Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Landesinnenminister Ebling: „Der Stadionbesuch ist sicher, aber ...“

Beim 4:1-Sieg des 1. FC Kaiserslautern über Holstein Kiel protestierte die Westkurve gegen die Pläne der Innenminister.
Beim 4:1-Sieg des 1. FC Kaiserslautern über Holstein Kiel protestierte die Westkurve gegen die Pläne der Innenminister.

Kommende Woche tagen in Bremen die Landesinnenminister. Deutsche Fußballfans schauen mit Argwohn dorthin. Warum, darüber sprachen wir mit Innenminister Michael Ebling.

Herr Ebling, gehen Sie gerne ins Stadion?
Ja.

Zum FSV Mainz 05 oder zum FCK?
Ich bin in Mainz geboren. Ich fühle mich mit der Heimatstadt verbunden und auch mit dem Heimatverein Mainz 05. Ich kann mich aber auch über die Erfolge anderer rheinland-pfälzischer Vereine sehr wohl freuen.

Derzeit gehen die Fans deutschlandweit wegen der Pläne der Innenministerkonferenz (IMK) auf die Barrikaden. Zu Recht?
Ich finde es ist erst einmal ein wertvoller Beitrag, wenn auch vonseiten der organisierten Fans deutlich gemacht wird, dass sie das Thema berührt. Es ist wichtig, dass wir darüber reden, dass der Fußball in Deutschland ein sicherer Sport ist. Aber der Aufwand, ihn sicher zu halten, ist exorbitant hoch. Und wir sollten ein Interesse daran haben, darüber zu diskutieren und auch Maßnahmen zu ergreifen, wie wir den Sport sicher halten, aber gleichzeitig den Aufwand minimieren.

Wird denn mit den Fans diskutiert?
Ich bin prinzipiell offen für Diskussionen. Bei der IMK treffen sich die Innenministerinnen und Innenminister sowie der Bundesinnenminister. Aber natürlich wird jede Maßnahme – wenn sie denn umgesetzt wird – mit dem DFB und der DFL diskutiert. Ich stelle mir Verfahren vor, bei denen auch Fans frühzeitig berücksichtigt werden. Aber erst, wenn der Prozess läuft.

Was steht denn zur Debatte?
Es geht nicht nur um die Sicherheit, sondern auch darum, den Aufwand zu verringern. Da gibt es unter anderem den Vorschlag, eine zentrale Kommission für Stadionverbote einzurichten. Die Erfahrung zeigt, dass die örtlichen Vereine eher zugunsten der einzelnen Fans entscheiden.

Die deutschen Fußball-Fans befürchten, dass die besondere Fankultur durch die Pläne der Innenminister verloren gehen könnte.
Die deutschen Fußball-Fans befürchten, dass die besondere Fankultur durch die Pläne der Innenminister verloren gehen könnte.

Der Vorschlag ist nicht neu. Die Sportminister haben das 2024 schon gefordert. Die Vereine haben Stadionverbotskommissionen. Herr Ebling, Sie wünschen sich aber nun, dass das etwas konsequenter ausgeführt wird.
Die Innenminister sind mit dem DFB und DFL immer im Austausch. Den Wunsch gibt es in der Tat schon länger, aber die Umsetzung dauert. Am Ende sollten klare, verbindliche Regeln herauskommen, unter welchen Voraussetzungen Stadionverbote erteilt werden. Über eine zentralisierte Entscheidung ist gewährleistet, dass die Regeln überall gleich angewandt werden.

