Kunst
Ahoy! Das Tinguely-Museumsschiff auf Station in Mannheim
Der Himmel blau, Wolkenwatte davor. Das Schiff, das am Neckarstrand in Mannheim ankert, nennt sich MS Evolutie. An Deck: ein rostiges Schrottwesen aus Eisenteilen, Räder rotieren, wild kreiselnde Schläuche zeichnen mit Neckarwasser vergängliche Linien in die schwülwarme Luft. Unter Deck ist das Getöse des Teils laut wie das raue Meer. Als tobe es gegen die nüchtern rationalisierte Welt an. Der Lastkahn hat Kunst geladen. Videos laufen in seinem Bauch. Plakate hängen an der Wand, Erläuterungen, Konstruktionszeichnungen. Aus Lautsprechern tönt es auf Knopfdruck schräg. Still bewegt sitzt eine Frau mit Rucksack und blonden Locken auf einer Schaukel. Kein Vergleich zu der Unruhe, die Jean Tinguely zu Lebzeiten (1925 bis 1991) immer verbreitet hat. Der Schweizer Künstler aus Fribourg, um den sich hier alles dreht. Der „Leonardo des 20. Jahrhunderts“, wie er sich selbst überhob – ironisch. Mit dem Stolz eines Gegen-den-Strom-Schwimmers. In den 1950/60ern vor allem stieß der Kauz mit ratternden Recyclingwerken Neues an.
Die kinetische Kunst etwa. Der riesigen Zeichenmaschine „Méta-Matic No. 17“ mit Benzinmotor, die 1959 auf der Pariser Biennale ausgestellt war und den Geniekult der Abstrakten Expressionisten à la Jackson Pollock auf die Schippe nahm. Das Original brachte unaufhörlich Ballons zum Platzen – mit lautem Knall. Beim Teilmodell im Schiffsrumpf der MS Evolutie indes hängt die aufblasbare Hülle schlaff in den Seilen. Außer Betrieb, kurzzeitig. Die „Schwimmplastik“ an Deck derweil sprüht weiter vor Energie.
Jubel to go
Normalerweise ist sie vor dem Jean-Tinguely-Museum in Basel installiert. Seit 25 Jahren existiert das dem hyperaktiven Klangkünstler gewidmete Kunsthaus jetzt. Das Schiff, das in Mannheim vor Anker liegt, na ja, segelt unter der Flagge „Museum Tinguely AHOY!“ und ist so etwas wie eine werbewirksame, schwimmende Jubiläumsfeier to go.
Aus lief es am 17. Juli in Paris, wohin Tinguely 1952 gezogen war. Filme und Fotos unter Deck dokumentieren, wie er 1959 in der Galerie Iris Clert eine seiner Zeichenmaschinen bedient. Marcel Duchamp war damals anwesend. An der Seine lernte Tinguely seine spätere Frau Niki Saint Phalle lieben.
Wesentliche Weggefährtinnen und Künstlerfreunde wie Daniel Spoerri traf er dort. Die Route des „AHOY!“-Kulturlastkahns folgt Tinguelys wichtigsten Künstlerstationen. Antwerpen, Maastricht, Amsterdam. In Gelsenkirchen heuerte er als Dolmetscher seines Freundes Yves Klein an, als der im Musiktheater im Revier seine monumentalen Blauen Reliefs installierte. Von ihm selbst stammt ein Wandrelief im Kleinen Haus, das sich heute noch manisch um die eigene Achse dreht. In Duisburg dann wurde ihm für sein „ebenso subversives wie unterhaltendes“ Werk der Wilhelm-Lehmbruck-Preis verliehen.
Zu seiner Einzelschau im Haus Lange in Krefeld gehörte auch eine detaillierte Bauanleitung für ein „Maschinenbild“. Wer es nachbaute und ein Foto einschickte, bekam eine Signatur von Tinguely, die es auf ewig als Originalwerk nobilitiert. Und in Frankfurt am Main, der letzten Station des Schiffs vor dem Neckarstrand, fuhr er 1979 auf dem Städelrasen mit seiner Fahrskulptur „Klamauk“ durch die Gegend.
Stillstand? Gibt es nicht!
Der umgebaute Traktor war mit einem Räderwerk und zahllosen Schlaginstrumenten ausstaffiert, Kuhglocken, Metallfässer, Feuerwerken. So ging es lautstark dahin. In Mannheim derweil streift Sebastian Fath gerade die Kopfhörer über. Der Mannheimer Galerist ist auf Vorerkundungstour für seinen Vater Manfred, der nachher aus Maudach anreisen will.
Fath Senior, 83 mittlerweile, Gründungsdirektor des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums und von 1982 bis 2003 Mannheimer Kunsthallenleiter, hat Tinguely gut gekannt. Er ist auch der eigentliche Grund, warum das Tinguely-Schiff hier hält. Als „liebenswürdig und aufbrausend“ beschreibt Fath ihn, Tinguely, in einem Text, den die Museumspädagogin später auf dem Schiff älteren Damen und dem einen Enkel vorliest, die bei einem Workshop an Deck dem Klang des Wassers nachhören.
„Hong-Kong“ in Mannheim
Fath dürfte auch maßgeblich dafür gewesen sein, dass sich seit 1997 Tinguelys rollende Maschinenskulptur „Hong-Kong“ als Dauerleihgabe des Fördervereins in der ständigen Kunsthallen-Sammlung befindet. Zudem fiel die große Tinguely-Retrospektive 2002 in seine Ägide.
Motto: „Stillstand gibt es nicht“, ein Hauptspruch Tinguelys. Er kann auch für die Veranstaltung gelten, die abends dann aus Anlass des Schiffsbesuchs in der Kunsthalle über die Bühne geht. Veranstaltet vom Bootsteam, tanzt ein junger Mann durchs Atrium. Auf dem Kopf ein Tambourin geschnallt mit zwei Klöppeln. Er trägt Stutzen mit Schellen dran, und links und rechts unter den Arm geklemmt je ein Akkordeon. „Body Instruments“ (Körperinstrumente) nennt die international gefeierte Künstlerin Nevin Aladag ihre Performance. Später reitet die Balletttänzerin Marie-Caroline Hominal auf einem Holzpferd in die Arena. Auf Spitze. Dann wirft sie sich, golden gewandet, ein Haufen Lametta über. Tanzt mit Hut und spricht in ein Mikro. Danach kreisen Fernanda Farah und Damian Rebgetz Fernanda noch in Keren Cytters Kurz-Theaterstück „The Lady of the Lake“ versonnen um die Figuren, die sie spielen. „Ahoy!“, zum Schluss wird gewinkt. Am nächsten Morgen legt ihr Schiff ab. Endstation Basel. Zurück auf los. Die stationäre 25-Jahr-Feier wartet.
Info
Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 2, Basel. www.tinguely.ch