1. FC Kaiserslautern
FCK-Boss Thomas Hengen im Interview: „Diese Saison ist fast nicht zu toppen mit Superlativen“
Herr Hengen, Trainer und Spieler sind noch in den Ferien. Wann haben Sie als Geschäftsführer Urlaub?
Das ist eine gute Frage. Irgendwann zwischen Transferphase, Vorbereitung und Schulstart. Die Belegschaft schaufelt mir immer mal ein paar Tage frei. Und da ich noch schulpflichtige Kinder habe, muss es auch in den Ferien sein. Dieses Jahr sind ein paar Tage geplant, wenn wir aus dem Trainingslager zurückkommen. Bis dahin sollten wir eigentlich alle Transfers erledigt haben. Und unsere Mitarbeiter sind ja dann da, falls noch etwas abzuwickeln wäre.
Und im Winter sind wahrscheinlich auch mal ein paar Tage Pause drin?
Zwischen den Jahren, genau.
Am Freitag startet die EM. Wie oft schauen Sie daheim die Spiele?
Meine Frau regt sich manchmal auf, weil jedes Spiel bei uns zu Hause läuft. Aber das ist sie mittlerweile gewohnt, das gehört bei mir halt dazu. Am Freitag werde ich in München sein, das Eröffnungsspiel live erleben, um einen Eindruck zu bekommen, wie gut unsere Nationalmannschaft ist und wie groß die Chance ist auf eine gute Heim-Europameisterschaft. Es ist wichtig für unser Land, dass wir uns gut präsentieren, dass wir uns offen präsentieren, dass wir diese Willkommensgesellschaft weiter fördern und fordern.
Was erreicht die deutsche Mannschaft, was erwarten Sie?
Du brauchst ja in der Zwischenrunde auch ein bisschen Losglück, so wie es wir ja auch jetzt im Pokal hatten, aber die Vorrunde sollte überstanden werden, gerade bei einer Heim-Europameisterschaft. Das erste Spiel hat, glaube ich, schon Signalwirkungen. Wie du das angehst, wie viel Dynamik und wie viel positive Energie du rüberbringst. Ich glaube, das ist elementar und ich traue unseren Jungs schon zu, dass sie relativ weit kommen.
Der DFB wünscht sich eine Art der Begeisterung wie 2006 beim Sommermärchen. Jetzt kann man ja beim FCK mit Fug und Recht behaupten, da ist, wenn die Mannschaft halbwegs erfolgreich spielt, immer eine Welle der Begeisterung. Was würde der Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern dem DFB raten, wie man solche Emotionen entzündet. Lässt sich das überhaupt irgendwie übertragen?
Künstlich erzeugen lässt sich sowas nicht. Also ich habe es ja gerade gesagt, das erste Spiel ist schon immer eines der wichtigsten. Und wenn man traditionell zurückschaut auf die Titelgewinne, waren wir beim Eröffnungsspiel eigentlich immer sehr gut und sehr präsent. Die Energie musst du vom Platz erzeugen, musst du dann auf die Ränge übertragen und dann kommt so eine Welle, die entsteht dann ja auch mit der Leistung, mit der Energie der Mannschaft, wie sich die Mannschaft präsentiert, wie offen sie mit den Leuten, mit den Fans umgeht, wie sie kommuniziert. Ich verstehe das ja auch, dass viel Kommerz im Spiel ist, und du musst deinen Sponsoren auch gerecht werden. Diese Blase Fußball, die hat sich ja teilweise ein bisschen in die falsche Richtung entwickelt. Es ist wichtig, dass man dem normalen Fan, dass man sich da auch auf Augenhöhe begegnen kann, nicht mehr ganz so abgeschottet ist wie früher. Da hat der DFB, glaube ich, aus der Vergangenheit gelernt.
Sie haben ja viel mit diesen Emotionen zu tun beim 1. FC Kaiserslautern. Welchen Druck empfinden Sie als größer? Den der Öffentlichkeit, vor allem den der Fans oder den internen aus den Gremien?
Was heißt Druck? Wir haben ja alle Ambitionen, und Druck ist für mich relativ. Ich habe selber Ambitionen. Ich mache mir, glaube ich, mehr Druck als jeder andere von außen. Jeder hat ja ein bestimmtes Anspruchsdenken an seine Arbeit, und jeder reflektiert, was war gut, was war schlecht. Das mache ich nach jeder Vorrunde, nach jeder Rückrunde für mich selber. Und wir haben auch unsere Feedback-Gespräche mit den Mitarbeitern. Auch da ist ja ein kritisches Miteinander gefragt, sowohl in die eine wie in die andere Richtung. Das ist das A und O, die Kommunikation, sich immer wieder mit den Mitarbeitern auseinandersetzen: Wo kann man noch besser werden, wo sind wir am Maximum?
Was sind die anstrengendsten Zeiten? Die, in denen die Saison läuft und die Mannschaft möglicherweise nicht so performt? Oder die Zeit mit den ganzen Transferbemühungen zwischen den Spielzeiten?
