Fotografie
Berlin, Paris, Oppau: Mannheim entdeckt den Fotografen Mario von Bucovich
Marlene Dietrich am Set ihres Durchbruchfilms „Der blaue Engel“, ihr halbversunkener Blick, lichtumschmeichelt, weichgezeichnet, die (noch) sanften Züge vor hellem Hintergrund, Glam-Faktor 1000. Ihre Schauspielkollegin Elisabeth Bergner ist auf dem Foto von Mario von Bucovich aus dem 1920ern heftiger von gedankenverlorener Melancholie verschattet als Albrecht Dürers Engelsfigur. Dagegen durchschreitet auf einem sepiafarbenen Filmlichtdruck des vergessenen Star-Fotografen, dem die Kunsthalle Mannheim eine sensationelle Revival-Schau ausrichtet, ein BASF-Arbeiter mit Hut eine dampfwabernde Werkshalle, Oppau 1930. Dann wieder zieht sich die balearische Küstenlandschaft über eines der Bilder, weiße Würfelhäuser stehen auf Ibiza, eine bäuerliche Gesellschaft hat sich aufgestellt wie von Dokumentarfotograf August Sander angewiesen. Würdevoll, hoch erhobenen Haupts hat sich alsdann „Marie“ am Zaun eines Anwesens postiert, eine Schwarze, das Foto ist 1938 irgendwo in Amerika aufgenommen. Leo Trotzki, der Stalin-Gegenspieler, damals von sechs Leibwächtern bewacht, sitzt ein Jahr später im Garten seines Hauses in Mexiko.
Lieber, erzählte von Bucovich hinterher, hätte sich Trotzki Intellektuellen-typisch gezeigt, am Schreibtisch, im Hintergrund eine Bücherwand. Aber keine Chance, der Fotograf, der nach der Dienstreise kurzerhand in Trotzkis Exilland umsiedelte, muss ein sehr einnehmendes Wesen gehabt haben. Ein irrer Typ augenscheinlich, Hunderttausendsassa-Fotograf, Bilder zeigen Mario Freiherr von Bucovich als eleganten Lebemann von Welt, den man sich wie Ladislav Almásy, den „englischen Patienten“ in Michael Ondaatjes verfilmtem Roman, imaginiert.
In Pola bei Triest geboren, 1894, Österreich-Ungarn, Kroate eigentlich, später zum Italiener erklärt, kein Deutscher – wegen Steuerschulden. Er war vier Mal verheiratet, sprach fünf Sprachen, führte ein flirrendes Leben zwischen Berlin, Paris, London, Washington New York und überall. Und sofort verkehrte er in fancy Kreisen. Sein Fotografie-Stil war es, keinen zu haben, er beherrschte offenbar alles – zwischen Odol-Werbung, Postkartenmotiv, dem „Neuen Sehen“ von László Moholy-Nagy (1895-1946) und der sachlichen Kühle von Albert Renger-Patzsch (1897-1966).
Audienz für den BASF-Boss
204 Werke zeigt die von Manuela Husemann kuratierte Revival-Schau in der Kunsthalle, Porträts, Akte, einen lachenden Mann in einer Odol-Werbung, Industriefotografie, in Vitrinen liegen Zeitungsausschnitte aus den maßgeblichen Illustrierten der Weimarer Zeit wie „Uhu“, die „Dame“ oder „Revue des Monats“. Auch eine Speisekarte für eine Feier im BASF-Gesellschaftshaus vom 18. September 1929 ist zu sehen, geziert von einem Containerhafenbild, das wie schraffiert ist von Brückenverspannungen und den Seilzügen der Löschkräne. Es gab Seezungenschnitte nach Colbert, Lammrücken mit feinen Gemüsen, schließlich Schokoladen-Auflauf.
Das Foto ist 1928 entstanden, BASF-Vorstand Carl Bosch, einer der wichtigsten Industrie-Bosse der Weimarer Republik, reiste samt Frau Else höchstselbst nach Berlin, um sich von Mario von Bucovich fotografieren lassen – nicht umgekehrt wohlgemerkt. Sein Porträt zeigt ihn in Denkerpose, derweil Else Bosch, auf dem Kopf eine der modischen Hutkappen, einem fast keck von der Seite anschaut.
