Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Aus dem Vergessen geholt: Zwangsarbeit in der Pfalz

Zwangsarbeiterinnen bei der IG Farben in Ludwigshafen.
Zwangsarbeiterinnen bei der IG Farben in Ludwigshafen.

Zehntausende Arbeitskräfte waren interniert in heute verschwundenen Lagern. Ein Projekt des Instituts für Pfälzische Geschichte und Volkskunde bringt Licht ins Dunkel.

Ausgelöst hat das Forschungsprojekt des Instituts für Pfälzische Geschichte und Volkskunde ein RHEINPFALZ-Artikel im Januar vor fünf Jahren über das riesige Durchgangslager Biebermühle bei Pirmasens. Der Bezirkstag Pfalz beschloss in der Folge die Aufarbeitung der Geschichte der Zwangsarbeit, die bisher nur von ehrenamtlichen Kräften in wenigen Städten vorangetrieben worden war. Mit einer seit November freigeschalteten Internetseite wird das ganze Ausmaß der Zwangsarbeit in der Pfalz erahnbar.

Bei Weitem noch nicht alle Zwangsarbeiterlager sind in dieser „Topografie der Zwangsarbeit“ aufgelistet. Es klaffen große Lücken. Was noch komplett fehlt, sind Beschreibungen der Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben und schuften mussten.

Mit einer Stolperschwelle wird am Helmholtz-Gymnasium an die Zwangsarbeiter erinnert.
Mit einer Stolperschwelle wird am Helmholtz-Gymnasium an die Zwangsarbeiter erinnert.

Bis zu 75.000 Zwangsarbeiter sollen 1944 auf dem Gebiet der Pfalz beschäftigt gewesen sein, erläutert der speziell für das Projekt eingestellte Historiker Benedict von Bremen. Arbeitgeber waren Winzerwitwen und Großkonzerne, aber auch Stadtverwaltungen und in vielen Fällen Privatpersonen, die eine Hilfe im Haushalt benötigten. Aus halb Europa verschleppten die deutschen Behörden Menschen in das Reichsgebiet. Sie kamen in den meisten Fällen in das Durchgangslager Biebermühle, von wo aus die Weiterverteilung auf die anderen Lager erfolgte. In den pfälzischen Lagern dominierten russische und ukrainische Zwangsarbeiter. Dazu kamen viele Polen, die als erste nach Kriegsausbruch verschleppt wurden, sowie Franzosen, Niederländer und gegen Ende des Krieges auch viele Italiener.

Forschungspioniere an der VHS Zweibrücken

Der Historiker von Bremen muss sich immer wieder mühsam durch Akten von Behörden wie Arbeitsämtern arbeiten, private Berichte sondieren und kann nur vereinzelt auf die Vorarbeit engagierter Ehrenamtlicher zurückgreifen. Auf der Karte der Lager ist beispielsweise eine große Anzahl in Zweibrücken zu finden, während in Pirmasens nur ein Lager aufgespürt werden konnte. Das liegt an der Vorarbeit eines Arbeitskreises um die Sozialwissenschaftlerin Gertrud Schanne-Raab in Zweibrücken. Eine Veranstaltung der Volkshochschule (VHS) zum Thema war Auslöser für den Arbeitskreis, in dem von 2015 an rund acht Personen nach Spuren der Zwangsarbeiter in Zweibrücken suchten. Schanne-Raab selbst fuhr mehrfach in die Archive des Zentrums für NS-Verfolgte in Arolsen. Teilweise durchforstete sie acht Tage lang am Stück die dortigen Akten. „Wir haben mehr Namen gefunden als gedacht“, berichtet sie. 4500 Zwangsarbeiter dürften nach Recherchen des Arbeitskreises in Zweibrücken beschäftigt gewesen sein. Gerechnet hatte Schanne-Raab zu Anfang mit vielleicht 700 Menschen. Die Einsatzorte waren renommierte Unternehmen wie Pörringer & Schindler, Lanz, Dingler, Oltsch & Co. oder die Schuhfabrik Dorndorf. Größere Lager unterhielten Lanz mit 200 Inhaftierten Dingler mit 142 Arbeitern die Firma Dingler.

