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Museen & Galerien

Orpheus und die Farbe: »Stimme des Lichts« in Ludwigshafen

Von Kai Scharffenberger

Franz Marc: „Kleine Komposition IV“, 1914.

Franz Marc: „Kleine Komposition IV“, 1914. (Foto: fmm/frei)

Robert Delaunay: „L’Équipe de Cardiff“, 1913.

Robert Delaunay: „L’Équipe de Cardiff“, 1913. (Foto: Peter Cox/frei)

František Kupka: „Rouge et vert“, 1913.

František Kupka: „Rouge et vert“, 1913. (Foto: VG Bild-Kunst/frei)

„Regen, Dampf, Geschwindigkeit“ heißt eine Nebel- und Eisenbahnfantasie des englischen Romantikers William Turner.

„Licht, Farbe, Dynamik“ könnte als Titel über jedem Bild des Franzosen Robert Delaunay (1885-1941) prangen. Der Maler, ein Zeitgenosse Picassos, zerlegte die Welt in Farbspiele voller Bewegung. Vom Kubismus ausgehend ließ Delaunay in seinen Gemälden den Eiffelturm wackeln, er schuf „Fensterbilder“, die Ausblicke auf die Umgebung in kaleidoskopartige Mosaike verwandelten, schließlich erfand er farbprismatische Scheibenbilder, die Rotation simulieren. Das alles innerhalb von vier, fünf Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Der in der Kunstszene seiner Zeit gut vernetzte Dichter Guillaume Apollinaire ersann für diese so sehr auf Licht, Farbe und Bewegung konzentrierte Malerei den Begriff „Orphismus“. Orpheus, der mythologische Feingeist vom Dienst, wurde damit zum Namenspatron eines Malstils, dessen Elemente gemäß Apollinaire „nicht der visuellen Wirklichkeit entlehnt, sondern gänzlich vom Maler erschaffen wurden“.

Delaunays und Apollinaires Orphismus

Dieser „reinen Malerei“ an der Schwelle zur Ungegenständlichkeit widmet das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen eine Ausstellung, deren besonderes Merkmal darin besteht, dass sie Delaunays und Apollinaires Orphismus im Kontext seiner Entstehungszeit betrachtet, also im Spannungsfeld von Kubismus, Expressionismus und Futurismus. Dabei wird Delaunays Verbindung zum „Blauen Reiter“ besonders deutlich: Vor allem Franz Marc und August Macke ließen sich durch die Farbexperimente des Franzosen, den man 1912 in Paris besuchte und dessen Arbeiten auch in Ausstellungen des „Blauen Reiters“ gezeigt wurden, zu eigenen völlig abstrakten Kompositionen inspirieren.

 

Neben Delaunay tritt in Ludwigshafen František Kupka als weiterer Hauptvertreter des Orphismus in Erscheinung. Während Delaunays Prismenkonstruktionen mit ihren Splittern einer städtischen Umgebung immer etwas Urbanes haben, spielen Kupkas oft intervallartig gestaffelte Farbwucherungen eher auf Organisches und Pflanzliches an. Oder auch auf Klang und Schallwellen.

Orphismus = immens theorielastiges Phänomen

Weil der Orphismus ein immens theorielastiges Phänomen war, gibt es in jedem Raum eine passend bestückte Leseecke. Die enge Verzahnung zwischen orphistischer Malweise und literarischer Welt macht außerdem ein Gemeinschaftswerk von Delaunays Künstlergattin Sonia mit dem Dichter Blaise Cendrars kenntlich: „Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der kleinen Johanna von Frankreich“ (1913) ist ein Gesamtkunstwerk aus Wort und dynamischem Farbspiel, eine Vergeistigung der Malerei im Leporelloformat.


Info

»Stimme des Lichts: Delaunay, Apollinaire und der Orphismus« – bis 2.4.2018, Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum, Berliner Straße 23, geöffnet: Di, Mi, Fr 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr; www.wilhelmhack.museum. 

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