Kulturphänomene RHEINPFALZ Plus Artikel Besser als Sex: Kampfsport in der Kultur

Trump ist Fan des Gewaltexzesses: Szene am Ende eines Mixed-Martial-Arts-Kampfes. Der Sieger liegt auf dem Rücken.
Trump ist Fan des Gewaltexzesses: Szene am Ende eines Mixed-Martial-Arts-Kampfes. Der Sieger liegt auf dem Rücken.

Überall Kampfsport auf Theaterbühnen, der Literatur oder der Kunst. Vor allem Frauen scheinen ein Faible dafür zu haben. Warum?

N wie namenlos, die Hauptfigur von Helene Hegemanns neuem Roman „Striker“, vielleicht eine Heldin des Moments. Eine Kampfsportlerin, bei der die Begegnung mit einer Obdachlosen abstiegsängstliche Paranoia auslöst, während sie sich gleichzeitig für ihren nächsten Profikampf im grellen Scheinwerferlicht präpariert. Im Hintergrund der Handlung laboriert Striker, ein selbstverliebter Anti-Kapitalismus-Aktivist und Sprayer, an den unkontrollierbaren Verhältnissen. Und N unterhält eine Sex-Beziehung zu einer wohlsituierten Politikerin, derweil sie sich ansonsten klassenkämpferisch unter Grenzgängern bewegt. Alles sehr zeitgenössisch. Vor allem Ns Profession, Mixed Martial Arts (MMA) aber, trifft offensichtlich gerade einen freiliegenden Nerv. Denn der Käfigkampf ist auf Theaterbühnen, Kunst-Biennalen oder in Romanen wie dem von Hegemann sehr gegenwärtig.

Der Anspruch, ein guter Gegner zu sein: Autorin Hegemann.
Der Anspruch, ein guter Gegner zu sein: Autorin Hegemann.

Dragqueens im Endkampf um die Weltmacht

Ausgerechnet die queer-feministische Szene hat dabei ihr Faible für den Sport mit Testosteronüberschuss entdeckt. Für die theatrale Form des Wrestlings wie die Theatertruppe Choke Hole aus New Orleans, die vor kurzem im Hamburger Kampnagel gastierte – mit einem „Extreme Drag Wrestling“-Spektakel, bei dem drei queere Wrestling-Teams bei einem Stellvertreterkampf um die Weltherrschaft antraten. Aber auch der Einfluss von MMA ist zu erleben, der Kampfsport im Käfig, der Trump gefällt und zu dessen Protagonisten (wie dem Chef der MMA-Organisation UFC, Dana White) der US-Präsident enge Beziehungen unterhält. Vielleicht, weil der Kampf wie er kaum Grenzen kennt – außer In-die-Augen-Stechen und Tritte gegen den Kopf, wenn der Gegner schon auf den Knien kauert. Gegen den Brutalosport jedenfalls sieht Boxen regelrecht zivilisiert aus, früher der favorisierte gewalttätige Überhöhungsgegenstand von Kulturmenschen wie Heinrich von Kleist, Ernest Hemingway und Bertolt Brecht. Oder von Joseph Beuys, der bei der Documenta 1972 mit nacktem Oberkörper einen „Boxkampf für direkte Demokratie“ zelebrierte.

Interessant aber, dass schon das klügste Buch über den Boxsport-Kultur-Zusammenhang von einer Frau geschrieben wurde, Joyce Carol Oates, Jahrgang 1936, die immer wieder als Nobelpreiskandidatin gehandelt wird. Neu ist, dass Frauen wie Helene Hegemann sich außer mit der Theorie auch im praktischen Kontext mit reglementierten Schlägereien befassen.

In „On Boxing“ jedenfalls schildert Oates den Sport als Lebensmetapher. „Am Ende kennt der Boxer“, schreibt sie, „besser als irgendein anderer Mensch es je von sich weiß, seine körperlichen und psychischen Kräfte – er weiß, zu was er fähig ist und zu was nicht. Ein Boxer bringt alles in den Kampf ein, was er ist, und alles wird sich erbarmungslos zeigen.“ Ganz ähnlich ist bei Helene Hegemann von der „Sucht nach Aufrichtigkeit“ die Rede, die der Kampfsport triggern würde. Anders als Oates weiß die immer noch erste 33-jährige Hegemann aber auch, wie sich in realiter anfühlt, wovon sie schreibt.

Tanzen ist Kampfsport: Florentina Holzinger.
Tanzen ist Kampfsport: Florentina Holzinger.

Entweder Welt-Kunststar oder Profi-Boxerin

Eine Zeitlang, sagte sie in Interviews, habe sie selbst „exzessiv“ MMA betrieben. Etwas, was sie mit der wahrscheinlichen Hauptprotagonistin des kulturellen Haudrauftrends gemeinsam hat. Denn auch Florentina Holzinger war nach ihrem Choreographiestudium an der School for New Dance Development (SNDO) in Amsterdam einschlägig semiprofessionell unterwegs. Eine Erfahrung, die sie den meisten voraushat und der sie später erste Tanzstücke widmete. Sie schreibt sich immer noch in die Arbeiten der Österreicherin ein. In Stücke, die sich zwischen Ballett, Horrorshow, Akrobatik und Käfigschlägerei bewegen. Inzwischen ist die Holzinger, deren „Ophelia’s Got Talent“ bei den jüngsten Ludwigshafener Festspielen im Theater im Pfalzbau zu sehen war, damit zum kontroversen Star der Stunde avanciert.

