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Zu Gast beim Hochrisiko-Trainer: Erlebt der FCK in Kiel ein Torspektakel?
Das Echo war verheerend. „Tim Walter und Holstein Kiel spalten Fußball-Deutschland“, schrieben die „Kieler Nachrichten“. „Auf der Pressekonferenz raunzt Ex-HSV-Trainer Tim Walter die Journalisten an“, urteilte das „Hamburger Abendblatt“. Und das Fachmagazin „Kicker“ betitelte ein Video zu einer denkwürdigen Pressekonferenz, die in den sozialen Medien rauf- und runtergespielt wurde, mit der Schlagzeile: „Kiel-Trainer legt kuriosen Auftritt hin“. Vor dem Abstiegsduell bei Fortuna Düsseldorf (2:1) hatte Kiels Trainer Tim Walter die Journalisten in einer Medienrunde spüren lassen, warum er in der Branche als „Enfant terrible“ gilt. Der gebürtige Bruchsaler giftete („Schön abgelesen die Frage“), provozierte („Dann können Sie ja meinen Job machen“) und kanzelte ab („Du liegst da falsch“).
So eine Pressekonferenz hat man im auf Konformität getrimmten deutschen Profifußball schon sehr lange nicht mehr erlebt. Auch wenn der dünnhäutige Auftritt später als bewusster Schachzug Walters interpretiert wurde, um den Druck auf sich und damit von seinem Team weg zu lenken – ein Manöver, das mit dem wichtigen 2:1-Sieg in Düsseldorf aufgegangen wäre –, untermauerte die PK doch das Image des Trainers: Das ist einer, der zwischen Genie und Wahnsinn pendelt. Einer, der polarisiert. Einer, dem es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein mangelt.
Den Verantwortlichen bei Holstein Kiel waren derartig gelagerte Bedenken egal. Als es im Februar um einen Nachfolger von Trainer Marcel Rapp ging, der die Norddeutschen vor dem direkten Absturz von Liga 1 in Liga 3 bewahren sollte, fiel die Wahl auf Walter, der die Kieler mit einer No-Name-Truppe in der Saison 2018/2019 auf Platz sechs der Zweiten Liga geführt hatte. Danach scheiterte der extrovertierte Badener zunächst beim VfB Stuttgart und dann am Versuch, den Hamburger SV wieder in die Bundesliga zu führen. Zuletzt flog er beim englischen Zweitligisten Hull City schon nach ein paar Monaten wieder raus. „Tim ist in der Lage, unserer Mannschaft für die entscheidende Phase der Saison noch einmal einen wichtigen Impuls zu geben“, sagte Kiels Sportgeschäftsführer Olaf Rebbe.
Viel Ballbesitz, hohes Anlaufen
Ob Walters Hochrisikofußball, der auf extremer Dominanz durch Ballbesitz, viel Flexibilität und hohem Anlaufen basiert, für den Abstiegskampf der Zweiten Liga geeignet ist, darüber werden die kommenden Wochen ein Urteil fällen. Bisher fällt die Bilanz seiner zweiten Amtszeit an der Förde ausgeglichen aus (2 Siege/2 Remis/2 Niederlagen).
Beim FCK will man sich auf den sogenannten „Walter-Ball“ so gut es geht einstellen. „Ich erwarte einen intensiven Gegner. Wenn man Holstein Kiel an den Daten misst, erwartet uns ein sehr physisches Spiel. Durch die neue Systematik ist das nicht weniger geworden“, sagte Trainer Torsten Lieberknecht am Mittwoch. Gerade in der eigenen Abwehr gebe es gegen Walters Team einige Besonderheiten zu beachten. „Wie verteidigt man die Breite in der Offensive bei ihnen, das ist eine Thematik. Da gibt es ein paar taktische Dinge, die wir den Jungs mitgeben“, sagte Lieberknecht. Der FCK-Trainer weiß natürlich auch, dass Walter gewagter Spielstil immer auch Räume für Umschaltsituationen eröffnen wird, die die Lauterer dann nutzen müssen. Gerade, wenn man die direkten Duelle für sich entscheiden kann.
Wenn Walter coacht, sind Torfestivals keine Seltenheit. Viele Kieler Fans erinnern sich noch an das fantastische 4:4 gegen den SC Paderborn in der ersten Amtszeit des Badeners, der in der Jugend des KSC und beim FC Bayern seine ersten Schritte als Trainer unternahm. Beide Mannschaften attackierten damals ohne Rücksicht auf Verluste in Form von Gegentoren. „Fußball ist Kunst, und dieses Spiel ein Meisterwerk“, hieß es danach in einem Paderborner Fanzine.
Ob das Gastspiel des FCK an der Ostsee (Freitag, 18.30 Uhr, Liveblog auf rheinpfalz.de) ähnlich unterhaltsam wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: Wenn Tim Walter an der Seitenlinie steht, sind Unterhaltung und Unberechenbarkeit garantiert – sei es durch die Risikofreudigkeit seiner Mannschaft auf dem Platz oder durch seine darauffolgende Performance vor den Mikrofonen der Reporter.
