Kunst und BAP RHEINPFALZ Plus Artikel Beim Schopf des Wolfgang Niedecken: Der Rockstar tritt in der Pfalz als Modell auf

Bildner und Modell: Thomas Duttenhoefer modelliert den Niedecken-Kopf.
Bildner und Modell: Thomas Duttenhoefer modelliert den Niedecken-Kopf.

Der Künstler Thomas Duttenhoefer aus Speyer verewigt BAP-Star Wolfgang mit einem Bronzeporträtkopf – in Tiefenthal. Wie das?

Schuld ist Bob Dylan. Vielleicht an allem. Und jetzt also steht – „ich bin Wolfgang“ – Niedecken in der Tür des alten Pfarrhauses von Tiefenthal. Überlebensgroß, in bloßen Zahlen, geschätzt 1,85 Meter. Kurz, eine Legende, ziemlich sicher, dass der so erdig zugewandte Mann das totgeredete Label hasst. Dann sitzt alsbald halt der „jefölsechte“ Star zusammen mit dem Mythen-Plastiker Thomas Duttenhoefer beim Pfälzer Kunstermöglicher und Galeristen Wolfgang Thomeczek am Tisch des Wohnzimmers. Sitzt da und gibt sich wie Irgendein-Wolfgang aus der Nachbarschaft. Dabei ist er hier, um von Duttenhoefer, einem gefragten Menschenbildner vor dem Herrn, porträtiert zu werden. In Bronze. Wie zuvor schon die teils an prominenten Orten präsentierten Hölderlin, Reich-Ranicki oder Hilde Domin. WIE JIMMY HENDRIX. Niedecken, der mit seiner Sonorstimme so schön vorbehaltlos ins Plaudern gerät, ist – nur zur Erinnerung – der linksliberale Hippie, der, wie jeder weiß: Held und kritische Hymnensänger zumindest der Generation, die in den Achtzigern jung war, und nun – wie es heißt – die Rentenkasse sprengt.

„Jefölscheter“ Star und kritischer Hymnensänger: Wolfgang Niedecken.
»Jefölscheter« Star und kritischer Hymnensänger: Wolfgang Niedecken.

Der „Papp“ von BAP

Der „Papp“ von BAP, kölsch für Vater, der Band, die die Mundart so populär gemacht hat wie der Dom die Stadt Speyer. Der Name ist Niedeckens früherem Spitznamen anverwandelt. Die Band wird nächstes Jahr 50. Niedecken, das einzig verbliebene Gründungsmitglied, ist dann am 30. März noch einmal 25 Jahre älter. Die Tour in den ganz großen Hallen, noch eine, seine Worte, „Zugabe“ nach seinem 2011 erlittenen Schlaganfall, ist schon wieder fix, teils ausverkauft. Derweil wurde Duttenhoefer, einer der wichtigsten deutschen Künstler des plastisch Figurativen, dieses Jahr zu seinem 75sten mit Schauen geehrt.

Eine des gelehrten Mythologen, Plastikers und Professors ohne Abi war im Bremer Gerhard-Marcks-Haus zu sehen. Titel: „Kein Bildhauer“. In Darmstadt, wo er seit 1979 lebt, hat er in der Galerie Netuschil ausgestellt. Dazu in der Städtischen Galerie seiner Geburts- und – wie sich leicht heraushören lässt – Herzensstadt Speyer.

Bob Dylan ist schuld

Im Frankfurter Schauspiel steht Duttenhoefers Porträtkopf des österreichischen Großgrantlers Thomas Bernhard gegenüber dem von Bertolt Brecht aus der Hand von Gustav Seitz (1906-1969), Mannheims Documenta-Heroen. In Tiefenthal wird jetzt Tee mit Milch ausgeschenkt. Niedeckens Frau Tina, Fotografin und Managerin, muss Hund Noma zur Ordnung rufen. Kurz kommt noch die Geschichte auf den gedeckten Tisch, wie Wolfgang Thomeczek es vermochte, Niedecken von einem Auftritt letztes Jahr in der Bleiche in Zürich im Hier und Heute ins Leiningerland zu lotsen.

Das Setting also, Niedeckens Gig mit Pippo Pollina am Vorabend eines „Dylan Talks“, bei dem er am nächsten Tag über sein großes, erklärtes Idol sprach – und zu dem die Thomeczeks eigentlich angereist waren. Wie er, Niedecken, von seinen Anfängen als Kölner Kneipensänger und „Südstadt-Dylan“ erzählte. Und davon, dass Songs wie „Kristallnaach“ ohne den US-Literaturnobelpreisträger nie entstanden wären. Im Nachhinein des Talks jedenfalls kam der spontan entschlossene Wolfgang Thomeczek mit seinem Porträt-Angebot um die Ecke – und eins zum anderen. Wer den Überzeugungstäter kennt, kann es sich ungefähr vorstellen. Im Tiefenthal ist es Duttenhoefer, ein Freund des Galeristen, der die Gesellschaft sanft zum Aufbruch drängt.