So sieht man die Tanzaktivistin in „Mond“, dem Film der kurdisch-österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub in ihrem Schauspieldebüt als MMA-Kämpferin agieren, die von einer reichen jordanischen Familie engagiert wird, um die drei Töchter der Familie zu trainieren. Nächstes Jahr soll Holzinger, die vom Kunst-Magazin „Monopol“ zur wichtigsten Künstlerin des Jahres 2024 gewählt worden ist, den österreichischen Pavillon bei der Kunst-Biennale in Venedig bespielen – der mit der Kasseler Documenta bedeutendsten Nabelschau der Weltkunst. Dort, wo Anne Imhof, 2017 mit einer martialischen Inszenierung des deutschen Pavillons den Goldenen Löwen für die beste Nationenpräsentation gewonnen hat.

Früher Türsteherin, jetzt in den Museen der Welt: Anne Imhof.
Früher Türsteherin, jetzt in den Museen der Welt: Anne Imhof.

Hunde bellten in Zwingern, die Performer rumorten zu krachender Musik in einer gläsernen Unterwelt, bei einer Pressekonferenz bodycheckte Imhof einen ihr missliebigen Teilnehmer aus dem Sichtfeld. Der Titel ihres Werks lautete „Faust“. Die in Gießen geborene Tochter eines Pädagogen war früher Türsteherin.

Noch so jemand, zu dessen Horizont die Kampfsporterprobung und das Sixpack-Training mit Medizinbällen gehören. Hätte es mit der Kunstkarriere nicht geklappt, sagt die Performancekünstlerin in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“, wäre sie womöglich Boxerin geworden.

Mit Anfang 20 habe sie mit dem Kampfsport angefangen, um als alleinerziehende Mutter ihre kleine Tochter beschützen zu können. In einer ihrer ersten Performances castete sie in einem Stripteaselokal im Frankfurter Bahnhofsviertel Menschen, die gegeneinander kämpfen sollten. Dazu ließ der Kunststar eine Punkband spielen. Offenbar hat das von Frauen betriebene, künstlerisch wertvolle Einander-ins-Gesicht-Schlagen inzwischen den Status gesellschaftsrelevant. Als Ausdruck weiblicher Selbstbehauptung und -ermächtigung. Was die vorhin erwähnte queere Wrestling-Spektakeltruppe Choke Hole betrifft: als Ironisierung einer im Windschatten rechter Bewegungen erstarkten Mackerwelt à la Putin, Trump, oder der beiden Tech-Oligarchen Marc Zuckerberg und Elon Musk, die sich vor einiger Zeit tatsächlich zu einem groß angekündigten MMA-Fight verabreden wollten. Und außerdem macht sich die zeichenhafte Illuminierung eines Kampfes , der von der Straße kommt, einfach besser in Zeiten, in denen alle nach einer Ausweitung der Publikumszonen schielen. Bezeichnend jedenfalls, wie sich die Lesarten gewandelt haben.

Der Krieg mit anderen Mitteln als Ablenkungsmanöver

In Elfriede Jelineks 1998 am Wiener Burgtheater von Einar Schleef uraufgeführten „Sportstück“ erschien der Kampf im Sport so noch als beklagenswerte Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die junge Helene Hegemann dagegen sieht, was ihre Romanheldin betreibt, als willkommenes „Ablenkungsmanöver“ von einer entfesselten Welt. Wenn man politisch und gesellschaftlich nichts mehr kontrollieren könne, bleibe nur die „Kontrolle über den eigenen Körper“, meinte sie auf dem Podium einer Lesung beim jüngsten Kölner Festival lit.Cologne. Im Roman selbst allerdings klingt das noch weniger nüchtern und defensiv.

„Inzwischen ist es der romantischste Vorgang, den sie kennt“, heißt es da über die MMA-Kämpferin N, „auch wenn sie das Wort Romantik seit Jahren weder benutzt oder gedacht hat“. Es sei der Anspruch, ein guter Gegner zu sein, sich gegenseitig fast umzubringen, um den anderen zu stärken, sich zehn Minuten lang zu würgen, zu treten, auf den Boden zu wälzen und in die Leber zu schlagen, um sich danach, weil jemand auf Japanisch das Wort „Zeit“ schreit oder ein elektronischer Gong ertönt, übergangslos in die Arme zu fallen. Die Faszination für Gewalt, steht da, schien mehr in ihr auszulösen als die für Sex.

Lesezeichen

Helene Hegemann: „Striker“, Kiepenheuer & Witsch, Köln; 192 Seiten, 23 Euro.

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