Das kann ich für mich so gar nicht sagen. Als ich als Geschäftsführer Sport angefangen habe, da war es noch ein bisschen mehr sportlastig. Als der Kollege Soeren Oliver Voigt erkrankte und nicht mehr zurückkam, habe ich noch weitere Aufgaben übernommen. Und anscheinend ist es okay gelaufen, so dass wir nun auch die kaufmännischen Dinge in einer Hand haben. Wir haben ja auch das Thema Sponsoring, das Thema neue Hauptsponsoren, das Thema Ausrüster, das Thema Pachtvertrag – das sind Themen, die dann alle auf der Tagesordnung stehen. Und das Transferfenster schließt eigentlich nie. Wenn das eine Fenster zugeht, geht das nächste schon wieder auf. Also musst du da schon wieder Vorbereitungen treffen. Was machst du im Fall xy? Wer kommt, wer geht? Wer ist dein Ersatz? Wie sieht deine Liste aus? So ist es mit dem Sponsoring auch. Es ist ein tägliches Arbeiten. Jetzt ist schon wieder die Saisonvorbereitung. Das ist für uns die ganz normale Belastung. Und ich bin das ja auch nicht anders gewohnt. Ich glaube, ich brauche das auch, immer ein wenig unter Strom zu stehen. Ich arbeite gerne und viel, aber ich brauche meine Ruhephasen. Und ich habe eine Familie. Die Kinder wollen ja auch mal den Papa sehen. Wobei die Kinder jetzt in einem Alter sind, wo sie mehr mit ihresgleichen unterwegs sind als mit den Alten. Das ist nicht mehr so cool jetzt. (lacht) Als ich angefangen habe, war fast, glaube ich, die Hälfte der Büros leergestanden, jetzt haben wir fast alle wieder besetzt, weil der Verein auch wieder erfolgreicher arbeitet, weil die Zahlen auch wieder besser sind. Wenn man das abgelaufene Jahr nimmt: Die Zahlen waren unfassbar gut. Die Bundesliga-Zeiten haben wir getoppt beim Umsatz.
43.500 Zuschauer im Schnitt ...
Ja, ein unglaublicher Schnitt. Und das in der Zweiten Liga. Unsere Fans sind einfach überragend. Auch das Drumherum, die Vermarktung – hier hat sich einiges getan. Der Pokal hat uns natürlich unheimlich viele Sympathien gebracht, aber auch ein Mehr an Einnahmen. Wir müssen keine Kapitalerhöhung machen. Wir haben uns in diesem Jahr selber finanziert. Das ist mal eine schöne Nebenerscheinung. Die 7,5 Millionen Euro, die damals suggeriert wurden für eine Kapitalerhöhung, das war ja nur geplant, wenn ein Loch bestanden hätte, was in der Zweiten Liga hätte sein können. Der Erfolg hat uns unheimlich Luft gegeben und auch, glaube ich, den Mitarbeitern gezeigt, was möglich ist. Durch Zusammenhalt, durch harte Arbeit, durch ein Weiterkommen im Sport, was nicht planbar ist. Den DFB-Pokal haben wir nie in der Planung vor der Saison dabei. Das ist ein On-Top-Geschäft, was du nie planen kannst.
Wenn wir jetzt schon mal beim Geld sind, was ist denn in dieser Pokalsaison nach Abzug aller anderen Faktoren übriggeblieben?
Wir haben die komplette Abrechnung noch nicht vorliegen. Es kommt ja noch eine Rechnung vom DFB wegen der Pyros und der Spielunterbrechung. Aber alles in allem sind rund sechs Millionen bei uns geblieben. Es kamen unerwartete Kosten hinzu, beispielsweise der Breitscheidplatz in Berlin beim Finale. Diesen mussten wir für einen horrenden Preis mieten. Das war uns natürlich nicht bewusst, weil wir nicht jedes Jahr im Pokalfinale stehen.
Sie sagten, die Kapitalerhöhung ist nicht notwendig. Bis zu 7,5 Millionen Euro sind genehmigt. Das heißt, inklusive Pokal wird der FCK eine schöne, dicke, schwarze Zahl schreiben?
Die komplette Abrechnung kommt noch. Wir werden nun versuchen, ein Stück weit die Belegschaft zu vergrößern, in die Infrastruktur, aber auch in die Mannschaft zu investieren. Außerdem versuchen wir, das Budget ein bisschen anzuheben. Am Ende bleibt dann nicht mehr viel übrig.
Hätte der FCK auch ohne Pokalfinale Gewinn gemacht?
Das können wir klar verneinen. Wir sind weiterhin strukturell noch im Minus.
Hat der Pokalfinaleinzug gesichert, dass man einen Marlon Ritter und Boris Tomiak halten kann und nicht verkaufen muss, wenn jetzt ein Interessent kommt?
