Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Bauen Frauen anders: Christiane Fath im Gespräch

Weibliche Handschrift: Fahrradverkehr auf den Champs-Élysées, seit Bürgermeisterin Anne Hidalgo in Paris regiert, hat sich die S
Weibliche Handschrift: Fahrradverkehr auf den Champs-Élysées, seit Bürgermeisterin Anne Hidalgo in Paris regiert, hat sich die Stadt gewandelt.

Die Architektin, Kuratorin und Autorin Christiane Fath lehrt am Fachbereich Architektur/Gender Studies an der RPTU in Kaiserslautern. Markus Clauer sprach mit ihr.

Die Kaiserslauterer Professorin Christiane Fath setzt sich für die Sichtbarkeit und die Interessen von Architektinnen ein. Ein Gespräch über Benachteiligung, die 15-Minuten-Stadt, andere Toiletten – und wie sich die Welt verändert, wenn Frauen planen und bauen.

Bauen Frauen anders?
Die Frage wird mir seit Jahren immer wieder gestellt, bei Diskussionen, auf Panels, selbst im Privaten. Ehrlich gesagt, empfinde ich sie als überholt – aber sie ist spannend, und sie lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.

Warum?
Weil es nicht darum geht, dass Frauen anders bauen, sondern dass Frauen andere Lebensrealitäten einbringen. Und das bedeutete nicht, über die Alternative zum Herrensalon oder die praktische Küche zu reden, das ist echt Mittelalter. Ob Frauen anders bauen als Männer, hängt von vielen Faktoren ab: Ausbildung, Erfahrung, Funktion im Projekt, Architektin, Bauleiterin, Handwerkerin, kulturelle Prägung, persönliche Haltung und so weiter. Studien belegen, dass gestalterische Ansätze wie Nutzerzentrierung sowie eine gesamtheitliche, holistische Herangehensweise, ökologische und soziale Nachhaltigkeit in Entwürfen von Frauen relevantere Themen sind.

Also bauen Frauen nicht anders, aber besser?
Es ist jedenfalls evidenzbasiert so, dass die Städte anders aussehen, wenn Frauen schon von Anfang an am Planungstisch und in entscheidenden Gremien sitzen. Andererseits werden sie immer noch benachteiligt. Hier findet noch zu oft keine paritätische Besetzung statt. Die Planungsstäbe haben das Problem, dass sie mit weniger Frauen besetzt sind. Oder die (männlichen) Auftraggeber, die Männer bevorzugen.

Warum, glauben Sie, ist das so?
Es besteht die nicht totzukriegende Legende, Architekten würden auf der Baustelle anders auftreten, eine Frau Architektin würde nicht so ernst genommen. Da gibt es zig Gegenbeispiele und trotzdem hält sich das Narrativ, was immer weitergegeben wird. Aber wichtiger ist der Bias, das persönliche Vorurteil: Männern, meinetwegen in Vergabegremien, die nicht männliche Feministen sind, fehlt oft der offene Blick. Sie schauen nicht über den Tellerrand und wollen nichts von ihrer Macht abgeben, sie benennen und wählen nachweislich auch wieder männliche Kollegen in die Teams. Ich sage das jetzt einmal ganz allgemein. Es ist also diese Voreingenommenheit, die zu verzerrten Ergebnissen führt. Es ist also eine strukturelle Frage, ein strukturelles gesellschaftliches Problem.

Aber was ändert sich, wenn Frauen planen und bauen und das Sagen haben?
Dann werden andere Fragenkataloge aktuellen Lebens- und Planungsherausforderungen angepasst. Und dann sehen die gebauten Realitäten anders aus als nach Jahrhunderten der Architektur- und Stadtplanungsgeschichte, die von Männern bestimmt worden sind.

Und wie anders?
Ein ganz einfaches Beispiel pars pro toto: Frauen brauchen größere Toilettenanlagen oder solche mit mehr Toiletten, weil Frauen nachweislich öfter zur Toilette müssen. Leicht zu erkennen an der langen Schlange, die sich in der Theaterpause vor der Damentoilette bildet. Das ist jetzt ein sehr populäres Beispiel, sehr banal, aber daran lässt sich immer ganz gut festmachen, wovon man spricht, wenn man von feministischer Planungspraxis spricht.