Der Tagebücher-Fund: eine Quelle der Erinnerung

Rund 30 Lager konnten Schanne-Raab und ihre Mitstreiter aufspüren. Das reichte von umfunktionierten Tanzsälen in Gasthäusern über eigens errichtete Barackenlager auf dem Firmengelände bis zu Wohnhäusern, aus denen die früheren jüdischen Bewohner vertrieben worden waren.

Ob es sich hier um eine Propaganda-Aufnahme handelt? Unbeschwert wirkende Zwangsarbeiter im Lager Biebermühle.
Ob es sich hier um eine Propaganda-Aufnahme handelt? Unbeschwert wirkende Zwangsarbeiter im Lager Biebermühle.

Die Ergebnisse veröffentlichte der Arbeitskreis in einem Buch, das auch Berichte von Zwangsarbeitern selbst enthielt. Zwei Tagebücher von Zwangsarbeitern seien entdeckt worden. „Das waren wichtige Quellen“, erzählt sie. Parallel zur Dokumentation zum Nachlesen gibt es jetzt auch eine Erinnerung im öffentlichen Raum: eine „Stolperschwelle“ wurde am Helmholtz-Gymnasium verlegt, an der Stelle, an der früher ein großes Lager stand. Dazu informiert noch eine Tafel über die Geschichte der Zwangsarbeiter in der Stadt.

„Wächter der Erinnerung“ stehen jetzt in Speyer

Sehr viel Zeit hat das Speyerer Stadtarchiv dem Thema gewidmet. Auch für Speyer finden sich nun dementsprechend viele Einträge an Lagern in der „Topografie der Zwangsarbeit“. Die Mitarbeiterinnen des Stadtarchivs haben mit einem Gedenkbuch im Internet 1914 Arbeitern einen Namen gegeben. In unendlich langen Listen finden sich alle bekannten Zwangsarbeiter mit Name, Geburtsdatum, und Herkunftsort. Von Montpellier in Südfrankreich bis Charkow in der Ukraine stammten die Menschen, die in den Akten der Arbeitsämter für Speyer zu finden waren. Sogar Schweizer waren damals offenbar in die Maschinerie der Zwangsarbeit geraten.

In Speyer wagte es ein Künstler, mit 45 lebensgroßen Skulpturen die einstigen Zwangsarbeiter zurück und mitten in die Stadt zu holen. 2017 installierte Robert Koenig seine „Wächter der Erinnerung“ an belebten Plätzen. Koenigs Mutter war selbst Zwangsarbeiterin in den Speyerer Flugzeugwerken, die ein eigenes Lager mit 200 Insassen betrieben. Weitere Einsatzorte in Speyer waren die Möbelfabrik Orth, die Munitionsfabrik Hess, eine Maschinenfabrik und die Rovo Schuhfabrik, die ihrerseits ein größeres Lager mit 117 Insassen betrieb.

Bewacht wurden die Lager oft vom Werkschutz oder von als „Selbstschutz“ bezeichneten Personen, die teilweise selbst als Zwangsarbeiter verschleppt worden waren und nun, mit Armbinde und Gewehr ausgestattet, die Leidensgenossen überwachen mussten. Die Kriegsgefangenenlager wurden meist von Landesschützen-Bataillonen, besser bekannt als Landsturm und Landwehr, bewacht.

Die größten Lager: bei IG Farben in Ludwigshafen

Die größten Lager neben dem Durchgangslager Biebermühle fanden sich in Ludwigshafen, wo viele Chemiebetriebe sich der Arbeitskräfte aus dem Osten bedienten. Die IG-Farben unterhielt unter anderem ein großes Lager in der Oppauer Straße mit 650 Arbeitern. Die Giulini-Werke hatten ebenfalls ein großes Lager mit 500 Arbeitern.

Sehr großen Arbeitskräftebedarf hatten auch die Bahnausbesserungswerke. Angriffe der alliierten Bomber auf die Gleisanlagen wurden von diesen Trupps wieder ausgebessert, damit der Nachschub für die Truppen und die Rüstungsindustrie rollen konnte. Das Bahnausbesserungswerk Miesau unterhielt ein eigenes Ostarbeiterlager mit 488 Insassen. In Kaiserslautern-Einsiedlerhof gab es ein weiteres Lager mit 200 Insassen.

