1. FC Kaiserslautern
FCK-Boss Thomas Hengen im Interview: Eine Frage der Trainer
Herr Hengen, wie trifft man als Verantwortlicher schwierige Entscheidungen? Sie hatten ja so zwei, drei. Etwa die Freistellung von Marco Antwerpen unmittelbar vor der Relegation. Oder die von Dirk Schuster. Wie läuft das ab?
Es gibt Entwicklungen, die bekommst du ja mit. Fußball ist zwar ein Ergebnissport, aber es kommen noch andere Faktoren dazu Heute hat man ja auch extrem viele Daten, die man früher nicht hatte. Die sind ein Faktor, aber der ist nicht der alles entscheidende. Das ist eher: Wie ist die Atmosphäre, wie ist das Miteinander oder das Nicht-Miteinander. Und dann haben wir ja eine klare Struktur im Verein. Ich bin Geschäftsführer der Management-GmbH, da ist ein Beirat über mir, der über alles informiert wird. Für alle Geschäfte, die höher sind als Betrag X, muss sowieso die Zustimmung eingeholt werden. Ebenso für eine Personalentscheidung, die eine hohe Tragweite hat.
Dann setzt man sich zusammen, dann werden die ganzen Fakten auf den Tisch gelegt, dann gibt es Diskussionen. Der Geschäftsführer gibt eine Empfehlung ab. Und dann wird eine Entscheidung getroffen, bei der meistens alle dahinter stehen. Manchmal wird auch länger diskutiert. Man muss inhaltlich überzeugen. Es ist im Fußball nicht immer alles zu begründen. Es sind manchmal Kleinigkeiten, warum das eine funktioniert und das andere nicht. Wenn man aber das Gefühl hat, man muss einen Kurswechsel vornehmen, dann ist das einfach durchzuziehen, mit allem Wenn und Aber und aller Konsequenz.
Man trifft gute Entscheidungen, aber man trifft auch die eine oder andere schlechte Entscheidung. War die Verpflichtung von Dimitrios Grammozis Ihre bislang schlechteste?
Im Ergebnis vielleicht schon, klar. Wenn ich bei allem richtig liegen würde, dann könnte ich über Wasser gehen. Wir waren inhaltlich von ihm überzeugt. Und oft machen Nuancen den Unterschied. Ich denke, wir hatten einen guten Start mit dem Pokalspiel gegen Nürnberg. Dann kam das Heimspiel Hertha, du kriegst eine Rote Karte, das Spiel kippt. Im Pokal in Berlin war es ein super Auftritt. Und dann spielst du in Elversberg und hast einen enttäuschenden Auftritt. Da hat die Balance zwischen Pokal und Liga nicht gestimmt. Vielleicht waren wir alle die Doppelbelastung nicht gewohnt. Wir hatten auch vorher schon ein super Pokalspiel gegen Köln und danach einen schlechten Auftritt gegen Fürth. Irgendwie hat dann einer auch mich mal gefrozzelt und hat gesagt, im Pokalfinale brauchst du einen vierten Trainer, dass du den Pokal holst. Aber das war nie die Intention, sondern wir wollen Stabilität. Ich hätte gerne einen Trainer, der lange da ist à la Streich, à la Klopp, wer hätte den nicht gerne, um kontinuierlich aufzubauen?
Es gibt hier nur Schwarz und Weiß
Im Rückblick: War die Trennung von Dirk Schuster zu früh?
Ich schaue nicht zurück. Die Tendenz ging klar in eine Richtung. Ich bin keiner, der nachkartet und dann wieder mit den Daten anfängt und so weiter. Die Tendenz war so, wie sie war, und jeder ist, wie er ist. Jeder hat eigene Motive, auch völlig nachvollziehbar. Und jeder hat eine Vertragssituation. Der Verein muss das alles unter einen Hut kriegen. Es sind ganz viele Parameter. Es ist schon alles sehr komplex, und die Zweite Liga dieses Jahr war wirklich wieder so eng. Es haben ja alle vor der Saison erzählt vom schwierigen zweiten Jahr. Ich glaube die Braunschweiger und die Magdeburger, alle, die ihr zweites Jahr hatten, die hatten dieses Jahr echt zu knabbern. Und das Umfeld ist natürlich auch extrem, was ich gar nicht bewerte. Es ist extrem positiv nach oben, extrem negativ nach unten, denn da gibt es fast gar nichts dazwischen. Es gibt keinen Graubereich, es gibt nur Weiß oder Schwarz.
