Jubiläumskalender RHEINPFALZ Plus Artikel Anschluss West: Am 15. Juli 1955 wurde die erste documenta in Kassel eröffnet

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Geschlemmte Wände, Kunststoffbahnen filterten das Licht, Leichtbauplatten teilten die Räume. Es muss sakrale Stimmung geherrscht haben. „Tempelartig“, hieß es zur Atmosphäre im Museum Fridericianum, das ansonsten einer Ruine glich. Weihevoll ging man als erstes auf Lehmbrucks „Kniende“ aus dem Jahr 1911 zu. Die Demutsgeste, hochsymbolisch. Mit der documenta 1 in Kassel, die am 15. Juli 1955 öffnete, dockte Deutschland nach dem Nazi-Gau wieder an die freie Welt an.

Ausgerechnet Kassel. 1955 lag die kriegszerstörte Provinzmetropole, dafür hatte die Teilung gesorgt, im Fernen Osten der Bundesrepublik. Es heißt, ausländische Besucher hätten damals gedacht, sie seien falsch. Der Zug brauchte von Frankfurt vier Stunden. Den irrwitzigen Plan, an diesem unwahrscheinlichen Ort eine internationale Ausstellung der Kunst des 20. Jahrhunderts zu zeigen, hatte Arnold Bode (1900 bis 1970). Ein Kunstprofessor, Maler, Innenarchitekt, Designer. Von den Nazis mit Berufsverbot belegt, dann eingezogen, kriegsfern, er war mit Barackenbau befasst. Ein streitbarer Mann, energisch, durabel bis zur Dickköpfigkeit. Damals Mitte fünfzig.

Heute gilt seine Erfindung als jeweiliger Weltkunst-Status-quo. Dabei startete die documenta als Begleitprogramm der Bundesgartenschau. Ein Anhängsel, Etat: 130.000 Mark, Besucher/innen: 347.000. Bei der jüngsten documenta 2017 zum Vergleich, wurde das 37-Millionen-Euro-Budget um sieben Millionen überzogen, 1,2 Millionen Menschen haben sie samt ihrer Athener Dependance gesehen.

Traumabewältigung und Tabula rasa?

1955 war die Inszenierung der Kunst vorherrschend. Inzwischen die Kunst der Inszenierung. Der Begriff documenta, ein Kunstwort, abgeleitet aus dem Lateinischen docere, lehren, und mens, Geist. Klein geschrieben, weil: gerade modern zu der Zeit. Die römische Ziffer als Traditionsverbeugung. Handlungsleitende Fragen bei Ausgabe eins: Wo steht die Kunst? Wo stehen wir? Dazu die Hoffnung, dass im Post-Nazi-Deutschland ein „Hunger nach Bildern“ herrscht – abseits von Krieg und der staatlichen Kitschdoktrin.

Eine „harmonikale“ Schau also, Traumabewältigung und Tabula rasa nach dem Epochenbruch, was nicht so ganz stimmt, wie sich neuerdings herausstellt. Als Konsens galt jedenfalls lange, dass die documenta 1 als „Gegenausstellung“ zur „Entarteten Kunst“ der Nazi etabliert worden war. Eine Rehabilitierung der einst Verfemten. Allerdings wurden dabei etwa die jüdischen Nazi-Opfer Felix Nussbaum und Otto Freundlich unterschlagen. Es herrschte Stil-Dominanz des Abstrakten à la HAP Grieshaber, Fritz Winter und Wilhelm Nay – in Abgrenzung zum im „Ostblock“ gepflegten sozialistischen Realismus. Werner Haftmann, der theoretische Kopf der Anfangsjahre, später Direktor der Berliner Nationalgalerie, schrieb im Katalogvorwort, die Schau sei „für die heranwachsende Jugend“ gedacht. Alles sollte noch einmal neu gesehen werden. Hauptsache keine genau Rückschau, wohl auch, weil Haftmann selbst, wie man neuerdings weiß, 1937 bis 1945 linientreues NSDAP-Mitglied gewesen ist.

Aus der Pfalz war Hans Purrmann dabei

1934 hatte er vergeblich gefordert, die Expressionisten wie Emil Nolde, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rotluff seien „ein Beispiel deutscher Sendung“. Jetzt sorgte er dafür, dass sie bei der documenta dafür standen, wie man im inneren Exil den Anschluss an die europäische Moderne hält. Zu sehen waren ihre Werke neben denen der Großen, Picassos „Mädchen vor dem Spiegel“ (1932), Boccionis „Der Lärm der Straße dringt ins Haus“ (1911). Neben Jean Arp, Max Beckmann, Marc Chagall, Raoul Dufy, Giorgio De Chirico, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Piet Mondrian, Paula Modersohn-Becker, Sophie Taeuber-Arp, in der Rückschau das europäische Who’s who. 148 Künstler/innen waren vertretenen. Aus der Pfalz war der Speyerer Hans Purrmann dabei. Später, bei den documentas VIII und IX, sollten ihm Eberhard Bosslet, ebenfalls aus Speyer, und der Landauer Wolfgang Strack folgen. Höhepunkt 1955 indes: die Skulpturenschau in eigens errichteten Kojen vor der Orangerie. Mit Henri Moore, Eduardo Chillida. Oder Alex Calder, dessen Stabile beim ersten Versuch falsch aufgebaut worden war. Auch manche Interpretation hatte Unwucht.

Als „Panorama unseres Jahrhunderts“ feierte der Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die documenta I. Sein ostdeutscher Kollege vom „Sonntag“ sprach dagegen angesichts der vielen ungegenständlichen Werke von „gemalter Kakophonie“. Es sei ja klar, schrieb er, „wer Opiate und Räusche liebt, meidet die Auseinandersetzung mit den echten Problemen des Lebens“. Mittlerweile würde er in Kassel fast in Überdosis fündig werden.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert dieses Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeweils an ein besonderes Ereignis aus den vergangenen 75 Jahren.

Eröffnung: Arnold Bode erklärt Bundespräsident Theodor Heuss (rechts) eine Henry Moore-Skulptur.
Eröffnung: Arnold Bode erklärt Bundespräsident Theodor Heuss (rechts) eine Henry Moore-Skulptur.
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