Für die Stadt Kaiserslautern selbst konnte Benedict von Bremen nur wenige Lager ausfindig machen. Die Kammgarn-Spinnerei beschäftigte 170 Ostarbeiterinnen. Die Stadt selbst bediente sich aus einem Gemeinschaftslager der Stadtverwaltung für Arbeiten in der Stadtgärtnerei und Landwirtschaft. Weitere Lager gab es für das Guss- und Armaturenwerk sowie die Zschocke-Werke, die als Rüstungsbetrieb 1942 auf 70 Ostarbeiter zurückgriffen.

Die „Zweckgemeinschaft“ der Schuhindustrie

Hier zeigt sich, dass es maßgeblich an noch auffindbaren Akten liegt, ob die Lager und ihre Insassen noch aufspürbar sind. In Kaiserslautern hat es mit Sicherheit weit mehr Lager gegeben. Ein gutes Beispiel für die Diskrepanz zwischen historischer Realität und heutiger Aktenlage ist die Schuhindustrie in Hauenstein und Pirmasens.

Auf dem Gelände des Lagers Biebermühle steht heute ein Umspannwerk der Pfalzwerke. 2021 wurde vom Bezirkstag Pfalz eine Gedenksä
Auf dem Gelände des Lagers Biebermühle steht heute ein Umspannwerk der Pfalzwerke. 2021 wurde vom Bezirkstag Pfalz eine Gedenksäule am Eingang angeregt. Passiert ist bisher nichts.

Für Pirmasens ist nur ein einziges Lager der Firma Rheinberger bekannt, die ihre Zwangsarbeiterinnen teilweise im Dachgeschoss des heute noch existierenden Gebäudekomplexes untergebracht hatte. Rheinberger war jedoch gewiss nicht der einzige Schuhfabrikant in Pirmasens, der Zwangsarbeiter einsetzte. Es gibt aber nur von Rheinberger Belege dafür.

Die Hauensteiner hatten laut der Auflistung von Bremens drei Lager. Hier hatten sich die Schuhfabrikanten zu einer Zweckgemeinschaft zusammen geschlossen und ihre Arbeiterinnen, viele davon aus Polen, in der Halle des Hauensteiner Turnvereins und einer früheren Schuhfabrik von Felix Seibel interniert. Um die Bewachung hatten sich die Fabrikanten selbst zu kümmern. In einem Fall wurde auch ein Gasthaus zur Unterbringung genutzt. Bei acht Fabriken sollen die Arbeiterinnen in Hauenstein beschäftigt gewesen sein.

Der Staatsforst im Pfälzerwald unterhielt ebenfalls mehrere Lager. Eines davon lag mitten im Wald bei Salzwoog, wo 100 russische und ukrainische Zivilarbeiter inhaftiert waren. Nach dem Krieg wurde ausgerechnet dieses Lager zur Unterbringung sogenannter Displaced Persons genutzt: So wurden frühere Insassen von Konzentrationslagern und Zwangsarbeiter bezeichnet. Jener Personenkreis, der an das Unrecht erinnerte und den die Deutschen am liebsten nicht mehr sehen wollten, wurde so fernab der Öffentlichkeit verwahrt, bevor eine Heimreise möglich war.

Das riesige Durchgangslager Biebermühle soll laut Augenzeugenberichten nach dem Krieg längere Zeit noch als Lager für Sinti und Roma gedient haben. Andernorts wurden die Baracken ganz schnell beseitigt. Im Fall der Speyerer Flugzeugwerke warteten die Verantwortlichen nur wenige Tage nach Kriegsende und vernichteten dann schnell die Spuren, wie Recherchen von Stadtarchivarin Katrin Hopstock ergaben.

Quellen

„Zwangsarbeit in der Pfalz 1939 bis 1945“, Internetseite des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde: https://www.zwangsarbeit-pfalz.de
„Für jeden sichtbar und doch vergessen: Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Zweibrücken 1940-1945“, Arbeitskreis der VHS-Zweibrücken„Erinnern in Speyer“,
Internet-Gedenkbuch des Stadtarchivs Speyer: https://speyermemo.hypotheses.org

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