Zu den guten Entscheidungen gehört ja, Friedhelm Funkel geholt zu haben. Gab es irgendwann eine Chance, ihn über die Saison hinaus zu behalten? Er galt ja fast schon bei vielen Fans als Heilsbringer. Wir hatten am Ende ein bisschen das Gefühl, dass das Verhältnis zwischen Ihnen beiden nicht mehr ganz so gut war.
Ich bin jetzt wieder überrascht, wo das herkommt, weil wir ein total professionelles, gutes Verhältnis hatten, wie ich es eigentlich zu jedem Trainer habe. Ich muss natürlich eine gewisse Distanz wahren, um gewisse Entscheidungen sachlich begründen zu können. Als die Idee entstand mit Friedhelm und wir uns getroffen haben, war ich am Anfang skeptischer als nachher. Ich bin 50 Jahre, ich bin auch mal müde nach einer Woche Arbeitszeit. Er hatte vorher auch nicht mental und auch körperlich so die Energie, sagte er. Aber ab dann fühlte er sich gut und hatte richtig Bock auf den Verein.
Wir haben uns immer ausgetauscht, wie er spielen will – er ist der Cheftrainer. Wenn man nicht immer die gleiche Meinung hat, muss das nicht bedeuten, dass man ein schlechtes Verhältnis hat, sondern: Du hast die Meinung, ich habe die Meinung. Es gibt ja viele Wege nach Rom. Es gibt defensiven Fußball, es gibt offensiven Fußball –, aber deswegen hat man doch kein schlechtes Verhältnis, im Gegenteil. Ich fand das immer einen guten Austausch mit so einem erfahrenen Trainer, und Friedhelm hat mich in dem Gespräch total überzeugt, dass er voller Energie ist. Und er hat ja auch gesagt, der Kader habe Substanz.
Der Geschäftsführer ist für alles zuständig
Gab es mal eine Chance, dass er noch eine weitere Saison macht?
Wir haben im ersten Gespräch und auch bei der Vertragsunterschrift klar kommuniziert, er als allererstes, dass er es nur bis zum Sommer machen will. Ich glaube schon, dass zwischendurch die Überlegung bei ihm war, weiterzumachen, als es mal kurz ruhiger war. Aber er hat dann auch gesehen, wenn es mal nicht in die gewünschte Richtung geht, ist das sehr anstrengend in der heutigen Zeit auch durch Social Media. Wir haben uns verabredet für nach der Saison: Ziel erreicht, setzen wir uns hin, trinken wir einen Kaffee, sprechen über alle Sachen. Dann kam er von sich aus direkt und sagte: Ich brauche eine Pause, muss mental auftanken. Das war eine sehr anstrengende Saison. Wenn er der Meinung gewesen wäre, es ist eine Möglichkeit da zur Vertragsverlängerung, da hätten wir drüber gesprochen. Aber das war's nicht.
Wie stark darf und soll sich ein Geschäftsführer ins operative Geschäft der Mannschaft einmischen? Sie haben bei den letzten zwei, drei Spielen mehrfach markige Worte gesagt.
Der Geschäftsführer ist für alles zuständig, wenn es nicht läuft. Dann muss er halt Maßnahmen ergreifen, muss auch mal sagen: Ich weiß nicht, ob das gut ist, wenn wir so weitermachen, wie wir es gerade machen. Alle sollen kritikfähig sein, jeder Mitarbeiter, jeder Trainer, jeder Spieler, jeder Geschäftsführer. Die Situation war halt so, dass ich nach dem Wiesbaden-Spiel das Gefühl hatte, man hat Angst, man traut sich nicht und man macht sich schlechter als man ist. Das ist ja oft zu 80 Prozent der Kopf. Du musst schon in die Köpfe der Spieler reinkommen, um zu sagen: Ihr seid gut, ihr seid wer – aber halt nur, wenn ihr alle Vollgas gebt. Wenn ich nicht mit dem Grundanspruch auf den Platz gehe zu gewinnen, dann mache ich was verkehrt im Leistungssport. Das war so für mich beim Heimspiel gegen Wehen. Die Zuschauer haben ein feines Gespür, ich glaube, die haben das auch so gesehen: Wir sind ja nicht so schlecht, wir können schon mehr – warum zeigen wir es dann nicht?
