Kulturzentrum Kammgarn RHEINPFALZ Plus Artikel 31. Ausgabe des Pfälzer Jazzfestivals bringt Stars und Newcomer

Eröffnung im Pfalztheater: Saxophonlegende Jan Garbarek.
Eröffnung im Pfalztheater: Saxophonlegende Jan Garbarek.

Es dürfte eine der besten Ausgaben des Kammgarn-Jazzfestivals gewesen sein. Nach dem Start mit einer Legende gab es eine Premiere und am Ende ein große Überraschung.

Eröffnet hatte die 79-jährige norwegische Saxophonlegende Jan Garbarek mit seiner Group am Mittwochabend das Festival. Aber nicht etwa im Kulturzentrum Kammgarn, wo er seinen vorherigen Auftritt anno 2018 absolvierte hatte, sondern im so gut wie ausverkauften Großen Haus des Pfalztheaters. Eine neue Kooperation der beiden großen Kaiserslauterer Kulturinstitutionen, die nun durchaus fortgesetzt werden könnte.

Argumente dafür gibt es viele: Brachte die neue Spielstätte den Jazz außerhalb der Mauern des Kulturzentrums in die Stadtmitte, so war auch das Publikum gemischt. Jazzfreunde, die zuvor noch nicht den Musentempel besucht hatten, saßen neben Theatergängern, die sich das Jazzschmankerl nicht entgehen lassen wollten. Am Ende waren beide Gruppen begeistert von dem energetischen Auftritt des 79-jährigen Saxophonisten, der zum Exklusivkonzert von Oslo an die Lauter gekommen war.

Fortsetzung folgt?

Bei seinem insgesamt sechsten Gastspiel in Kaiserslautern ging Garbarek mit seiner Group den Wohlklang früherer Jahre hart an und löste ihn mit viel kreativem Mutwillen auf. Ein dichtes, konzentriertes Konzerterlebnis mit großem Freiraum zur solistischen Entfaltung für alle vier Musiker – neben dem Frontmann sein langjähriger Weggefährte Rainer Brüninghaus, Trommelmagier Trilok Gurtu aus Indien und Bassist Yuri Daniel aus Brasilien. Stehende Ovationen der rund 700 Zuhörer waren am Ende der Lohn.

Den für alle Seiten gewinnbringenden Crossover beim Publikum dürften dann wohl auch Kulturzentrumschef Richard Müller und der künstlerische Direktor des Pfalztheaters Daniel Böhm im Blick gehabt haben, als sie im Gespräch am Rande des rund eindreiviertelstündigen Konzertes (ohne Pause) ihrer Begeisterung für das gemeinsame Projekt Ausdruck verliehen und sich deutlich für eine Fortsetzung im kommenden Jahr aussprachen.

Noch ein Wiederholungstäter

Ein Wiederholungstäter stand dann auch am zweiten Festivaltag mit Omer Klein auf der Bühne, diesmal wieder im Kulturzentrum Kammgarn, wo er das 2018er-Festival eröffnet hatte. Der israelische Pianist stellte sich mit neuer Formation vor. Sein „klassisches“ Klaviertrio hat er dabei um zwei Saxophone und einen weiteren Schlagwerker erweitert.

Das Sextett präsentierte die meist eingängigen, mal Samba nahen, mal sich orientalisch-arabesk windenden Themen aus der Feder des Bandleaders im volltönenden, homogenen Sound. Weite Improvisationsstrecken kamen hinzu. Ein Ohrenschmaus auch dieser Abend für die rund 150 Besucher. Zwei Tage später gastierten die Poetics übrigens im großen Saal der ausverkauften Elbphilharmonie Hamburg vor 2100 Hörern.

Traumschöne Klangbäder

Die dritte Festivaletappe brachte dann wieder drei Auftritte. Zunächst erlebten an die 300 Hörer im Kasino eine Premiere mit zwei alten Bekannten vor Ort. So waren in früheren Jahren Michael Wollny mit der All-Star-Truppe 4 Wheel Drive in der Kammgarn zu hören und Emile Parisien mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani. Diesmal kamen der fränkische Spitzenpianist Wollny und der französische Sopransaxophonist also gemeinsam im Duo.

Gelungene Premiere im Duo: Michael Wollny und Emile Parisien.
Gelungene Premiere im Duo: Michael Wollny und Emile Parisien.

