1. FC Kaiserslautern
Kurze Zündschnüre, Schleudersessel: Skurrile Trainerentlassungen beim FCK
Seit der Bundesliga-Gründung 1963 hat der FCK 58 Cheftrainer beschäftigt. Eingerechnet sind dabei die Interimslösungen Werner Liebrich (10 Spiele 1965), Gerhard „Butzel“ Schneider ( 1 Spiel 1973), Ernst Diehl (ein Spiel 1982, 10 Spiele 1983 und nochmals ein Spiel 1983), Karl-Heinz Emig (ein Spiel 2002), Hans Werner Moser (10 Spiele 2005, ein Spiel 2018), Wolfgang Funkel (6 Spiele 2007), Alois Schwartz (4 Spiele 2009), Oliver Schäfer (2 Spiele 2013), Manfred Paula/Alexander Bugera (ein Spiel 2017) und Niklas Martin (ein Spiel 2023).
Besonders kurz ist die Zündschnur beim aktuellen Geschäftsführer Thomas Hengen, der 2021 kam und mit Marko Antwerpen, Dirk Schuster, Dimitrios Grammozis und Markus Anfang vier Trainer in vier Jahren verschliss. Friedhelm Funkel ging nach seiner erfolgreichen Rettermission freiwillig in den vorläufigen Ruhestand. Spektakulär sicher der Rauswurf von Antwerpen vor der Relegation 2022.
Kuntz’ Bilanz: Fünf Trainer in acht Jahren
Stefan Kuntz entließ in seinen acht Jahren an der Vereinsspitze fünf Trainer: 2009 Retter Milan Sasic, dann 2012 Aufstiegstrainer Marco Kurz, wenig später den als Retter gescheiterten Krassimir Balakov, 2013 Franco Foda und schließlich 2015 den Fast-Aufstiegstrainer Kosta Runjaic. Es gab skurrile Wechsel und brisante Rauswürfe in Lauterer Trainerhistorie. Ein Ausschnitt.
Der erste Cheftrainer, der auf dem Betze gehen musste, war der als arrogant verschriene Günter Brocker. Er hatte am 20. Februar 1965 „Dienstschluss“, der Abstieg drohte. 54-Weltmeister Werner Liebrich übernahm und wurde als Retter gefeiert. Dann kam Gyula Lorant, der im WM-Finale mit Ungarn 1954 gegen Deutschland verloren hatte. Den harten Hund hatten Liebrich und Fritz Walter empfohlen.
1973 kam’s praktisch zu einem Trainertausch: Erich Ribbeck kam von Eintracht Frankfurt zum FCK. Ribbeck kam für Dietrich Weise, der als Ribbeck-Erbe zur Eintracht ging. Weise, der Sachse, wirkte seit 1967 zunächst als Co-Trainer beim FCK, wurde im März 1971 Nachfolger Lorants, führte den FCK noch auf Platz 8, ein Jahr später auf Platz 7. Im Pokalfinale gegen Schalke 04 waren Weises Lauterer 1972 nur die Prügelknaben: 0:5. 1972/73 war der FCK auf Rang 9.
Besser als unter Weise war der FCK in der Bundesliga bis dato nur 1966/67 mit Platz 5 unter Lorants Regie. Trotzdem wurde Weise am vorletzten Spieltag 1972/73 beurlaubt, als sein Wechsel nach Frankfurt ruchbar wurde. Von dort kam Erich Ribbeck. Er ist bis heute mit 1825 Arbeitstagen neben Friedhelm Funkel der Trainer mit der längsten „Haltbarkeit“ in Eintracht-Diensten. In Ribbecks fünf Jahren beim FCK gab’s nicht den erhofften Durchbruch. Die Platzierungen: 6., 13., 7., 13., 8. Das Pokalfinale 1976 gegen den Hamburger SV ging mit 0:2 verloren. Ribbeck aber schrieb mit den Roten Teufeln doch Geschichte mit jenem 7:4 nach 1:4 Rückstand gegen Bayern München am 20. Oktober 1973. 1978 machte „Sir Erich“ Ribbeck Platz für Kalli Feldkamp. Es ging aufwärts.