Angenommen der FCK oder Mainz 05 sprechen in einem Fall kein Stadionverbot aus, wo es nach Meinung der zentralen Kommission aber nötig gewesen wäre. Wie würde das dann aussehen?
Es gäbe dann schon eine Art Aufsicht über die regionale Kommission. Die zentrale Stelle besäße dann die Kompetenz, auch über eine regionale Kommission hinweg zu entscheiden. Wir haben es im Fußball mit Millionen begeisterter Fans zu tun, die mitfiebern und feiern. Es gibt aber eine kleine, sehr wirkmächtige Gruppe, die diesen Sport für Straf- und Gewaltdelikte nutzt. Mir geht es darum, die Trennlinie zu schärfen. In den Vereinen und den Fangruppen sollte ein klares Verständnis existieren, was im Sport geht und was nicht. Die dürfen sich nicht damit solidarisieren, wenn plötzlich Gewalt zum Inhalt der Fankultur geworden ist.

Wie zum Beispiel neulich, als ein Polizist im Mainzer Hauptbahnhof überfallen wurde.
Ja, aber nicht nur. Wenn zum Beispiel Eintracht Frankfurt in Mainz spielt, sind Hundertschaften der Polizei für bestimmte Fangruppen abgestellt, die auf gewalttätige Auseinandersetzung aus sind. Die Polizei ist mit einem hohen Aufwand unterwegs. Und es gibt das Risiko für unsere Polizeibeamtinnen und -beamten selbst angegriffen und verletzt zu werden.

Ist der Stadionbesuch in Deutschland sicher?
Der Stadionbesuch in Deutschland ist sehr sicher. Das sagen auch alle Statistiken. Aber er ist nur deshalb so sicher, weil mit einem massiven Personaleinsatz der Polizei – und der Ordnungskräfte der Vereine – diese Sicherheit gewährleistet werden muss.

Einige Vorhaben der Innenminister überschreiten die imaginäre rote Linie der Fußball-Fans, unter anderem personalisierte Eintrit
Einige Vorhaben der Innenminister überschreiten die imaginäre rote Linie der Fußball-Fans, unter anderem personalisierte Eintrittskarten.

Sie haben die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) angesprochen. Deren Zahlen zeigen aber, dass in den drei Profiligen immer mehr Menschen ins Stadion gehen, gleichzeitig nehmen die Einsatzstunden der Polizei ab. Ist der Fußball dann nicht auf einem guten Weg?
Wir sind auf einem sehr guten Weg, wenn ich mir die beiden Vereine in Rheinland-Pfalz anschaue, den FCK und die Nullfünfer. Das Zusammenspiel mit der Polizei funktioniert sehr vernünftig und sehr vertrauensvoll. Das Sportministerium macht deutlich, dass präventive Arbeit das Entscheidende ist. Das unterstützen wir, auch Fanvereine und Fankultur. In der Gesamtschau stechen aber Einzelbeispiele heraus, wie eben der angesprochene Polizist, der in Mainz angegriffen wurde. Wir reden da über ein Fanumfeld, in dem manche Akteure eine Menge auf dem Kerbholz haben.

Obwohl die Einsatzstunden rückläufig sind, würden Sie sich trotzdem wünschen, dass der Wert weiter sinkt?
Selbst, wenn die Zahlen um neun Prozent zurückgehen, ist es immer noch zu viel. Insbesondere bei Hochrisikospielen haben wir sehr viele Polizeikräfte im Einsatz. Das soll man nicht unterschätzen. In diesem Jahr reden wir bei den Personalkosten bei Polizeieinsätzen in Rheinland-Pfalz bislang von 4,2 Millionen Euro.

Besteht bei Ihnen, in der IMK, Einigkeit über gewisse Dinge oder ringen Sie noch nach einer Linie?
Es gibt tatsächlich innerhalb der Länder unterschiedliche Einschätzungen. Ich muss als rheinland-pfälzischer Innenminister nicht über besonders herausstechende oder eklatante Ereignisse sprechen, die dauerhaft geschehen wie in anderen Bundesländern. Ich kann aber gut verstehen, dass ein nordrhein-westfälischer oder auch ein niedersächsischer Blickwinkel davon abweicht.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass auch Stadionverbote, die ausgesprochen werden, eingehalten werden?
Natürlich ist es, wie so oft, immer ein Bündel von Maßnahmen. Klarere Regeln für konsequente Stadionverbote ergeben nur dann Sinn, wenn sie auch wirklich funktionieren. Ich finde, dass man perspektivisch – und erst recht in einer Zeit, in der das nicht mit mehr technisch großem Aufwand verbunden ist – auch zu personalisierten Tickets übergehen kann.

