1. FC Kaiserslautern
„Werde ich nie vergessen“: Sirch zieht emotionale Bilanz seiner FCK-Jahre
Es gehört zu den Eigenheiten des modernen Fußballgeschäfts, dass die Biografien der kickenden Hauptdarsteller zumeist in klinisch reinen Nachwuchsleistungszentren vorgezeichnet werden. Bei Luca Sirch hingegen verweigerte das System zunächst die Gefolgschaft. In Augsburg, seiner Heimat, hielt man ihn in der U14 für entbehrlich – eine Fehleinschätzung, die man heute in den gehobenen Etagen des FCA vermutlich mit peinlich berührtem Schweigen quittiert.
Als Luca Sirch im Frühling 2025 beim 1. FC Kaiserslautern in der Zweiten Liga Fuß gefasst hatte, erzählte er im RHEINPFALZ-Podcast „Lautre“, welche Widerstände er für seinen Traum vom Fußball-Profi überwinden musste. „Wenn es mit Fußball nicht geklappt hätte, hätte ich nicht gewusst, was ich dann gemacht hätte“, sagte Sirch. Sein Weg zum Berufsfußballer glich, nachdem man in der Jugendakademie des FC Augsburg den Daumen gesenkt hatte, einer mühsamen Expedition durch die süddeutsche Provinz. Königsbrunn und Memmingen hießen die Stationen einer Ochsentour, die er ohne das Sicherheitsnetz einer akademischen Ausbildung oder eines bürgerlichen Lehrberufs absolvierte. Es gab keinen Plan B, nur den unbedingten Willen, es als Fußballer nach oben zu schaffen. Aber just in dem Moment, als sich der Schwabe fernab der Heimat einen Vertrag beim ambitionierten Nordost-Regionalligisten Lokomotive Leipzig erspielt hatte, legte die Corona-Pandemie im Jahr 2020 das soziale Leben weitgehend lahm. Es wurde ein schwieriger Neustart in der ostdeutschen Fremde.
Man muss diese Vorgeschichte mit ihren Entbehrungen kennen, um einschätzen zu können, wie weit es Luca Sirch sechs Jahre später gebracht hat. Union Berlin, Borussia Mönchengladbach, TSG Hoffenheim oder doch sein Jugendverein FC Augsburg? Es soll mehrere Interessenten aus der Bundesliga an dem ablösefreien FCK-Allrounder geben, der vor dem 2:0-Sieg gegen Arminia Bielefeld im Fritz-Walter-Stadion mit viel warmem Applaus von den Rängen verabschiedet wurde. Eine finale Verkündung, zu welchem Klub er wechselt, soll in den nächsten Wochen folgen.
Innerhalb von nur zwei Jahren ist der Mann, der aus der Vierten Liga kam, auch der Zweiten Liga entwachsen. Der FCK fungierte für Sirch nicht bloß als Sprungbrett, sondern als hocheffizientes Trampolin, das ihn nun in die Sphären der Bundesliga katapultiert. Eine solch rasante Entwicklung in so kurzer Zeit hat auf dem Betzenberg seit der Zweitliga-Rückkehr 2022 kein Profi genommen.
„Der FCK hat eine Riesenbedeutung in meiner Karriere. Wenn man sieht, wie es gelaufen ist: Damit hätte ich am Anfang nicht gerechnet. Das werde ich nie vergessen“, sagte Sirch nach seinem letzten Heimspiel im Fritz-Walter-Stadion. „Es war ein sehr emotionaler Tag und eine emotionale Reise. Ich war zwar nur zwei Jahre hier, aber ich bin hier Profi geworden. Ich werde die Jungs und die Fans vermissen.“
Man nimmt ihm diese Aussagen ab. Dass sein Abgang ohne die im Fußball üblichen Schmähungen und Misstöne aus dem Lager des Noch-Arbeitgebers vonstatten geht, liegt an der Redlichkeit des Protagonisten. Sirch verzichtete auf die wohlfeilen Treueschwüre, die in diesem Metier allzu oft ein rhetorisches Verfallsdatum besitzen. Schon im Februar, als FCK-Geschäftsführer Thomas Hengen in der ihm eigenen Diktion die Vertragsverlängerung als unsichere Option umschrieb, war das Ende der Liaison absehbar. Man nennt das in der Branche „den nächsten Schritt machen“ – eine jener Floskeln, die im Falle Sirchs jedoch ein nachvollziehbares Karrieremotiv beschreibt.
Es gab bei seinem Abschied vom Betzenberg aber auch deshalb fast ausschließlich freundliche Reaktionen aus der Kurve, weil Sirch in der Pfalz zu einem unumstrittenen, fast unersetzlichen Stammspieler gereift ist, der es mit unverwüstlicher Einstellung, guten Leistungen und ausgeprägter Variabilität in die Notizbücher der Scouts aus der Bundesliga geschafft hat. Innen- oder Außenverteidiger, defensives Mittelfeld, auch mal ein Ausflug in offensivere Positionen – der 26-jährige Dauerbrenner hat in seinen 60 Spielen für den FCK (5 Tore/8 Vorlagen) nur selten enttäuscht. Sowohl unter Trainer Markus Anfang als auch dessen Nachfolger Torsten Lieberknecht ging am Augsburger kaum ein Weg vorbei, wenn die Startelf zusammengestellt wurde.
Lieberknecht findet es „nachvollziehbar“
„Es ist schade, wenn so ein talentierter Spieler geht. Aber wie ich gehört habe, wechselt er in die Bundesliga. Wenn sich jemand den Traum erfüllen kann, ist das für den Jungen super und nachvollziehbar“, sagte Lieberknecht nach dem 2:0 gegen Bielefeld. Sirch wisse „aber ganz genau, wer ihm diesen Weg bereitet hat. Es war der FCK, der ihn entdeckt hat. Hier hat er dann aber auch seine Leistung sprechen lassen“. Die Suche nach einem qualitativ gleichwertigen Ersatz dürfte nicht einfach werden.
Die erfolgreiche Episode Sirch beim 1. FC Kaiserslautern endet allerdings früher, als es sich der flexible Defensivspieler gewünscht hat. Gegen Bielefeld sah er nach einem Foul an Roberts Uldrikis die fünfte Gelbe Karte und fehlt am letzten Spieltag beim 1. FC Magdeburg (Sonntag, 15.30 Uhr) gesperrt. „Das war keine Absicht, ich spiele erst den Ball, trete dann auf seinen Fuß. Da war ich schon sehr sauer“, sagte der 26-Jährige direkt danach.
Mit seinen alten FCK-Kumpels wird Sirch also nicht mehr gemeinsam auf dem Platz stehen. Aber auch im Sommer wird er, vielleicht an einem schönen Strand am Mittelmeer, noch einmal intensiv über die prägenden Jahre auf dem Betzenberg diskutieren können. „Ich fliege mit Marlon Ritter in den Urlaub“, berichtete er. „Ich habe hier Freunde fürs Leben gefunden.“ Es gibt schlimmere Resümees nach einer Station im Profifußball.