Nach dem Scheitern Rudi Kröners, der nach 24 Spieltagen 1982/83 gehen musste, und Ernst Diehls Interimszeit kehrte Dietrich Weise zu Saisonbeginn 1983/84 zurück. Drei Monate später war die Kurzgeschichte beendet. Weise wurde freigestellt und Nachfolger von Branko Zebec bei Eintracht Frankfurt.
Der verschwundene Krautzun
Nach dem erstmaligen Bundesliga-Abstieg 1996 hielt der FCK überraschend an Trainer Eckhard Krautzun fest. Er hatte als Nachfolger von Friedel Rausch wohl eine respektable Bilanz, aber den Klassenverbleib dennoch nicht geschafft. Krautzuns Schutzpatron war Norbert Thines, der am 9. Juli 1996 als FCK-Präsident zurücktrat. „Das Team professionelle Zukunft“ übernahm, Jürgen Friedrich, der neue starke Mann, suchte den Kontakt zu seinem alten Freund Otto Rehhagel, dem Bayern München stillos den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte. Bei einem Treffen in einem Café an der Frankfurter Oper wurde der Deal mit Rehhagel perfekt gemacht.
Mit am Tisch: Hans-Peter Briegel, damals ehrenamtlicher Sportlicher Leiter des FCK. Auch er sah Handlungsbedarf, um die Mission Wiederaufstieg nicht zu gefährden. Es gab ein Problem: Die Profis hatten trainingsfrei und Krautzun war nicht erreichbar. Nicht am 17. Juli, nicht am 18. Juli. Am 19. Juli war ein Freundschaftsspiel bei der SG Rieschweiler angesetzt. Das dicke Ende für Eckhard Krautzun kam, ehe es zur Dicken Eiche ging. Noch vor Abfahrt des Mannschaftsbusses wurde der verdutzte Weltenbummler beurlaubt.
In Rieschweiler saß Co-Trainer Ernst Diehl auf der Bank. Die sensationelle Verpflichtung Otto Rehhagels war perfekt, bereitete sich wie ein Lauffeuer aus. „Ich freue mich, dass mein alter Freund Otto Rehhagel mein Nachfolger wird und nicht irgendwer“, sagte Krautzun, den die RHEINPFALZ gut zwei Stunden nach seiner Entlassung am Telefon auf dem Mannheimer Hauptbahnhof erwischte.
„König Otto“ ging in die Zweite Liga. Am 21. Juli 1996 stieß er im Trainingslager in der Schweiz auf seine neue Mannschaft und erkannte schon bei der ersten Begegnung: Dem Kader fehlen Spieler mit Größe. Michael Schjönberg, 1,91 Meter groß, kam aus Odense. Ein Jahr später war der FCK wieder in der Bundesliga, zwei Jahre nach dem Abstieg deutscher Meister.
Der Irrtum Balakov
Der größte Irrtum in den acht Jahren des Stefan Kuntz als FCK-Vorstandsvorsitzendem war wohl die Verpflichtung von Krassimir Balakov als Trainer. Der Bulgare, beim VfB Stuttgart ein Weltklasse-Regisseur, kam offenbar auf Empfehlung von Kuntz-Freund Fredi Bobic zum FCK. Kuntz hatte lange an Marco Kurz, der den FCK 2010 zurück in die Bundesliga geführt hatte, festgehalten.