Feministische Planungspraxis?
Ich meine, es ist ablesbar, wenn mehr Frauen mitplanen. Genauso, wenn die Planenden aus diversen Berufsgruppen, also nicht nur aus der Architektur, sondern auch von der Raum- und Stadtplanung, aus dem Fachgebiet Biodiversität, der Landesarchitektur oder dem Urban Design stammen. Wenn das der Fall ist, kommen sozialverträglichere Städte dabei heraus, mit unterschiedlichen Platzqualitäten, diverseren Bewegungsmöglichkeiten, wenn wir jetzt vom öffentlichen Raum sprechen. Dann geht es etwa auch darum, dass nicht nur ein Fußballplatz mitgedacht wird, den dann die Jungs für sich vereinnahmen, sondern dass auch Rückzugsräume für Mädchen entstehen, Nischen, Aufenthaltsorte, die spezifische Qualitäten anbieten, auch für ältere Leute. Oder Inklusion für seheingeschränkte Menschen ist ein Thema, für Gehbehinderte und so weiter. Feministische Planungspraxis ist ein Ansatz, der darauf abzielt, die Bedürfnisse aller Geschlechter und sozialer Gruppen zu berücksichtigen. Es geht darum, patriarchale Strukturen und Normen zu hinterfragen und eine Stadt für alle zu gestalten.

Hätten Sie ein konkretes Beispiel?
Kopenhagen handhabt das schon seit etwa 15 Jahren so, dass das Genderthema dort gar kein Thema mehr ist und sehen Sie sich die Stadt an. Wien ist ein gutes Beispiel für das Gender Mainstreaming beim Bauen und Planen, also die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter – und Wien ist zwei Mal hintereinander zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt worden. Oder Paris, wo man die weibliche Handschrift von Anne Hidalgo sieht, der Bürgermeisterin. Sie hat das einfach gemacht und den Verkehr raus aus der Stadt geleitet, große Fahrradstraßen installiert und so weiter. Dort lässt sich in der Seine schwimmen.

Sie wollen sagen, Männer planten die autogerechte Stadt, durch die sie von der Arbeit nach Hause in die Vorstadt brettern, wo das schon aufgetischte Abendbrot wartet. Frauen wie Anne Hidalgo die 15-Minuten-Stadt, in der sich alle wohlfühlen?
So krass möchte ich nicht zitiert werden. Hier sind die Männer und ihre autogerechte Stadt, dort die Frauen mit ihrer 15-Minuten-Stadt. Nein, so ist es nicht. Die 15-Minuten-Stadt hat auch eine andere Herleitung. Sie gibt es schon länger. Das ist jetzt nicht aus einer Frauenbewegung heraus gewachsen. Aber dass sie konsequent vorangetrieben wird, hat schon etwas mit unserem Thema zu tun. Wenn man davon ausgeht, dass Frauen immer noch den Großteil der Care-Arbeit leisten und deshalb kurze Wege zur Arbeitsstelle, zur Kita, zu den Einkaufsmöglichkeiten oder der Apotheke für sie wichtige lebensweltliche Aspekte sind.

Zaha Hadid, die einzige Einzelarchitektin, die bisher den Pritzker-Preis bekommen hat, der als Nobelpreis für Architektur gilt, meinte einmal, Frauen in dem Metier müssten sich gegenseitig mehr unterstützen. Sind Architektinnen auch selbst schuld an ihrer Misere?
In der Uni, in der Lehre sind 70 Prozent weibliche Studierende eingeschrieben. Und Jahre später in der Praxis kommen zehn Prozent in leitenden Funktionen an. Warum? Es ist leider tatsächlich der Care-Aspekt, über den wir vorhin schon gesprochen haben. Es sind aber auch die Rahmenbedingungen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, also das sind die fehlenden Kitaplätze und die fehlende Betreuung, damit Architektinnen wie alle anderen Frauen auch als Mütter weiterarbeiten können. Und dann ist da dieses alte Klischee von dem Meisterarchitekten, dem „wirklichen“ Architekten, der 24/7 arbeitet und durch Verausgabung kreativ ist. Das hält sich bis heute. In der Folge sind Frauen, die Kinder kriegen und erst einmal zu Hause bleiben oder aber auch Teilzeit arbeiten wollen, in vielen Architekturbüros gleich nicht mehr in der Auswahl für leitende Funktionen angesiedelt. Oder bei Architektenpaaren ist es so, dass sie dann oft verschwindet – und er vorne steht.

Und in von Frauen geführten Büros ist alles anders?
In von Frauen geführten oder ausschließlich mit Architektinnen besetzten Büros ist das nach meiner Erfahrung tatsächlich anders, kollektiver, teamorientierter, nicht der Star an der Spitze entscheidet alles, sondern es wird gemeinsam entschieden. Das, was dabei herauskommt, ist allerdings genauso gut, wenn nicht besser.

Was also tun?
Man muss darüber reden. Man muss darüber schreiben. Man muss Planungsstäbe mit Frauen besetzen. Man muss sie auf Panels holen. Man muss Kataloge darüber machen. Man muss Frauen, die Architektur bauen und machen, einfach nach vorne in die erste Reihe bringen. Dann ändert sich die Wahrnehmung, und zwar auch von Menschen, die eben nicht unbedingt eine Affinität für die Architektur haben.