Auch die großbürgerliche Villa der Boschs fotografierte von Bucovich damals, samt morbid-schwerem Interieur. Außerdem entstand ein fotografischer Zyklus mit 15 Werbefotografien aus den BASF-Produktionsanlagen in Oppau und Merseburg. Dabei werden so ziemlich alle fotografischen Haltungen durchdekliniert, von impressionistisch bis neusachlich, um die Botschaft „Fortschritt durch Industrie“ zu platzieren.
„Das Publikum sucht das Wesentliche, den Extrakt, die Quintessenz des Bildes muss ins Auge springen“, formulierte der durchaus auch geschäftstüchtige von Bucovich einmal sein Credo. Eigentlich war er studierter Mathematiker und Ingenieur (Studienorte: Zürich und Nancy), avancierte in Kurzzeit vom Hilfsarbeiter bei der Aufzugsfirma Otis in New York zum Generalvertreter in St. Petersburg, wo man ihn zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach Sibirien verbannte. Später war er als Börsenmakler tätig, war in Wien, Budapest, Florenz, war Kunsthändler, reiste rum, ließ sich dann 1922 in Berlin nieder. Weiß der Himmel warum der adelschlaue Amateurfotograf 1925 das Foto-Atelier des prominenten Berliners Karl Schenker kaufte.
Spätstart, aber richtig
Start mit 41 jedenfalls, bald verhalf von Bucovich der filmischen Hautevolee der Kategorie Dietrich, Leni Riefenstahl, Ruth Walker, Kurt Gerron oder Gustav Fröhlich zu visueller Eleganz und Autogrammkartenmotiven. Er wurde von Ullstein gedruckt, bei Sigmund Freud in Wien hing eine seiner Fotografien an der Wand. Franz Hessel lobte seine Fähigkeit, das „Nebensächliche“ sichtbar zu machen. Und Flaneur-Philosoph Walter Benjamin erkannte einen „schönen, glaubhaften Ausdruck“ auf von Bucovichs Paris-Bildern.
Der Band, in dem sie versammelt waren, erschien 1928 gleichzeitig mit von Bucovichs Berlin-Buch, zu dem der Schriftsteller Alfred Döblin das Vorwort geschrieben hatte und das heute als der Klassiker seines Genres gilt. Anfang 1929 dann war er auch noch in der legendären „Photographie der Gegenwart“-Ausstellung im Essener Museum Folkwang vertreten. Sein dort ausgestelltes Foto „Schatten“, das jetzt auch in der Kunsthalle hängt, wirkt auf den ersten Blick ganz wie die Avantgarde der Zeit. Wie ein verrätseltes Stillleben mit grafischen Figurationen und subtilen Hell-Dunkel-Modulationen, dabei ist beim genaueren Hinsehen der Schattenwurf eines Mannes zu sehen, ein Straßenarbeiter womöglich, der Pause macht.
Trotzki im Garten
Von Bucovich dürfte damals einer der wichtigsten Fotografen in Deutschland gewesen sein. 1930 zog er mit seiner dritten Ehefrau, Adele Reneé Freifrau von Friesen, nach Paris weiter. 1932 weiter nach Spanien, 1934 nach London, 1937 nach Washington, 1938 nach New York. Überall hat er Fuß gefasst, veröffentlichte Fotobücher, schuf Auftragsarbeiten, produzierte rahmenfertige, touristische Hübschheiten, fotografierte journalistisch, ein Phänomen. 1939 dann erhielt er von der „Washington Evening Star“ den Auftrag, in Mexico-City Leo Trotzki zu fotografieren. Er blieb. Aber seine Spur hat sich nach und nach verloren. Dass er jetzt wiederentdeckt werden kann, in der weltweit ersten Retrospektive des schillernden Fotografen, ist Eckardt Köhn zu verdanken.
Das Schicksal, sagt der Fotohistoriker, sei so etwas wie seine „kriminalistische Obsession“. Über Umwege hat er seinen Nachlass gefunden – in Mexiko-Stadt – und erworben. Er weiß jetzt auch, wie der rastlose Bonvivant gestorben ist. Unterwegs natürlich und dramatisch, einmal mehr noch relativ frisch verheiratet. Am 30. November 1947 hielten er und ein Begleiter an einer Tankstelle an. Ein betrunkener Autofahrer fuhr sie über den Haufen. Der Beifahrer überlebte. Von Bucovich war sofort tot.
Die Ausstellung
„Berlin, Paris und anderswo – Mario von Bucovich Fotografien 1925-1947“; von 27.6. bis 5.10., mit multimedialer Dia-Show. Info: www. kuma.art