Kultur
Ab heute wieder live zu sehen: Werke von Dalí und Arp im Arp Museum in Rolandseck
Zum Beispiel Schnurrbärte. Beide lieben sie. Hans Arp lässt die Dinger in seinem Werk geradezu wuchern. Als Zeichen. Schwalben-gleich, aus dem Reich der Fantasie zugeflogen. Salvador Dalí hat dafür pure Bewunderung übrig. Als „Erfinder der Schnurrbärte ohne Ende“ preist er den 17 Jahre älteren Arp. Nur um fortan sein eigenes, filigran aufragendes Exemplar zum Markenzeichen zu erheben. Ein erklärtes surrealistisches Objekt, dem schmalen Bärtchen des Schauspielers Adolphe Menjou nachempfunden. Ideal zum irren Blick, den der Spanier kultiviert. In den Bartspitzen sitze unsere Einbildungskraft, behauptet er. Typisch eigentlich.
Poetischer Kauz und ruhmsüchtiger Spinner
Wo Arp Zurückhaltung pflegt, musste Dalí immer übertreiben. Der eine poetischer Kauz. Der andere ruhmsüchtiger Spinner. In Arps Bio-Kunst scheinen wabernde Blubber erstarrt. Wahlweise wird die Stunde mit einem kleinen Torso (zwölf Uhr) oder einem flatternden Schnurrbart (neun Uhr) angegeben. Dalí derweil lässt Uhren wie Camembert zerlaufen und Wesen mit langstieligen Beinen durch die Gegend staksen. Beide Künstler sind Ergründer paralleler Welten, aber Surrealisten wider Willen.
Arp, der Dadaist der ersten Stunde, Dichter dazu, weil er sich als Grenzgänger zwischen den Strömungen bewegt. Dalí dagegen, egoman wie er ist, hält sich ohnehin für unvergleichlich. „Le surréalisme, c’est moi“, sagt er. Aber wie bei ihm ist es auch Arps Art, der Vernunft das Unerklärliche entgegenzuhalten. „Es bricht aus mir hervor, und nachher suche ich zu erkennen, worum es sich handelt“, sagt er – besser könnte man das surrealistische Prinzip nicht definieren. Es ist ein Coup, dass die Kuratorinnen Astrid von Asten und Sarah-Lena Schuster ihn und Dali in Rolandseck in einer gemeinsamen Schau zeigen. Einer Ausstellung zumal, die anspruchsvoll vergleicht und populär zugleich ist, und Arp Glamour verleiht, wie sie Dalí ernsthaft erdet. Beider Werk, kann sich am anderen schärfen.
Zu sehen sind Hauptwerke und – aus Erläuterungsgründen – auch Dalí-Nippes. Fotos, Objekte, Zeitschriften, Assemblagen, Zeichnungen. Von Arp Reliefs, Papierarbeiten, auch eine Tapisserie. Und selten gezeigte Werke darunter wie die floral geformte Holz-Plastik „Blatt einer Frau“ aus dem Jahr 1935. Dazu Dalís Hummertelefon. Oder zwölf seiner geschätzt 1500 oft nur DIN-A4-großen, makellos altmeisterlichen Gemälde, auf denen die Rot- und Blautöne leuchten. Spektakuläre auch wie „Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel vor dem Erwachen“, das traumwandlerisch präzise den Augenblick einfriert, in dem zwei aus dem Obst spritzende Tiger beim Sprung auf eine ergeben drapierte Nackte ansetzen. Auf einer Scholle treibt sie dahin. Und im Hintergrund torkelt ein Elefant auf ellenlangen Steckenbeinchen. Oder das Gemälde „Metamorphosen des Narziss“, das er bei seinem Besuch bei Sigmund Freud in London mitnimmt.
