1. FC Kaiserslautern
Nach dem Pokaldesaster: Wie kann sich der FCK von diesem Horror-Abend erholen?
Ein eiskalter Wind aus Südost peitschte durch das Berliner Olympiastadion, als der 1. FC Kaiserslautern sich daran machte, die zusammen mit dem 1:6 gegen Hoffenheim 2018 höchste Niederlage seiner DFB-Pokal-Geschichte irgendwie zu verarbeiten. Das 1:6-Debakel im Achtelfinale bei Hertha BSC war mehr als nur eine Niederlage, es war ein sportlicher Offenbarungseid mit möglichen Langzeitfolgen. Drei Schlaglichter der FCK-Krise aus dem Olympiastadion.
Der Trainer
So niedergeschlagen und nachdenklich hat man Torsten Lieberknecht zum letzten Mal in der Spätphase seines Engagements bei Darmstadt 98 erlebt. Der FCK-Coach saß auf dem Podium der Pressekonferenz in den Katakomben des Olympiastadions, seine Hände arbeiteten, als er mit dünner Stimme Sätze voller Sprengkraft in den Raum sandte. „Für das, was wir da draußen gezeigt haben, müssen wir uns bei unseren Fans entschuldigen. Für diese Leistung sehe ich mich als Trainer verantwortlich. Ich schäme mich dafür in Grund und Boden. Das ist unentschuldbar. Es macht alles zunichte, was wir uns erarbeitet haben“, sagte Lieberknecht. Es war eine denkwürdige Abrechnung mit sich selbst.
Der Mann, der fast gebetsmühlenartig die Attribute predigt, für die klassischer „Betze-Fußball“ stehen soll, also Leidenschaft, Wille und Einsatz, wirkte schockiert über die „Nicht-Leistung“ (Lieberknecht) von Berlin, die Züge einer Selbstaufgabe trug. „Wir vertreten ein Trikot, das für Werte steht. Heute haben wir einen Scherbenhaufen hinterlassen. Das müssen wir nun wieder zusammenkehren. Das war ein kollektives Versagen, von uns allen. Das schließe ich mich nicht aus, denn ich bin der Kopf der Mannschaft“, sagte Lieberknecht.
Die Wucht der plötzlichen Systemausfälle bei seinem Team scheint den Haßlocher völlig unerwartet getroffen zu haben. Auf den überzeugenden 4:1-Sieg gegen Kiel folgte das blutleere 0:2 bei Abstiegskandidat Braunschweig, dann das Pokaldesaster an der Spree. Lieberknecht grübelt, Lieberknecht rätselt, Lieberknecht verzweifelt. Wer ihn in diesen Tagen sieht, glaubt ihm, wie sehr ihn die Entwicklung bei seinem Jugendverein mitnimmt. Der FCK ist für den gebürtigen Dürkheimer mehr als nur ein Job unter vielen, Identifikation keine Worthülse aus dem Businesssprech.
Aber bekommt der 52-Jährige das Ruder in den drei Spielen vor Weihnachten gegen Dresden, in Bielefeld und gegen Magdeburg noch einmal herumgerissen? Und vor allem: Wie? Nach Braunschweig hatte er die Mannschaft intern ordentlich in den Senkel gestellt. Mit dem Effekt, dass in Berlin alles viel schlimmer wurde. Und jetzt? Im 90er-Jahre-Fußball-Managerspiel „Anstoss“ bliebe nur noch die letzte Option „An die Ehre der Spieler appellieren“.
„Man weiß, dass man jetzt mit Sicherheit viel in die richtige Richtung rudern muss, um das, was jetzt vollkommen normal an Kritik auf uns einbricht, gemeinsam wieder ins richtige Lot zu bringen“, sagte Lieberknecht in einer kleinen Medienrunde nach der Pressekonferenz. „Es gibt Momente, in denen man sagen kann, dass so etwas wie heute ein Startschuss für irgendwas war. Das haben wir der Mannschaft auch gesagt. Die Jungs, die heute nicht ihren besten Tag erwischt haben, haben auch schon ein ganz anderes Können gezeigt. Und das werden sie auch wieder tun.“ Zu überprüfen ist diese These am Samstag ab 13 Uhr auf dem Betzenberg, wenn gegen Dynamo Dresden ein in der aktuellen Konstellation richtungsweisendes Spiel ansteht.
