1. FC Kaiserslautern
Die Abwehr wackelt: Darum kassiert der FCK so viele Gegentore
Manchmal bestätigt der Blick in die Zahlen den subjektiven Eindruck. Hat der 1. FC Kaiserslautern in der Rückrunde ein Abwehr-Problem entwickelt? Ohne Zweifel ja. Kassierte der FCK in der ersten Halbserie nur 21 Gegentore in 17 Spielen und damit 1,23 im Schnitt, hat sich dieser Wert seit Januar fast verdoppelt. Acht Spiele, 17 Gegentore, ein Schnitt von 2,12.
Wenn im Mai nach dem Ende der Saison auf dem Betzenberg analysiert wird, warum es für ganz oben wieder nicht gereicht hat, dürfte auch das Defensivthema an prominenter Stelle auf der Agenda zu finden sein. Trainer Torsten Lieberknecht wollte die Problematik nach der 2:3-Niederlage am Samstag beim VfL Bochum auch gar nicht erst wegdiskutieren. „Wir schaffen es nicht, kein Gegentor zu bekommen. Das ist definitiv so und das ist ein Kritikpunkt, den wir annehmen müssen und werden“, sagte Lieberknecht. In der Rückrunde stand nur beim 1:0 gegen Fürth die Null, nach drei „weißen Westen“ für Torhüter Julian Krahl in der ersten Saisonhälfte. Das ist zu wenig für höhere Ziele.
Lieberknechts Kritikpunkte: Mal würden die Tiefenläufe gegnerischer Mittelfeldspieler nicht richtig aufgenommen, in anderen Szenen passe das individuelle Abwehrverhalten nicht. Wie beim 0:1 in Bochum, als Maximilian Wittek erst fast ungestört flanken konnte und Philipp Hofmann dann gegen zwei Verteidiger zum Kopfball kam. Auch bei Standardsituationen präsentieren sich die Pfälzer in diesen Wochen zu anfällig – siehe das 3:2-Siegtor durch den Bochumer Mats Pannewig nach einem Eckball. „Es ist dann manchmal diese Seriosität oder sogar Brutalität im Abwehrverbund, die fehlt“, bemängelte Lauterns Geschäftsführer Thomas Hengen.
Warum hat der FCK seine Stabilität in der Defensive verloren? In der Hinrunde hatten die Pfälzer mit Luca Sirch, Ji-soo Kim und Maxwell Gyamfi eine Dreierkette gefunden, die meistens gut funktionierte. Doch mit Kims Verletzung nach dem Düsseldorf-Spiel Anfang November begann das Dilemma. Lieberknecht warf notgedrungen die Rotationsmaschine an und suchte nach einer neuen strapazierfähigen Formation. Letztlich erfolglos.
Viele Wechsel, oft unfreiwillig
Nach dem Wintertransferfenster waren in Jacob Rasmussen und Atanas Chernev zwei neue Innenverteidiger da, Jan Elvedi wurde wiederum nach Fürth verliehen. Die Wechselspiele gingen weiter, mit dem gleichen Personal in der letzten Abwehrreihe liefen die Lauterer in der Rückrunde nur ein einziges Mal auf. Die einzige Konstante in der Dreierkette ist Luca Sirch geblieben – sieht man einmal von seinem missglückten Ausflug ins offensive Mittelfeld beim 0:4 in Darmstadt ab. Bei Kim, bis zu seiner Verletzung einer der stärksten Innenverteidiger der Zweiten Liga, wechseln sich seit seinem Comeback Licht und Schatten ab.
Chernev hat sich nach gutem Start in der Zweiten Liga sogar zu einem richtigen Problemfall entwickelt. Gegen Fürth (1:0) wechselte Lieberknecht ihn schon vor der Pause aus, weil er für alle offensichtlich ein Sicherheitsrisiko darstellte. In Bochum saß der Bulgare plötzlich auf der Tribüne, nachdem er gegen Paderborn in der Vorwoche (1:2) noch begonnen hatte. Chernev steht damit ein wenig wie ein Symbol für die Abwehrsorgen der Roten Teufel.
„Es ist eben so, dass wir einen Kader zusammenstellen müssen und dass es da Härtefälle gibt“, sagte Lieberknecht in Bochum zur Nicht-Nominierung des jungen Innenverteidigers. Chernev wirke mental momentan nicht gefestigt genug, der von einem Muskelfaserriss genesene Gyamfi belegte im Ruhrstadion statt ihm den Bankplatz auf der Innenverteidiger-Position. „Dann muss ich eben harte Entscheidungen treffen. Das sind Entscheidungen, die auch mit der individuellen Verfassung zu tun haben. Ich schütze immer meine Spieler, so gut es geht. Aber am Ende gibt es auch einen Punkt: Wie war die Leistung zu bewerten, wie waren die letzten Spiele? Und die waren bei Atanas nicht so gut“, sagte Lieberknecht.
Das Problem mit den Rückkehrern
Der FCK-Trainer will über die Probleme im Defensivverbund nicht lamentieren, aber ein wenig klingt Lieberknechts Frust schon durch. Immer wieder verhindern Verletzungen, Formkrisen, Anpassungsschwierigkeiten und Sperren, dass sich eine feste, verlässliche Formation in der Lauterer Abwehr finden kann. Beispiel Jacob Rasmussen. Der Däne hatte sich vor zwei Wochen in Münster (3:2) eine Gehirnerschütterung eingehandelt und soll zur neuen Woche wieder ins Training einsteigen. „Es ist immer die Problematik, dass er dann 14 Tage komplett aus dem Training raus ist. Wie kommt er zurück, wie übersteht er die Trainingswoche? Aber dann fehlen ihm ähnlich wie bei Mika Haas 14 Tage Mannschaftstraining. Du musste diese Jungs immer wieder eingliedern. Das kommt erschwerend hinzu“, sagte Lieberknecht in Bochum. Die Belastung müsse bei den Spielern, die aus Verletzungen kommen wie zuletzt auch Gyamfi, individuell immer genau gesteuert werden.
Doch der Auftrag den FCK-Trainer und sein Team ist klar: Die Gegentorflut muss wieder eingedämmt werden, um zumindest unter der Quote aus der Vorsaison zu bleiben. Damals schluckten die Pfälzer insgesamt 55 Tore (Schnitt 1,61 pro Spiel), in dieser Spielzeit liegt der Gegentor-Schnitt trotz des deutlichen Abwärtstrend in der Rückrunde insgesamt mit 1,52 pro Partie noch darunter.
Das emotionale Derby gegen den Karlsruher SC am Sonntag (13.30 Uhr) böte sich ja ganz gut dafür an, dass beim FCK hinten mal wieder die Null steht. Oder die Pfälzer wenden einfach das pragmatische Rezept an, das Kapitän Marlon Ritter in Bochum lakonisch formulierte. „Wenn du Spiele gewinnen willst, musst du mehr Tore schießen als der Gegner. Ist doof gesagt, aber die Wahrheit.“
