Kolumnen Online-Kolumne: Karotten obsessiv

91-134136968_online-kolumne_rheinpfalz_karotten.jpg
Karikatur: Boiselle
Im Märchen „Die Schneekönigin“ lässt der Teufel einen Spiegel fallen, der in tausend Stücke zerspringt, und die Splitter, die ein menschliches Auge treffen, lässt die Betroffenen nur noch das Hässliche in der Welt sehen. So geschehen beim unglückseligen Kay, der auch noch von der Schneekönigin entführt wird und ihrer kühlen Schönheit verfällt. Ganz so weit geht es bei mir nicht, allerdings hat mich, glaube ich, auch ein Splitter des besagten Spiegels im Auge getroffen. Seitdem sehe ich in Filmen nur noch Menschen, die Karotten schälen und schneiden. Teufelswerk!

Und was kochen sie? Karotten. Immer.

Ich weiß gar nicht mehr, wann es mir zum ersten Mal auffiel, es ist schon eine Weile her. Um Filme möglichst lebensnah zu gestalten, wird darin ja auch öfter mal gekocht, die Avengers müssen ja auch mal was essen, ach so, nein, die nicht, die haben ja Superkräfte und nie Hunger. Normale Menschen aber nehmen hin und wieder Mahlzeiten ein, und das spiegelt sich auch in Film und Fernsehen wider. Die Helden stehen da auch mal an ihren Küchenarbeitsflächen und kochen was. Und was kochen Sie? Karotten. Doch. Immer. Gut, ich sehe die anderen Lebensmittel ja wegen des zerbrochenen Spiegels nicht mehr so gut, aber passen Sie doch auch mal bitte mit auf.

Zack, zack, zack, hack, hack, hack

Was schnippelt Veronica Ferres als alleinerziehende Mutter in „Die Wilden Hühner“? Richtig! Karotten. Im Hintergrund ist noch weiteres Gemüse zu sehen, bearbeitet aber werden die Karotten. Zack, zack, zack mit dem Sparschäler abgezwirbelt, dann hack, hack, hack, kleine Scheibchen. Was man halt so macht mit Karotten. US-Produktionen sind genauso betroffen. Szenen aus dem Leben, die in der Küche spielen? Da schneidet irgendwer immer an einer Karotte rum, während er Sätze spricht wie: „Alistair, ich weiß es zu schätzen, dass du mir die Geschäftsleitung in Baton Rouge übertragen willst, aber ich muss meinem Herzen folgen!“ Schnippel, schnippel, Karotte in die Pfanne. Das ist doch unrealistisch, man könnte ja meinen, die Menschheit ernährt sich ausschließlich von Karotten.

Rübchen schaben bei den Orks

Gut, es gibt noch mehr Unrealistisches in der Glotze und im Kino. Dass Captain America und Iron Man nie was essen, ist ja auch keineswegs logisch zu begründen. Aber kann man denn nicht mal für ein bisschen Abwechslung auf den cineastischen Tischen sorgen? Das sind ja oft sehr aufwendige Produktionen, mit millionenschweren Darstellern, mit einem Set, das detailverliebt das Leben in vergangenen Jahrhunderten oder in einem Appartement am New Yorker Central Park vorgaukelt, mit Masken, an denen die dafür zuständigen Bildner den ganzen Morgen rumgeknetet und –gemalt haben, mit mehr Statisten als Zweibrücken Einwohner hat. Und was gibt“s zu essen? Karotten. Beim „Herr der Ringe“ kann ich mich jetzt an keine expliziten Essensszenen erinnern, da wird, glaube ich, vorwiegend von den Elben gebackenes Lembas Brot verzehrt. Aber wetten, dass auch die Orks Rübchen schälen würden, stünde bei ihnen eine Küchenszene auf dem Drehplan?

Gammelwirsing bringt’s auch nicht

Woher kommt das bloß? Nimmt man Karotten gerne, weil Karotten nicht so schnell verrotten? Im heimischen Kühlschrank halten die schon mal ein paar Tage, manche sogar Wochen, wenn sie im Gemüsefach vergessen werden. Sie schrumpeln dann und werden manchmal schimmlig, und es wachsen seltsame Gebilde aus ihnen raus, aber an ihnen rumschnippeln kann man immer noch. Mit Wirsing geht das nicht so gut, auch Cordon Bleu wäre nach drei heißen Drehtagen am Set von „Mad Max: Fury Road“ wohl hinüber. Und Charlize Theron ist als Furiosa eh immer schon so schlecht gelaunt, da würde sie sich schön bedanken, wenn sie auch noch einen Gammelwirsing zerlegen müsste.

Im Auge ist sie eine Waffe

Dann nehmt halt weiterhin Karotten, vielleicht bemerkt das ja außer mir auch keiner oder es stört keinen. Ich sollte diesbezüglich mehr zur Ruhe kommen. Meine Familie lässt durchblicken, dass es sie stresst, wenn ich dauernd „Ihr müsst ins Wohnzimmer kommen! Schnell!“ schreie und sie dann dorthin stürzen, nur um zu sehen, dass im Fernsehen gerade wieder einer Karotten schabt und ich erregt mit dem Finger drauf zeige. Ich muss diese Obsession wieder loswerden, keine Frage. Helfen könnte der Film „Shoot em up“. Da frisst Clive Owen zwar auch pausenlos Karotten, aber immerhin wird eine davon als Waffe benutzt und in ein Auge gestochen. Sollte da ein teuflischer Spiegelsplitter drinhängen, wird er durch diese Maßnahme sicher entfernt. Karotten, so heißt es ja, erhöhen die Sehkraft.

Die Autorin

Sigrid Sebald (50) ist seit 2000 RHEINPFALZ-Redakteurin in Zweibrücken, wo sie mit Mann und Tochter auch lebt. Über die Beiträge für die „Zweibrücker Rundschau“ hinaus schreibt sie regelmäßig in der RHEINPFALZ-Sommererzählreihe sowie Weihnachtsgeschichten.

Die Kolumne

Christine Kamm und Sigrid Sebald schreiben abwechselnd in der Online-Kolumne „Ich sehe das ganz anders“ über die großen und kleinen Überraschungen sowie Absurditäten des Alltags. Hier finden Sie alle anderen Kolumnen.