Serie Kulturreporter to go RHEINPFALZ Plus Artikel Bei dem Frankenthaler Anwalt und Musikenthusiasten Heinrich Weiler

Zuhause am Klavier: Heinrich Weiler.
Zuhause am Klavier: Heinrich Weiler.

Heinrich Weiler war sein Berufsleben lang Anwalt. Jetzt will er das Werk des kaum bekannten Juristen und Komponisten Johann Vesque von Püttlingen herausbringen, einen vertonten Gedicht-Zyklus von Heinrich Heine. Über eine späte Berufung.

Treffen im Hack-Garten auf dem Hans-Klüber-Platz, draußen. Immer noch die Pandemie. Heinrich Weiler sagt, er habe erst überlegt, sich auf den E-Roller zu schwingen. Von Frankenthal nach Ludwigshafen, die Batterieaufladung hätte ausgereicht. Jetzt sitzt der 70-Jährige im Freizeitdress auf einem Plastikstuhl im Zelt zwischen den Beeten. Was in seinem Metier so unter laxer Kluft firmiert. Heißt: Jeans, weißes Hemd, Sacco. Weiler amtiert als Jurist im 44. Jahr. Ein selbstständiger Anwalt, ein Schwerpunkt: Erbrecht. Seit je pochen zwei Seelen in seiner Brust. Ein zurückhaltender Mann, das Gegenteil von: Jetzt komme ich. Dann beginnt er doch noch zu erzählen.

Kulturreporter to go, das Format dreht sich um Menschen, die abseits der großen Bühnen agieren. Trotzdem voller Verve. Es geht um großes Kino im Kleinen. Weiler, der Anwalt, der im Herzen Musiker ist, hat sich gemeldet, weil er seit Jahren daran herumdoktert, wie er die 88 Lieder aus der Sammlung „Die Heimkehr“ seines Juristenkollegen Johann Vesque von Püttlingen (1803 bis 1883) zur Aufführung bringen kann, die der unter dem Pseudonym J. Hoven komponierte. Er hofft schlichtweg auf unterstützende Resonanz.

Wie eine Wagner-Oper

Von Püttlingen/Hoven veröffentlichte sein Werk 1851 im Selbstverlag. In Wien, wo er lebte. Unter dem gleichnamigen Titel und in gleicher Reihenfolge hat Heinrich Heine die 88 Gedichte des Zyklus 1827 in sein „Buch der Lieder“ aufgenommen. Ihre vertonte Aufführung, so wie sie Weiler plant, würde dreieinhalb bis vier Stunden brauchen. So lang wie eine Wagner-Oper. Ein Mammut-Projekt für jemand wie ihn, der alles alleine machen muss. Erst einmal aber beginnt er mit dem Anfang.

Der Vater Architekt, wie üblich damals in einem bürgerlichen Haushalt, spielt der Sohn als Kind schon Klavier. Ganz gut, es gefällt ihm, er bewundert die Großen. Hat Unterricht. Bald stellt er fest: „Wie die kriege das nicht hin.“ Dazu kommt, er hat sich beim Spielen eine kleine Verletzung am Finger zugezogen, an der linken Hand, die Weiler jetzt kurz gen Himmel streckt. Ein Handicap sei das gewesen – damals. Die Musik- und Klavierleidenschaft aber ist geblieben. Gewachsen eher. Wie er Anwalt wurde?

Wie das eben so sei, sagt er, in der Familie habe es Juristen gegeben. Er aber habe anfangs in Jura „wenig kapiert“. Lieber als in Strafrechtsvorlesungen sei er sowieso in einer Heidelberger Musikalienhandlung gewesen. Nachhause nach Frankenthal fuhr er regelmäßig mit Schmutzwäsche im Gepäck. Vor allem aber auch, weil dort ein Klavier stand, an das er sich setzen konnte. Das Musikinstrument, um das sich mal weniger, mal mehr verdrängt von Paragrafen und dem Alltag, offensichtlich viele seine Gedanken drehen.

Er erzählt, dass er am 7. April 1977 seinen ersten Tag als Anwalt hatte. Er weiß das so genau, weil an dem Tag der Bundesanwalt Siegfried Buback ermordet worden ist. Dem eigentlichen Sachverhalt nähert er sich dann in konzentrischen Kreisen. Der Musiker im erfolgreichen Juristen entpuppt sich nebenher.

Akten und Noten

Zwei Töchter wurden geboren, Flugbegleiterinnen jetzt beide. Heinrich Weiler war die meiste Zeit am Landgericht Frankenthal zugelassen. Studierte Akten. Und Noten, die er seit langem sammelt. Im Hack-Garten scheint einem die Sonne ins Gesicht. Weiler erzählt weiter, wie aus ihm wurde, wer er ist, ein Semi-Profi im Verborgenen. Von Klavierstunden im weit fortgeschrittenen Erwachsenenalter bei dem Pfälzer Pianisten Wolfgang Müller Steinbach erzählt er. Workshops bei der Kirchheimer Pianistin Birgitta Lutz in St. Moritz. Terminen, die er so gelegt hat, dass er die Musikstunde im Radio nicht verpasst. Nach dem Frühstück dann – „Mund abgeputzt“ – gleich an die Noten. Wie Glenn Gould Bach spielte, Weiler kann es einem en detail durchdeklinieren. Seine Hände, die jetzt auf Luftklaviertasten agieren. Auf Johann Vesque von Püttlingen alias J. Hoven ist er durch die Neue Juristische Wochenschrift gestoßen.

