Bilder Auf dem Holzweg: Die Ewigkeitsbilder des geschlagenen Skirennläufers Atle Lie McGrath
Gefühlt ein Bild für die Ewigkeit, die im Jetzt von TikTok und Instagram wie lange dauert? 45 Sekunden, drei Tage, ein Jahr, die nächsten zwei Olympiaden. Egal: Wem diese Aufnahmen vom Slalomfinale in Bormio bei den Olympischen Winterspielen nicht ins waidwunde Herz schießen, der hat halt leider Gottes keins.
Atle Lie McGrath also, der norwegische Skifahrer, wie er seine Stöcke in den Himmel schmeißt. Die Skier – aus. Wildbewegt stapft er live, nur weg von der Piste, über Auffangzäune hinweg durch den Schnee. In Richtung Wald wankt er wie Goethes Faust in der Höhlenszene, wie Hans Castorp auf den „Zauberberg“. Wie Anton Tschechows „Drei Schwestern“ auf Weltflucht, ein Unglückshans im Rennanzug. Am Waldrand sinkt er hin, harrt in Rückenlage, von Einsamkeit umfangen, als hätte ihn Caspar David Friedrich gemalt. Das heißt, ganz dessen napoleonischem Chasseur ähnlich, der jäh zwischen Bäumen steht und ahnt: Er ist so verloren wie der Krieg. McGrath indes hat in eine Slalomstange eingefädelt.
Der große Favorit auf Gold – nach der, nun wirklich, halben Ewigkeit von 0,56 Sekunden Vorsprung im ersten Lauf. Man möchte mit dem Moderator heulen. Zu allem Elend ist McGraths geliebter Großvater während der olympischen Eröffnungsfeier vor einigen Tagen gestorben. Dem Nichts-statt-Gold-Drama jetzt sind die Jubelbilder seiner ungläubigen Konkurrenten gegengeschnitten – den Medaillengewinnern. Sie können ihr Glück kaum fassen, während er endlos, haltlos auf dem Weg ins Gehölz ist, wo er – instinktiv – etwas zu finden vermutet.
Auf den Spuren des Pirmasenser Geistesolympioniken Hugo Ball (1886 bis 1927) vielleicht, der – insbesondere als Pfälzer – im Wald das Rettende sah. Auf dem „Holzweg“, so wie ihn Martin Heidegger (1889 bis 1976) definierte – nicht als Pfad, der ins Abseits führt, sondern ins weit Offene einer Lichtung, wo das Sein selbst lichtet. Gerade im Verirren, so Heidegger, sei die Begegnung mit der Wahrheit möglich. Ausgeschieden, ach.
Was die Bilder dann nicht mehr zeigen: Nach kurzer Zeit des Daliegens ist McGrath in einer Art Polizeieinsatz mit dem Schneemobil zurück in die schnöde Realität geholt worden. Man sah ihn später in Fernsehinterviews.