Die Misserfolgsserie ließ Kuntz nach einigen Treueschwüren handeln. Es hatte was von Torschlusspanik: Am 22. März 2012 kam Balakov als Nachfolger von Sympathieträger Kurz. Sieben von acht Spielen unter Balakov gingen verloren. Schon in seiner ersten Mannschaftssitzung soll er die eh verunsicherten Spieler mit einer Freud’schen Fehlleistung verloren haben: „Ich bin stolz KSC-Trainer zu sein.“ Den einzigen Sieg unter Balakov landete der FCK am 32. Spieltag mit 2:1 (2:0) bei Hertha BSC. Oliver Kirch und Startelfdebütant Andrew Wooten, Torjäger der FCK-Amateure, trafen. Gegen die Forderung von Presse und Medien angesichts der Ladehemmung der Profis, allen voran Sandro Wagner, Wooten zu bringen, hatte sich Balakov genauso wie Kurz gesträubt. „Man sollte doch früher auf Journalisten hören“, sagte Balakov im Berliner Olympiastadion. Der FCK hatte gewonnen, der Abstieg aber war besiegelt. Auf der Hertha-Bank saß Lauterns Meistermacher Otto Rehhagel. Balakovs Vertrag lief bis Mitte 2013. Aber das Lauterer Publikum fremdelte von Tag 1 an mit dem Bulgaren, der im teuren, langen Kamelhaarmantel coachte. Der Betze taugte nicht zum Schicki-Micki-Laufsteg.
Stefan Kuntz wusste, er musste handeln. Am 16. Mai 2012 war er, der EM-Held von 1996, Gast bei einer großen Schulveranstaltung in Zweibrücken zum Thema EM 2012, die vor der Tür stand. Kuntz wirkte locker, kam gut rüber. Er war aber angespannt. Der Abstieg zehrte an ihm, die Einsicht schwere Fehler auf dem Transfermarkt gemacht zu haben. Und dann der Trainerflop. Auf dem Parkplatz Klartext: Balakov, ein Irrtum, muss gehen. Heute noch. Wer kommt? Jos Luhukay hatte gerade abgesagt. Funkel? Labbadia? Nicht finanzierbar. Foda kommt ins Rennen. Anruf und Nachfrage am Abend bei Kuntz. Er hat Balakov nicht erreicht.
17. Mai: Christi Himmelfahrt, mein freier Tag. Das 21. Dürkheimer Stadtfest läuft. Die Freitagausgabe ist geplant – mit der Entlassung Balakov als Aufmacher. Die Zeit vergeht. Anruf um 10 Uhr. Kuntz meldet sich nicht. Anruf bei Kuntz. Rückruf Kuntz: Ich erreiche ihn nicht. Variante: Geht nicht dran. Die Krautzun-Geschichte 2.0.
Gegen 16 Uhr steht der Entschluss: Wir gehen zum Stadtfest. Kollege Oliver Sperk hat den Schlüssel der Lokalredaktion Bad Dürkheim bekommen – Doppelpass mit deren damaligen Leiter Peter Spengler. Auf der Zeitungsseite auf der Balakovs Entlassung stehen soll steht irgendwas. Ersatzartikel heißt das profan. Die Uhr läuft. Redaktionsschluss damals: 22.30. Keine Ahnung wie sehr wir Stefan Kuntz nervten. Er wahrte die Contenance. „Stefan – wir müssen …“ „Ich sag nix.“ „Aber du schmeißt ihn doch raus.“ „Ja, aber ich muss selbst mit ihm sprechen.“ „Wir müssen es bringen!“ Kuntz sagte in etwa: Von mir aus, ohne Quelle.
Fodas Kurzgastspiel
Wir sind über die Straße in die Lokalredaktion Bad Dürkheim, nutzen das „Derkemer Exil“ für Aufmacher und Kommentar. Wir haben eine exklusive Geschichte und feiern beim Stadtfest. Am Tag danach hat Stefan Kuntz Balakov erreicht, die Trennung wird offiziell verkündet, Balakovs Vertrag vorzeitig aufgelöst. Und dann kommt Franco Foda. Platz 3 – chancenlos in der Relegation gegen Hoffenheim. Der „Foda-raus“-Choral nach dem 0:4 in Aalen beendet ein weiteres Kurzgastspiel.