Der Ausgangspunkt: Ton.
Der Ausgangspunkt: Ton.

Zwei Künstler unter sich

Im leergeräumten Galeriekubus im Hof ist eine Werkbank aufgebockt, neben dem zwei Eimer mit fast beigefarbenem Ton stehen. Ein Klumpen klebt an einer Stange, die auf einer drehbaren Unterlage angebracht ist. Ein Schrumpfkopf. Ein Anfang. Duttenhoefer zurrt eine Art Nierengurt fest, um den gepiesackten Rücken zu schonen. Kurz schwingt er die Hüften, Lockerungsübungen. Später erzählt er, wie er, verdammt lang her, als Vor- und Go-Go-Tänzer durch eine Wiesbadener Diskothek gefegt ist. Jetzt aber nehmen außer Hund Noma alle Nicht-Akteure Platz. Duttenhoefer, der sich als „Bildner“ bewegter, dreidimensionaler Malereien versteht, heißt Niedecken sich vor ihm ruhig zu halten. Dann sieht man zwei Kollegen sich gegenüberstehen. Niedecken nämlich hat – vor BAP – von 1970 bis 1974 an der Fachhochschule Köln Freie Kunst studiert, um später Beruf und Hobby zu tauschen. Und nun, sagt er selbst, werde er sicher keine Besprechung einer seiner seltenen Kunstausstellungen mehr erleben, in der BAP keine Rolle spielt. Das Schicksal seines Erfolgs. Im zum Atelier umfunktionierten Galerieraum stellt sich weihevolle Stille ein.

Kunst ist Arbeit: Thomas Duttenhoefer in einer der Pausen.
Kunst ist Arbeit: Thomas Duttenhoefer in einer der Pausen.

Kaum ein Laut, zwei Mal drei Stunden lang. Tee und Brötchen in der kurzen Pause. Duttenhoefer ächzt bisweilen, wenn er sich bückt und einen Batzen Ton aus dem Eimer klaubt, um ihn an den zentimeterweise um die eigene Achse bewegten Tonkopf zu drücken, klatschen, schmieren. Harte Arbeit, Kunst. Duttenhoefer gehen leise Selbstanfeuerungen („Ja, so geht’s“) über die Lippen. Manchmal scheint er mit Handbewegungen sein inneres Orchester zu dirigieren. Er hantiert mit Geräten, die aussehen wie die eines altertümlichen Zahnarztes. „Bitte drehen, Stopp“, sagt er. Niedecken steht kerzengerade und dreht – seine Selbstauskunft – die „langsamste Pirouette“ seines Lebens. Duttenhoefer häuft Locken an. Wenn die Kirchenglocken zur vollen Stunde läuten, bellt der Hund. So geht das dahin. Der Bildner, der psychologische Bildnisse schafft, ohne zu psychologisieren, arbeitet sich vom Chaos des Haarschopfs zur scharf konturierten, spitzen Nase hin: dem Zentrum.

„Du bist ein schöner Mann“: Niedecken-Kopf.
»Du bist ein schöner Mann«: Niedecken-Kopf.

„Du hast einen schönen Hals“

„Du hast einen schönen Hals“, sagt er dann. Später gesteigert zum „Du bist ein schöner Mann“, was die Zustimmung von Frau Tina findet. Die Fältchen auf der Wange wolle er nur andeuten, meint Duttenhoefer in einer der kurzen Pausen, die er von Schwerstarbeit erschöpft in einem Stuhl durchhängt. Zum Schluss sieht man Niedecken selbstverwundert vor der Tonvorlage seiner eigenen Bronze stehen, die es bald in Zweierauflage geben wird. Der BAP-Song „Do kanns zaubere“ wäre in dem Moment ganz gut gewesen. Stattdessen erzählt Niedecken, wie er das jüngste Konzert von Bob Dylan in Köln erlebt hat. Offensichtlich war’s schauderhaft. Niedecken sagt, der Bühne habe entschieden ein Scheinwerfer gefehlt. Derweil wird es draußen schon dunkel.

Die drei Protagonisten: Wolfgang Thomeczek, Wolfgang Niedecken und Thomas Duttenhoefer in Tiefenthal. Ein Blick von außen.
Die drei Protagonisten: Wolfgang Thomeczek, Wolfgang Niedecken und Thomas Duttenhoefer in Tiefenthal. Ein Blick von außen.
Auge in Auge mit dem Ebenbild: Niedecken.
Auge in Auge mit dem Ebenbild: Niedecken.
x