Eine Fachzeitschrift, die regelmäßig Sonderbände zum Thema „Kunst und Recht“ herausbringt. Weiler, der sehr bedacht spricht, mit angenehmer Stimme, würde das so nicht sagen: Aber er war gleich angefixt. Den Autor Martin Wiemer, einen inzwischen pensionierten Zivilrichter und Amateurmusiker aus Bonn, der Vesque von Püttlingens Originalnoten aufgestöbert und teilweise veröffentlicht hat, rief er gleich an – 2004 war das. Seither teilen die beiden eine Leidenschaft.

Man muss sich das vorstellen, da traf einer, Rechtsanwalt und Musikenthusiast Weiler, auf von Püttlingen, der ein erfolgreicher Jurist war, Verfasser einer ersten Schrift über das „musikalische Autorenrecht“, in Opole, Galizien geboren, später Landrat, Wiener Hofrat, Staatskanzleirat, 1866 in den Freiherrenstand erhoben, dann mit Status Geheimer Rat. Ein Protegé von Fürst von Metternich persönlich. Und einer der produktivsten Tondichter seiner Zeit gleichermaßen. Ein sehr leidlicher Pianist dazu, ein begabter Sänger. Einer „der bedeutendsten österreichischen Liedschöpfer zwischen Schubert und Brahms“, wie es immer heißt. Aber kaum jemand kennt ihn. Er selbst aber war bekannt mit Mendelssohn, der ihn „Kunstbruder“ nannte. Mit Clara und Robert Schumann, Liszt, Berliosz. Mit dem „Kapellmeister Richard Wagner aus Dresden“, einem „sehr geistreichen Menschen“, wie er an seinen Bruder schrieb, besprach er die Neuorganisation des Wiener Theaterlebens.

Es gab eine Zeit, als das Von-Püttlingen-Haus in Wien so etwas wie das Zentrum des Geisteslebens war. Heinrich Weiler, gut 150 Jahre später, begann – im übertragenen Sinn – in dessen Angesicht und eher im Privaten damit, sich zu professionalisieren. Er sagt: „Ich hätte früher niemals irgendwo vorgespielt“. Erst nach und nach fing er damit an, seine Arbeit als Anwalt, zu reduzieren. Damit Zeit bleibt für die Musik. Er begann sich auf die eigenen musikalischen Projekte zu konzentrieren. Mit dem von-Püttlingen-Entdecker Martin Wiemer und einem inzwischen verstorbenen Strafverteidiger trat er sogar gut 20 Mal mit Stücken für Klavier zu sechs Händen auf. Meistens in Justizkreisen. Ein Ulk auch. Seit längerer Zeit allerdings arbeitet er höchstens noch ein paar Stunden in seinem angestammten Beruf. Einen großen Rest dagegen macht die Musik von Vesque von Püttlingen aus. Das ernsthafte Üben, das Durchorganisieren von eventuellen Aufführungen, das Kopfkino. Dann wieder nimmt er Kontakt auf mit möglichen Sängern und Sängerinnen. Mit einem davon, dem Neustadter Bassbariton Thomas Herberich, ist er schon weit gediehen. Auch eine Sopranistin hat er leise angesprochen. Er hofft, dass Interessenten unter den Veranstaltern auf den RHEINPFALZ-Artikel reagieren.

Kostprobe mit Mond

Sieben Opern, zwei Messen, Kammermusik gehören zu von Püttlingens Oeuvre. Und 300 Lieder, vor allem die 88 „Heimkehr“-Gedichte von Heine, viele davon nannte der damalige Kritikerpapst Eduard Hanslick „unkomponierbar“. Heine selbst indes bekundete ihm in einem Brief „meine ausgezeichnete Hochachtung“ für sein Bemühen. Der Dichter soll in seiner Matratzengruft sogar beinahe ausschließlich danach verlangt haben, ihm von Püttlingens Vertonungen seiner Lyrik vorzuspielen. Ähnliches schwebt dem Frankenthaler Weiler jetzt für die Allgemeinheit vor.

Im größeren Stil. Und mit sich selbst als begleitender Pianist. Das einzige, was er sich traue, sagt er. Aber immerhin. Er sei nun mal keine Virtuose. Er schaut dabei fast unter sich. Am liebsten würde er mit allen 88 „Heimkehr“-Lieder von Johann Vesque von Püttlingen auf einmal konzertieren. Aber wie und wo? Daran laboriert er sichtlich noch. An einem Nachmittag, der sich bis zum frühen Abend zieht, mit längeren Trink- und Esspausen? Als „Event“ gestaltet, wie er sagt. Oder doch als „normales Liederkonzert“, bei dem 30 Lieder zum Besten gegeben werden? Von Püttlingen sei doch „sein Kind“, sagt er noch. Dann kramt er sein Smartphone aus der Tasche hervor. Thomas Herberich hat ihm auf WhatsApp die Tonspur einer gemeinsamen ersten Probe geschickt, für deren Tonqualität sich Weiler schon vorab wortreich entschuldigt. Es ertönt jetzt Lied Nummer sechs: „Mir träumte: traurig schaute der Mond.“ Die letzte Sommersonne strahlt dazu im Hack-Garten.

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