Ein Großeinsatz der Polizei ist bei vielen Fußballspielen nötig. Hier beim Südwestderby des FCK gegen den 1. FC Saarbrücken.
Ein Großeinsatz der Polizei ist bei vielen Fußballspielen nötig. Hier beim Südwestderby des FCK gegen den 1. FC Saarbrücken.

Von welchem Zeitraum sprechen Sie? Die Technik ist vielerorts ja schon aktiv und Standard.
Ja, die Technik ist da. Aber jetzt haben wir nächste Woche eine Beratung der Innenminister. Deswegen ist es ein bisschen schwierig, an der Stelle vorzugreifen. Es ist sinnvoll, dass wir uns erst mal darüber verständigen, was wir machen wollen. Der nächste Schritt wäre, mit den beteiligten Vereinen und insbesondere dem DFB darüber zu reden. Das muss nicht Jahre dauern, weil die Technik in der Tat so weit ist. Aber es ist zumindest gut, dass man sich schon mal mit der Idee anfreundet.

Also wir hören heraus, dass es kommen wird.
Ich höre, dass es kommen wird, ja (lacht). Ich glaube, das wird irgendwann so der Fall sein, aus vielerlei Gründen.

Die Fans blicken immer ganz ängstlich nach England, wo es ja mittlerweile keine Stehplätze mehr gibt. Die Fans fürchten nun, dass es in Deutschland auch so kommen könnte.
Das, was Fans für den Fußball leisten, schätze ich sehr, wie es auch von den Vereinen sehr geschätzt wird. Der Fußball bleibt nur dann lebendig, wenn er diesen Kern von Fantum und manchmal auch von Kult sowie diese Fähigkeit beibehält, in hohem Maße zu emotionalisieren. Für mich ist es immer eindrucksvoll, dass ich im Stadion Menschen treffe, die ich im Dienst oft als die rationalsten Personen erlebe. Im Stadion sind sie aber wie ausgewechselt und emotionalisiert. Das soll dazugehören und dazu braucht es auch diese Form von Fankultur, die für Stadionbilder sorgt oder auch einfach für die Power sorgt, die am Ende das Spiel zu einem richtigen Spiel macht. Deshalb teile ich die Sorge nicht, wenn wir eine klarere Linie ziehen, zwischen denen, die Fanarbeit leisten und den wenigen, die auf die Fanarbeit pfeifen und der Gewalt willen dort ihr Ziel suchen.

Michael Ebling ist der Innenminister von Rheinland-Pfalz.
Michael Ebling ist der Innenminister von Rheinland-Pfalz.

Die IMK Anfang Dezember ist erst einmal eine Zusammenkunft, wo beraten wird. Wann, glauben Sie, folgen die Beschlüsse?
Also bisher war es ein sehr zäher Prozess, auch mit dem DFB in wesentlichen Fragen übereinzukommen. Das ist kein Geheimnis. Das bedurfte einiger Termine, wo mit viel politischer Kraft interveniert werden musste, Verantwortliche an den Tisch zu bekommen. Wir schauen uns jetzt in Bremen nächste Woche die Ergebnisse einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe an. Mir läge viel daran, dass Beschlüsse zügig folgen und auch in einer Einheitlichkeit.

Also kann es durchaus schon nächste Woche zu Ergebnissen kommen?
Ja. Es wäre zumindest mein Ziel. Ob wir das Ziel erreichen, werden wir dann sehen.

Zur Person

Michael Ebling (58) ist Mainzer durch und durch. Seit 2022 ist der SPD-Politiker Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz. Von 2012 bis 2022 war er Oberbürgermeister in seiner Heimatstadt.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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