Die beiden erwiesen sich dabei nicht nur als virtuose Filigrantechniker, sondern auch als echte Seelenverwandte. Denn beide verschmelzen stilistisch Jazz mit Klassik und Avantgarde. Das dichte Geflecht der Themen verlangte eine hohe Konzentration auf und vor der Bühne. Am Ende belohnten traumschöne Klangbäder und abstrakte, freejazzige Ausbrüche, die den Intellekt forderten. Eine außerordentlich gelungene Premiere des Duos also.

Große Fallhöhe

Insofern war danach die Fallhöhe groß für das junge, britische Trio von Mammal Hands im Cotton Club des Hauses. Dennoch punktete das Brüderpaar Nick (Klavier) und Jordan Smart (Saxophon), ergänzt um Schlagzeuger Rob Turner, mit einer Club-tauglichen Mischung aus minimal music, Ambient, Electronica und Jazz. Sie entwickelten wahre Soundorgien, die – Einlassung vorausgesetzt – den Hörer mit sich rissen. Zeitgleich bewies eine mit regionalen Musikern besetzte Formation im Schreinereitrakt, dass auch die Westpfalz in Sachen (klassischem) Jazz gut bestückt ist.

Björk meets Tarantino

Wiederum drei Auftritte brachte der vierte und letzte Abend vor rund 400 Gästen. Schlagzeuger Emil Brandqvist, der übrigens wie Wollny bereits bei der 2019er Ausgabe des Festivals dabei war, eröffnete ihn mit seinem Trio. Und was der Schwede im Verein mit seinem Landsmann Max Thornberg am Bass sowie dem finnischen Pianisten Tuomas A. Turunen anboten, war kammermusikalischer Jazz von hohem Rang. Filigrane, liebevoll verwobene Themen, dezente Fortspinnungen und ein dichter Zusammenklang bewiesen die Klasse der Skandinavier. Zarte Tonpoesie bestimmte den Auftritt, bis auf eine freejazzige Passage, in der es die Drei dann doch mal – in Maßen – krachen ließen.

Ihre ganz eigene Musikmischung bot im Anschluss ebenfalls im Kasino die südkoreanische Sängerin Youn Sun Nah im Quartett. Herrlich schräg, herrlich abgedreht, verbinden die Titel der 56-jährigen Singer/Songwriterin Jazz vor allem mit französischem Chanson. Heraus kommen immer neue, extravagante Kabinettstücke. So müsste es wohl klingen, wenn Björk einen Soundtrack zu einem Tarantino-Streifen komponieren würde.

Das Beste zum Schluss

Die Überraschung des Festivals und eine kleine Sensation stellte allerdings im Cotton Club der abschließende Auftritt der jungen österreichischen Formation Elsa dar. Gerade der Hochschule entwachsen, sorgt das Quartett um Sängerin Elsa Steixner für Furore und das zuallererst einmal mit einer umwerfend seelenvollen Mischung aus Gospel, Soul, Folk, Country und Singer/Songwriter.

Überraschung zum Schluss: die jungen Österreicher von Elsa.
Überraschung zum Schluss: die jungen Österreicher von Elsa.

Daneben punktete die sympathische Frontfrau mit einer natürlichen, ganz unprätentiösen Bühnenpräsenz. Und ihre Stimme ist jetzt schon ganz groß: Sie changiert zwischen warmem, weichem Timbre, bluesigen Abschattierungen und schneidender Schärfe. Völlig selbstvergessen tauchte sie in ihre Songs ein, die Begleitmusiker Julian Bazzanella am Keyboard, Jakob Lang an Bass und Gitarre sowie Schlagzeuger Daniel standen ihr in Sachen Entrücktheit nicht nach. Bis gegen ein Uhr fesselte die Band so ein gebannt lauschendes Publikum im proppenvollen Club. Keine Note wollte man da verpassen, mucksmäuschenstill war es – vom begeisterten Applaus abgesehen – die gesamte Konzertdauer über. Ein ganz starker Festivalmoment, der in Erinnerung bleiben wird.

Abend drei und vier brachten ein weiteres organisatorisches Experiment. Spielten am Freitag Mammal Hands und die JA!ZZevau-Sessionband parallel im Cotton Club und in der Schreinerei, so traten die drei Bands am Samstag nacheinander an. Die Qual der Wahl stand also gegen eine insgesamt längere Konzertdauer. Wie sich das beim nächsten, dann 32. Kammgarn-Jazzfestival gestaltet, kann das Publikum vom 8. bis 10. April 2027 herausfinden.

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