Schwerpunkt sind Ideen, Motive, Zeichen von beiden. Sie ähneln sich erstaunlich oft. So wie Dalís Bühnen und Arps Gedicht, in dem er sich mit einem Stuhl, auf einer Ebene befindet, die sich in einem leeren Horizont verliert. Arps Illustration „Die Luft ist eine Wurzel“ und Dalís Werk „Die Anpassung der Begierden“. Wie auf dessen Gemälde „Einweihungs-Gänsehaut“ eine ganze Corona arpesker Knubbel davonfliegt. Das ähnliche Vokabular an Gegenständen (Ei, Uhr, Karaffe, Stühle) und Tieren (Elefanten, Langusten, Weinbergschnecken), das Arp in Gedichten verwendet und Dalí in Bildern. Die überdimensionale Arp-Plastik, die im Vordergrund von Dalís Gemälde „Die Spektralkuh“ (1928) in einen Vogel übergeht. Trotzdem kommt in dieser Schau auch jeder der beiden Moderne-Matadoren zu seinem Recht.
Beethoven-Porträt mit Tintenfischtinte
In einem Kino im Kunstmuseum läuft der Film-Klassiker „Der andalusische Hund“, der mit dem Rasiermesser-Schnitt durchs Auge in Großaufnahme. Der geniale Lichtregisseur Dalí hat ihn mit Bunuel zusammen erdacht. Sein gebieterisches Beethoven-Porträt, mit Tintenfischtinte gemalt, etwa hat Dalís „Heimatmuseum“ in Figueres zum ersten Mal überhaupt ausgeliehen. Dazu gibt es einige Gimmicks wie, dass man vom Freisitz des Museums durch ein Fernglas Dalí-Elefanten und Tiger durch die Rheinlandschaft streifen sieht. Und multimedial lebt seine Badenixen-Installation für die New Yorker Weltausstellung 1939 wieder auf.
„Die Geburt der Erinnerung“ ist die Schau betitelt. Ob es sich dabei auch um ein „Rendez-vous des amis“ handelt, wie Arp-Museumsdirektor Oliver Kornhoff im Katalog schreibt, darf allerdings bezweifelt werden. Freunde waren die beiden wohl nicht.
„Lassen wir Picasso beiseite. Wir werden lernen müssen, uns besser mit Arp zu verstehen“, meint Dalí noch 1928. Als er ein Jahr später nach Paris kommt, wo Arp sich bereits auf dem Montmartre etabliert hat, ist sich der 25-jährige Schnösel Dalí schon sicher, dass er Arp mit allen anderem „mit einem Griff in die Tasche stecken“ wird.
Geistesriese und Hitlerversteher
Im gleichen Jahr haben beide hintereinander eine Ausstellung in der Pariser Galerie Goemans. Aber nur für Dalí schreibt Surrealismus-Zuchtmeister André Breton ein Vorwort, in dem es heißt, mit ihm seien zum ersten Mal „die Fenster des Geistes aufgestoßen“. Später wird Breton Dalí wegen dessen Hitler-Verehrung und Franco-Liebe aus der Bewegung ausschließen. Der Rest ist Kunstgeschichte. Die Entwicklung der beiden diametral. Auch ihr Nachleben entwickelt sich bekanntlich völlig anders.
Arp bleibt Hauptvertreter einer abstrakten Richtung . Dalí, der Treiber und Virtuose einer überrealen Variante, der Dompteur seiner Psyche, malender Traumfotograf, macht Karriere als Kalender-Künstler, dessen Motive Küchenposter und Kaffeeposter zieren. Arp wird hochgeachtet, aber weltberühmt vor allem in Fachkreisen. Dalí indessen geht in den Kanon ein als Aufmerksamkeits-Ökonom und Kommerz-Freak, der schon zu Lebzeiten die massenhafte Verbreitung seines Werks in Kauf nimmt. Windige Ausstellungen am Stadtrand zehren heute noch davon. Arp macht Schule. Dagegen ist etwa Dalís Einfluss auf Pop-Artisten wie Claes Oldenburg, Roy Lichtenstein oder seinen Freund Andy Warhol fast untergegangen. Und noch ein Unterschied. Arp sieht auf Fotos eigentlich immer rasiert aus.
Die Ausstellung