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Museen & Galerien

Sex und Einsamkeit: Patrick Angus in Stuttgart

Von Kai Scharffenberger

Entspannte Erotik: „Reclining Nude Darien“, Gouache, 1989.

Entspannte Erotik: „Reclining Nude Darien“, Gouache, 1989. (Fotos: Douglas Blair Turnbaugh/frei)

Kühles Elternhaus: Gemälde „Mom and Dad Dining“, 1991.

Kühles Elternhaus: Gemälde „Mom and Dad Dining“, 1991. (Fotos: Douglas Blair Turnbaugh/frei)

An nackten Männern herrscht in Stuttgart zurzeit kein Mangel, man begegnet ihnen zuhauf im Kunstmuseum der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Was daran liegt, dass man hier gerade einen homosexuellen US-amerikanischen Maler aus der Generation von Keith Haring wiederentdeckt: Patrick Angus (1953-1992). Während Haring jedoch stark durch die Graffiti-Szene geprägt wurde, hatte sich Angus zwei figurative Maler zu Vorbildern erkoren, die in ihren Werken ihrerseits immer wieder gerne die eigene Sexualität thematisierten: David Hockney und Pablo Picasso.

 

In einem Stil, der ebenso sehr auf den amerikanischen Realismus eines Edward Hopper zurückweist wie er die Neofiguration des 21. Jahrhunderts antizipiert, wurde Angus zu einem Chronisten der Schwulenszene, zunächst in Kalifornien, ab 1980 in New York. Dabei griff er zu Sujets, an die sich bis dato wohl noch kein anderer homosexueller Kollege herangetraut hatte: Patrick Angus, der mit nur 38 Jahren an Aids starb, malte – unter anderem, aber doch mit auffälliger Häufigkeit – Szenen aus Schwulensaunen, Pornokinos und Stripshows.

 

Sind diese Bilder selbst pornographisch? Ja und nein. Sie zeigen zwar bisweilen ganz unverblümt sexuelle Handlungen, sind aber durch ihren comicartigen, an harmlose Cartoons erinnernden Stil einer wirklich sinnlichen Wirkung beraubt. Vergleicht man diese Bilder beispielsweise mit männlichen Akten von Anton Kolig, Rainer Fetting, David Hockney oder Norbert Bisky, erscheinen Angus’ Nachtleben-Szenarios geradezu unerotisch. Es ist nicht die Schönheit des nackten männlichen Körpers, die Angus in diesen Bildern beschwören will, nicht das elektrische Flirren der Lust – wovon der Maler hier erzählt, ist vielmehr die Einsamkeit des Betrachters, der am Tresen hockt oder im Sexkinosessel sitzt, die Sehnsucht des Beobachters, der, an den Bildrand gedrängt, den anderen beim Duschen zuschaut.

 

Aus soziologischer Sicht sind diese Sauna- und Pornokinotableaus durchaus bedeutend, weil sie zur Enttabuisierung einer Lebenswelt beitragen, die im Verborgenen stattfindet. Angus’ beste Bilder sind sie trotzdem nicht. Besser gefallen seine Aktbildnisse von Freunden wie dem schwulen Geistlichen Rob Stuart, weil Angus in diesen Werken eine sympathisch unaufgeregte, betont lässige Darstellung männlicher Nacktheit mit oft detailreicher Interieurmalerei vereint. Kühle Porträts, Stillleben und überraschend idyllische Vorstadtlandschaften runden das Stuttgarter Angus-Portfolio ab, das nicht nur die erste umfassende Retrospektive des Malers in Europa darstellt, sondern vor allem auch als Plädoyer für einen vorurteilsfreien Umgang mit sexueller Diversität verstanden sein will.


Info

»Patrick Angus: Private Show« – bis 8.4.18, Stuttgart, Kunstmuseum, Kleiner Schlossplatz 1, geöffnet: Di, Mi, Do, Sa, So 10-18 Uhr, Fr 10-21 Uhr; Katalog: 29 Euro; Info: www.kunstmuseum-stuttgart.de.

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