Marlon Ritter hat einen Vertrag hier, und der geht noch ein bisschen. Ich habe kein Angebot auf dem Tisch. Es wird ja immer viel geschrieben, aber bis jetzt habe ich für keinen Spieler, der bei uns unter Vertrag ist, ein Angebot. Aber wenn jetzt ein großer Club kommt und sagt, wir wollen diese Spieler, hier hast du fünf Millionen, dann muss man sich natürlich unterhalten. Es ist doch logisch: Wir sind bei aller Emotionalität ein Wirtschaftsunternehmen, wir müssen uns ja finanzieren. Kein Spieler ist unverkäuflich. Wenn wir von einem älteren Spieler sprechen, wo du weißt, bei Vertragsende wirst du keine Transfererlöse mehr erzielen, dann musst du sagen: Ja, wir machen das für einen bestimmten Betrag, um aber dann den Ersatz im kleineren Rahmen zu holen, um da auch wirtschaftlich dann zu profitieren.
Über den Fußballer und den Manager Thomas Hengen ist im Internet viel zu lesen. Über den Privatmann Thomas Hengen fast nichts. Man erfährt, wenn man lange sucht, dass er eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann gemacht hat, dass er verheiratet ist und dass er zwei Kinder hat. Viel mehr erfährt man nicht. Verraten Sie uns doch mal irgendwas über den Privatmann Thomas Hengen, was noch keiner vor uns geschrieben hat.
Privatleben ist ein wichtiges Gut. Das versuche ich, auch wenn es immer schwerer wird, privat zu halten. Ich habe ein ganz schweres Jahr hinter mir, auch private Schicksalsschläge verkraften müssen. Und dann ist es einfach wichtig, dass du eine stabile Familie hast, dass du auch eine gute Belegschaft hast. Familie ist für mich halt das oberste Gut. Das versuche ich immer zu schützen, so gut es geht. Privat ist halt auch privat. Wenn du deinen Job gern machst, dann versuchst du, die freie Zeit mit der Familie zu nutzen. Und da ist meistens Urlaub auch Erholung. Man braucht eine dicke Haut in diesem Job. Man braucht Rückzugsorte, und die hast du dann nur, wenn du wirklich anonym auch in der Familie sein darfst.
In einem alten Artikel steht, dass Sie als Lebensmotto „Think positive“ genannt haben. Wie sähe denn ein positives Denken für die FCK-Saison 2024/2025 aus?
Ich denke, in der vergangenen Saison war auch einiges Positives dabei. Was da im Stadion los war, was unsere Fanbase abgerissen haben. Das zeichnet den FCK wieder aus. Mir geht das Herz auf, wenn ich auch die ganzen Kinder mittlerweile sehe, die wieder mit FCK-Trikots herumlaufen. Früher hast Dortmund- oder Bayern-, vielleicht noch Real-Madrid-Trikots gesehen, aber jetzt kommen die Kids auch wieder gern auf den Betze. Diese junge Generation zu sehen – das macht einfach Spaß. Corona war der tiefste Tiefpunkt, weil die junge Generation gar nicht den Betzenberg kannte und nicht erleben konnte, was dieser entfachen kann. Wir, die ältere Generation, kennen das ja noch so von den erfolgreichen Zeiten. Aber als sie dann mal gesehen haben, was beim FCK alles möglich ist, wurde der Zulauf enorm. Diese Saison ist schon fast gar nicht zu toppen mit Superlativen – nicht nur an den Zahlen. Unser Sondertrikot war ruckzuck ausverkauft, die Merchandise-Zahlen waren phänomenal, die Umsätze waren bundesliga-like und sogar noch besser. Ich glaube, das ist auch schon 15 Jahre her, dass wir so einen Umsatz erzielt hatten. Das sind schon positive Entwicklungen. Mit dem sportlichen Abschneiden in der Liga waren wir in der abgelaufenen Saison natürlich nicht zufrieden.
Zur Person: Thomas Hengen
Der am 22. September 1974 im südpfälzischen Rülzheim geborene Hengen ist seit März 2021 Geschäftsführer des 1. FC Kaiserslautern. Der ehemalige Nationalspieler spielte in der Jugend für den SV Rülzheim, Phönix Bellheim und den 1. FC Kaiserslautern. Für den FCK bestritt er von 1992 bis 1996 und von 2001 bis 2004 insgesamt 112 Bundesligaspiele. Zudem trug der zweifache Familienvater das Trikot des Karlsruher SC, Borussia Dortmund, VfL Wolfsburg, Alemannia Aachen sowie von Besiktas Istanbul. Nach seiner aktiven Profikarriere versuchte sich Hengen als Trainer bei Alemannia Aachen II, arbeitete danach aber als Scout, ehe er 2020 Sportdirektor beim Regionalligisten Alemannia Aachen wurde. Hengen wurde 1992 mit den A-Junioren des FCK deutscher Meister, mit den Profis 1994 Vizemeister sowie 1996 deutscher Pokalsieger. 2003 stand er mit den Roten Teufeln im DFB-Pokalfinale.mne
