1. FC Kaiserslautern
Analyse zur FCK-Krise: Die scheintote Truppe aus der Pfalz
Die brüchige Stimme wirkte wie ein Sinnbild für die aufgeraute Situation beim 1. FC Kaiserslautern. Torsten Lieberknecht hatte während des 0:1 bei Dynamo Dresden am Samstag so viele Anweisungen von der Seitenlinie hineingeschrien, dass er in den Interviews nach dem Spiel mit sonorer Heiserkeit die Fragen nach der dritten Niederlage innerhalb von zwei Wochen beantworten musste. „Wir haben momentan keine einfache Situation. Wir haben uns die Leichtigkeit genommen und Dinge, wie mit Freude in ein Spiel zu gehen“, sagte der 52-Jährige nach einem Fußball-Nachmittag, welcher der schwelenden Krise beim FCK einen weiteren Mosaikstein hinzufügte. 0:3 in Kiel, 0:2 gegen Braunschweig, 0:1 in Dresden – die Lauterer präsentieren sich auf der Zielgeraden der Saison als willfähriger Punktelieferant für in Abstiegsnot geratene Zweitliga-Konkurrenten.
Seitdem sowohl nach oben wie nach unten in der Tabelle nichts mehr geht, taumelt eine scheintote Truppe aus der Pfalz wie ein Zombie durch die Stadien. Es gibt nicht wenige Fans, die fast schon darum beten, dass diese Saison doch jetzt sofort vorbei sein möge. Der Spielplan hat den Lauterern allerdings noch zwei weitere unangenehme Aufgaben in den Terminkalender geschrieben: am Freitag (18.30 Uhr) gegen Arminia Bielefeld, am Sonntag darauf beim 1. FC Magdeburg. Beides ebenfalls Abstiegskandidaten. Herrje. Man muss nach den trostlosen jüngsten Eindrücken befürchten, dass die Saison mit fünf Spielen ohne Sieg in Serie zu Ende geht.
In Dresden zeigten die Roten Teufel nach dem sportlichen Offenbarungseid gegen Braunschweig abseits des entscheidenden 1:0 durch Vincent Vermeij (68.) zumindest mal wieder ein Verteidigungsverhalten, das leise an Profifußball erinnerte. Nur als es darum ging, bei eigenem Ballbesitz so etwas wie Torgefährlichkeit zu entwickeln, blickte man ins dunkle Nichts. Der Expected-Goals-Wert des FCK, der die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Torerfolgs ermittelt, lag bei traurigen 0,20. Die drei zurückliegenden Partien gegen Klubs aus dem unteren Tabellendrittel zusammengenommen, haben die Lauterer genau eine Großchance herausgespielt – Marlon Ritters Möglichkeit in der Anfangsphase von Kiel. Mehr muss man nicht wissen, um eine Aussage über den besorgniserregenden fußballerischen Gesamtzustand zu treffen, in dem sich dieses Team befindet. Hätte der FCK nicht 46, sondern nur 36 Punkte, man müsste sich größte Sorgen um den Klassenerhalt machen. In dieser Mannschaft stimmt wenig bis nichts mehr.
Findet Lieberknecht auf den letzten Metern noch eine Lösung?
Der unübersehbare Abschwung fällt direkt in die Verantwortung von Trainer Lieberknecht, der bei seinen mittlerweile ratlos klingenden Auftritten auf Pressekonferenzen und in Interviews aber nicht mehr die Überzeugung vermittelt, einen Ausweg aus der verfahrenen Lage zu wissen. Nach Dresden erzählte der 52-Jährige etwas von Erwartungshaltung, Druck, fehlender Leichtigkeit, einer mentalen Blockade („Die Jungs wollten, waren willig. Aber der Kopf hat nicht mitgespielt“) und der kommenden Trainingswoche, in der er die Mannschaft wieder aufrichten und auf das nächste Spiel gegen Bielefeld vorbereiten will. „Es wird nicht einfach, es wird schwer“, orakelte Lieberknecht, und setzte gegen die Arminia mehr oder weniger offen auf das Prinzip Hoffnung: „Vielleicht brauchen wir an dem Tag mal irgendeinen Öffner, dass der Ballast abfällt.“
Der erfahrene Fußballlehrer scheint mit seinem Latein am Ende. Lieberknecht kann den rasanten Abwärtstrend, der sein Team erfasst hat, offensichtlich nicht stoppen. Der 52-Jährige wirkt angefasst, mitgenommen, sogar ein bisschen verzweifelt. Er habe die Probleme gegen Saisonende „befürchtet“, gestand der Haßlocher in Dresden. Aber was sagt es eigentlich über die charakterliche Zusammenstellung einer Mannschaft aus, wenn der Trainer Sorge tragen muss, dass die selbstverständliche Arbeitseinstellung eines Fußball-Profis leidet, wenn es in den letzten Spielen der Saison de facto „nur noch“ um Ehre, Fanseele und Siegprämie geht? Nichts Gutes.
Gehen auch die finalen Begegnungen gegen Bielefeld und in Magdeburg schief – eine Hypothese, für die mittlerweile einiges spricht –, würde jedoch zwangsläufig auch die Position des Trainers am Saisonende auf einer veränderten Bewertungsgrundlage stehen. Geschäftsführer Thomas Hengen und Sportdirektor Marcel Klos scheinen bisher gewillt, das Tal gemeinsam mit Lieberknecht zu durchschreiten. Man sollte aber ungeachtet aller Treueschwüre sehr skeptisch sein, ob der angeschlagene Trainer auf dem Betzenberg bei zwei weiteren Misserfolgen auch einen für die nächste Saison gültigen Freifahrtschein besitzt.