Die Mannschaft
Nichts hören, nichts sehen, und vor allem: bloß nicht sprechen müssen. Die Lauterer Profis flüchteten, nachdem ihnen einige der 5000 mitgereisten FCK-Fans die Leviten gelesen hatten, schnellen Schrittes in die Kabine. Nur Marlon Ritter als Kapitän stellte sich an einem ganz schweren Abend für den FCK. „Wir haben Hertha eingeladen, Tore zu schießen. Dass wir so nicht auftreten können, ist klar“, sagte der Mittelfeldspieler.
In der Hauptstadt komprimierten sich in einem echten Horror-Spiel die aufgestauten Problemfelder dieser Mannschaft. Die Verletzungen von Leistungsträgern wie Paul Joly, der nach seiner Zerrung gegen Dresden zurückkehren könnte, oder Ji-soo Kim kann der FCK auf Strecke offensichtlich nicht kompensieren. Weil die zweite Reihe um Jan Elvedi oder Dickson Abiama den Beweis ihrer Tauglichkeit auf dem notwendigen Niveau schuldig bleibt. Weil Eckpfeiler wie Semih Sahin, Fabian Kunze oder Ivan Prtajin selbst nach ihrer Form suchen und deshalb das gesamte Konstrukt ins Wanken geraten ist. Wenn dann noch haarsträubende individuelle Fehler am Fließband wie in Berlin etwa von Maxwell Gyamfi vor dem 0:1 hinzukommen, kann es auch mal so schlimm dahingehen wie am Dienstag bei der Hertha.
Die Frage, ob Lieberknecht in Anbetracht der um sich greifenden Unsicherheit seinem Team nach dem Braunschweig-Spiel im Pokal nicht einen zu ambitionierten und wagemutigen Ansatz verordnete, steht zusätzlich im Raum. Regelmäßig klafften riesige Lücken im Mittelfeld und auf den Außenbahnen, durch die die Hertha mit ihren schnellen Spielern dann durchstoßen konnte. Allerdings hatte der FCK-Trainer seinen Profis im Vorfeld garantiert nicht verboten, Zweikämpfe zu bestreiten und diese auch zumindest gelegentlich einmal zu gewinnen, statt bei den Berliner Toren nur als staunende Beobachter live dabei zu sein. „Fakt ist: Wir haben versagt. Das hat nichts mit der Systematik zu tun“, sagte Lieberknecht.
Die Fans
Im Olympiastadion geriet erstmals in dieser Saison etwas ins Kippen. Als die Lauterer Profis nach dem Pokal-Aus in die Gästekurve kamen, Trainer Lieberknecht vorneweg, brach sich der Frust und die Wut unter Teilen der insgesamt 5000 FCK-Fans Bahn. „Es war nicht unter der Gürtellinie, aber das berechtigte Unverständnis war herauszuhören. Man hat gespürt, dass die Lanze nicht komplett gebrochen ist“, berichtete Lieberknecht von den emotionalen Gesprächen. Unter anderem sollen die Profis von den Ultras aufgefordert worden sein, doch selbst mit dem Bus nach Hause zu fahren und den Fans stattdessen das Charter-Flugzeug des Teams zur Verfügung zu stellen.
Kapitän Ritter zeigte Verständnis für die aufgebrachten Anhänger, die die Profis letztlich aber mit aufmunterndem Applaus verabschiedeten. Er könne den Ärger der Fans, die sich „zwei, drei Tage Urlaub nehmen, um hierhin zu fahren“, nachvollziehen, so Ritter. „Das sollte sich auch jeder anhören und Gedanken machen.“

