflicken, das wie der Science-Fiction-Autor Ray Bradbury später einmal sagen wird: „Die Bibliothek hat mich großgezogen.“ Vielleicht sind die Häuser, die sich gerade von Büchereien zu Konglomeraten aus Begegnungs-, Beratungs-, Trainings-, Wissens- und Produktionsstätten wandeln – zu Soziotheken -, die zentralen Kulminationspunkte der zukünftigen Gegenwart.
Von dritten Orten sprechen die Soziologen nach einer Theorie des US-Amerikaners Ray Oldenburg. Neben denen zum Wohnen. Neben denen zum Arbeiten. Wer je in einem Lesesaal gesessen hat, wird diese besondere Atmosphäre zwischen privat und öffentlich nachfühlen können, in deren Schnittmenge die Bibliotheken als Denkräume und Trigger zwischen Inhalten und Menschen, Inhalten und Inhalten, Menschen und Menschen, fungieren. Sie sind Begegnungsräume der Vielen. Wenn man so will, sind sie das Terrain, in dem die Algorithmen unterlaufen und in denen die Echokammern unserer Google-Anfragen verlassen werden können. Was noch? Arenas der Aufklärung. „Firewalls gegen Fake News“, wie das jemand mal nannte. Wer es handfester mag, soll sich kurz überlegen, in wie vielen Gemeinden Büchereien als kulturelle Alleinunterhalter agieren. Sich die unfeinen sozialen Unterschiede vor Augen halten, die sich insbesondere während des Lockdowns noch einmal schärfer konturierten. Plötzlich fiel auf, dass die Viertklässlerin, Tochter Geflüchteter aus Afghanistan, eben keinen Internetzugang hat, kein Tablet, keinen Rückzugsraum, keinen medienpädagogischen Zuspruch. Keine Apps für Alles. Dabei war es schon früher so, dass nicht jeder zuhause die gleichen Bedingungen vorfand. Wohlsortierte Bücherregale, einen Fundus an Partituren für Wohltemperiertes Klavier, überhaupt eine Kiste mit Bilderbüchern.
Es gibt in Deutschland 6,2 Millionen funktionale Analphabeten. Bibliotheken sind für viele und vieles zumindest eine wirkliche Option. Hätte also dieses unselige, spaltende, zurichtende Wort von der Systemrelevanz wirklich einen Sinn, man müsste es BIBLIOTHEKEN buchstabieren. Bitte beim Verteilungskrampf um die Geldmittel daran denken! Und da bald Weihnachten ist, ein Gesetz wie das der Finnen wäre schön.