Kino
72. Berlinale: Eine Verbeugung vor Fassbinder zum Auftakt
Natürlich wird diese Berlinale ganz anders sein. Erstaunlich gelassen geht es jedoch zu am ersten Festivaltag. Eine ungewöhnliche Ruhe liegt über dem Potsdamer Platz. Nicht nur, weil das große Einkaufszentrum wegen Umbau dicht ist. Es sind auch nur halb so viele Pressevertreter wie üblich angemeldet: genau 1670. Sie dürfen nur geimpft und getestet in die Säle, jeder zweite Platz bleibt frei, die Sitze sind zuvor online fest gebucht worden: ein Novum bei diesem Festival, wo sonst heftiges Gedränge und Gerangel um die besten Plätze herrscht.
Ganz ohne anzustehen geht es also in den Eröffnungsfilm. Der altbekannte Sicherheitsmann aus Kaiserslautern, der sonst die ungeduldige Meute bändigen muss, hat Muße und scherzt lässig. Alles ganz entspannt also. Zeit und Raum, um sich aufs Erlebnis Kino einzulassen, auf aufrüttelnde Filme, schließlich steht die Berlinale auch für gesellschaftskritische Filmkunst.
Zurück ins Jahr 1972
Als einen Kommentar auch zur MeToo-Bewegung mag sich der Eröffnungsfilm von François Ozon lesen lassen, auch wenn er dann doch eher an der Oberfläche bleibt. Schon, da er ins Jahr 1972 zurückführt. Ozon hat sich Großes vorgenommen: eine Fassbinder-Adaption mit einer – bisweilen durchaus grotesk wirkenden – Fassbinder-Figur im Zentrum.
Ozon ist der wohl unberechenbarste Regisseur Frankreichs, jeder seiner Filme ist eine Wundertüte. Mal blickt er auf die Historie, mal in die harte soziale Wirklichkeit. Dabei stets formal schön und stilbewusst. Er scheut weder Humor noch unbequeme Wahrheiten, zuletzt hat er sich 2019 im Berlinale-Wettbewerb mit „Grâce à Dieu“ dem Missbrauchsskandal in der französischen katholischen Kirche gewidmet. Und stets haben seine Filme einen ganz eigenen Zauber.
Sein „Peter von Kant“ nun – der erste von 18 Filmen im Rennen um den Goldenen Bären – ist eine Verbeugung vor Rainer Werner Fassbinder und dessen genau vor 50 Jahren gedrehten und 1972 auf der damals im Juni laufenden Berlinale uraufgeführten Frauenfilm „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. In Fassbinder sieht er „einen großen Bruder“, sagt Ozon, der schon 2000 das nie aufgeführte Fassbinder-Theaterstück „Tropfen auf heiße Steine“ adaptiert hat. „Ich habe durch ihn meinen Weg ins Kino gefunden“, erklärt Ozon in Berlin im Pressegespräch.
Ein autobiografischer Stoff
In „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ spielte Margit Carstensen eine manipulative Modeschöpferin, die ihre ihr wortlos dienende Sekretärin Marlene (Irm Hermann) demütigt und eine Affäre mit einem Mannequin (Hanna Schygulla) eingeht, das ihr jedoch bald überdrüssig wird. Fassbinder hatte Petra von Kant als sein Alter Ego angelegt, in seinem Frauenfilm die unglückliche Liebe zu Günther Kaufmann verarbeitet, ebenso seinen Umgang mit seinem Komponisten und Assistenten Peer Raben. Ozon also verfilmte nun diesen unterschwellig im Original erzählten autobiografischen Stoff: Sein Peter von Kant (Denis Ménochet) ist anno 1972 in Köln Filmregisseur. Sein von ihm wüst behandelter Assistent Karl (Stefan Crepon) tippt ihm die Drehbücher und führt die Kamera. Und statt eines Models taucht der attraktive Amir (Khalil Gharbia) auf, den Peter von Kant zu seinem Geliebten macht – und zu einem Schauspielstar.
Der junge Mann findet den Regisseur zwar nicht attraktiv, nutzt aber seine Chance zum Aufstieg und prostituiert sich dafür sozusagen: Die Szene, in der sich von dem lüsternen Regisseur noch widerwillig küssen lässt, ist die stärkste des Films, der danach jedoch eine andere Richtung nimmt. „Peter von Kant“ erzählt zwar von Machtspielchen und Manipulation, macht aus der Titelfigur dennoch keinen Bösewicht, sondern bisweilen einen armen Tropf, der bald seinerseits manipuliert wird. „Reine Liebe gibt es nicht. Es entsteht immer ein Kräfteverhältnis, mit dem man wohl nie zufrieden ist“, sagt Ozon pessimistisch.
Erneut Schygulla
Viele Dialoge hat er unverändert aus dem Original übernommen: schon den Auftakt, aber auch das Philosophieren über die Unmöglichkeit eines gemeinsamen Lebens oder die Abgründe der Seele: „Der Mensch ist hart und brutal und jeder ist ihm austauschbar“, heißt es bei Fassbinder wie Ozon. „Und letztlich erträgt er alles.“
Jedoch geht die Kalkulation Ozons, der auch das Setting in einem opulenten Apartment übernimmt, nicht auf: Fassbinder lässt sich nicht wiederholen. Gerade die enorme Theatralik, die Überzeichnung, die Ozon seinen Darstellern verordnet, funktioniert nicht. Isabelle Adjani als Sidonie wirkt gar wie eine Karikatur. Und selbst die hübsche Idee, Hanna Schygulla erneut zu besetzen – diesmal als von Kants Mutter statt Geliebter – zündet nicht. Schygulla, die im Originalfilm „Lili Marleen“ sang, darf nun nach der finalen kathartischen Szene „Schlaf, Kindchen schlaf“ singen.
Doch da hat François Ozon wohl schon die meisten Zuschauer verloren: Sein Film wirkt am Ende doch wie eine etwas selbstverliebte Fingerübung und dürfte nur Fassbinder-Exegeten faszinieren.