Lieber 1:0 als 5:4
Welchen Fußball werden wir denn unter Markus Anfang erleben können?
Ich hoffe einen proaktiven. Wir haben oft zusammengesessen. Er ist ein positiver, ein manchmal anstrengender Typ. Der labert dich auch tot, wenn du vier Stunden mit ihm im Büro sitzt. (lacht) Über jede Kleinigkeit wird sich da unterhalten – was aber auch gut ist, weil du ja auch so sein musst als Trainer. Es wird keine Verbote geben. Es geht weniger darum, ob man Dreier- oder Vierer- oder Fünferkette spielt, sondern es geht um die Grundhaltung: Wie spiele ich Fußball, wie hoch stehe ich, wie aggressiv, wie oft laufe ich an, laufe ich überhaupt an, igle ich mich ein? Beim Heimspiel sollten wir proaktiv Fußball gestalten, Dinge beeinflussen, die wir können, und nicht hoffen, dass vielleicht der Gegner heute nicht so gut ist.
Das heißt nach zwei Jahren eher defensiv geprägtem Fußball können wir etwas Offensiveres erwarten?
Das habe ich nicht gesagt. Ich weiß nicht, ob wir zwei Jahre nur defensiv Fußball gespielt haben. Wir haben ja die sechst-, siebt oder achtbeste Offensive gehabt. So schlecht war das offensiv nicht. Wir hatten aber die zweitschlechteste Abwehr der Liga. Ich persönlich gewinne lieber 1:0 wie 4:3: Du hast dann eine hohe Stabilität und eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du nur ein Tor brauchst, um zu gewinnen. Du stehst hinten sicher und hast eine Grundstabilität. Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht defensiv grundstabil stehen kann und trotzdem offensiv spielen kann.
Keiner ist unfehlbar
Bei Dimitrios Grammozis waren die Fans nicht besonders glücklich mit der Personalie. Bei Markus Anfang hat es auch einigen Widerstand gegeben bei den Fans. Heißt das, dass Anfang auch wieder relativ schnell wackelt?
Wenn es jetzt rein ums Inhaltliche geht, dann glaube ich, dass er bei den Ex-Vereinen einen super Job gemacht hat. Wäre mit Bremen diese Geschichte mit Corona nicht passiert, wäre er wahrscheinlich noch in der Bundesliga. Wenn wir jetzt auf Fehler gehen: Jeder Mensch macht Fehler. Bei Markus Anfang wurde so viel im Netz geschrieben. Ich bin ja zum Glück nicht drin, aber trotzdem kriegst du viele E-Mails und SMS aus dem Netz zugeschickt. Du kannst dem gar nicht entfliehen. Er hat Fehler gemacht, keine Frage. Dafür ist er bestraft worden. Er hat den Fehler auch zugegeben. Das ist schon drei, vier Jahre her. Wenn ich jetzt andere Vereine sehe, da gibt es auch Menschen die mal Fehler gemacht haben und dafür bestraft wurden. Keiner ist unfehlbar. Aber hier geht es ja nur um den Fußball: Wenn ich inhaltlich denke, dann passt Markus zu uns, dann, glaube ich, wird er auch überzeugen, auch bei den Fans. Der wird offensiv da drangehen, und er hat auch kein Problem darüber zu reden, was damals war. Nochmals: Fehler machen wir alle, doch irgendwann muss auch mal ein Haken dran sein. Jetzt geht es ja darum, unseren Verein wieder auf die nächste Stufe zu hieven.
War eigentlich Miroslav Klose irgendwann mal ein Thema?
Wie wir es immer tun: Über mögliche Gespräche oder Verhandlungen reden wir nicht. Das finde ich einfach unseriös, das werden wir auch nie tun, da werde ich mich auch immer dran halten.
Interview-Serie
In der nächsten Folge lesen Sie, was Thomas Hengen über Jugendarbeit, das Nachwuchsleistungszentrum und große Pläne sagt. Und hier finden Sie Teil 1.