Was halten Sie von einer Quote?
Sehr viel inzwischen. Ich bin eine Quotenliebhaberin.

Und warum?
Weil's anders nicht umzusetzen ist in kurzer Zeit. Es geht um kurzfristige Veränderungen. An der RPTU in Kaiserslautern gibt es ein Professorinnen-Programm und jetzt ist es dort wunderbar vorbildlich und es gibt ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Warum? Weil ältere Professoren in Rente gegangen sind. Und dann sind plötzlich junge Professorinnen gekommen, weil es die Quote gab – und gibt. Jetzt beschweren sich die Männer und Kollegen von mir. Ja, gut. Muss man halt jetzt mal durch – nach 2000 Jahren, in denen es anders lief.

Und wie sähe eine Quotenlösung in der Baupraxis aus? Sollen bei öffentlichen Bauaufträgen 50 Prozent der Aufträge an Architektinnen gehen?
Es fängt viel früher an. In den Planungsämtern, in den Bauressorts und Ministerien. Dort müsste auf Parität geachtet werden. Oder bei den Einladungen zu Wettbewerben und beim Bewerbungseingang bei Wettbewerben. Dann würden von Frauen und Männern gestaltete Projektarbeiten anonymisiert auf den Tisch von gleichberechtigt besetzten Gremien und Jurys kommen und dann gewinnt eben die beste Einreichung. Das ist Gleichstellung.

Sollte es eigene Architektinnen-Preise geben?
Ich habe selbst einen Architektinnen-Preis 2021 ins Leben gerufen. Aber ich bin mittlerweile davon abgekommen. Ich denke, das ist überholt. Viel wichtiger fände ich, dass die Architektenschaft aus ihrem Elfenbeinturm herauskommt. Das Bild des Architekten als Künstler und Meister, das muss aufgebrochen werden. Und diese Chance liegt meiner Meinung nach auf dem Tisch. Themen wie nachhaltiges, zirkuläres Bauen oder das Bauen im Bestand werden immer wichtiger. Neue Betätigungsfelder entstehen, die noch nicht so sehr von den traditionellen Strukturen geprägt und von Frauen, insbesondere auch Architektinnen, besetzt werden können. Hier sehe ich große Chancen für Frauen, sich als Vordenkerinnen zu positionieren.

Gibt es dafür schon Vorbilder?
Die gibt es, aber wir reden auch von den Absolventinnen und jungen Gründerinnen, die vielleicht in zehn Jahren einfach ein Standing haben werden. Da hat die Lehre eine große Verantwortung, weibliche Studierende, aber auch die männlichen zu unterstützen, die sagen: Hier, es gibt mehr als nur den Stararchitekten, der das Museum und das Hochhaus baut. Das Handlungsfeld und die Verantwortung der Architekturschaffenden sind viel größer als das, was bislang gelehrt wurde.

Und wie sieht es in Ihren Lehrveranstaltungen aus?
Ich bespiele ja nur einen kleinen Bereich Un/Doing Gender FATUK. Also insgesamt jetzt vielleicht 50 Studierende, die ich eins zu eins beatmet habe bei mir im Fachbereich innerhalb meiner Stiftungsprofessur. Und da sind natürlich auch die Studierenden gekommen, die sich für einen gesellschaftlichen Wandel interessieren, nicht diejenigen, die ein Stararchitekt oder eine Stararchitektin werden wollen. Diejenigen, die sich politisch und gesellschaftlich engagieren möchten. Für eine Transformation in Lehre und Praxis.

Auch männliche Studierende?
Ja, dieses Semester hatte ich mehr Männer als Frauen. Ganz toll.

Zur Person

Christiane Fath ist Architektin, Kuratorin, Publizistin und Herausgeberin von Architekturpublikationen. Sie baute die Corporate Publishing-Redaktion der Fachzeitschrift Bauwelt auf, welche sie bis 2019 leitete. Sie ist Gründerin der Galerie framework in Berlin/Wien und Mitgründerin der Non-Profit-Organisation Diversity in Architecture. Als außerordentliches Mitglied im Bund Deutscher Architektinnen (BDA) engagierte sie sich für die Sichtbarkeit von BDA-Architektinnen im Rahmen des Women in Architecture Festivals 2021 und 2025 in Berlin und 2025 in Kaiserslautern im mpk. Aktuell lehrt sie als Professorin an der RPTU Kaiserslautern, Fachbereich Architektur/Gender Studies innerhalb der Stiftungsprofessur UN/DOING GENDER am Fachbereich Architektur. Ihr Lebensmittelpunkt ist Berlin.

Christiane Fath
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