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Dienstag, 15. Juli 2014 Drucken

Wirtschaftswandern

Seltene Autos – selten schöner Pfalzblick

Nach Altlußheim gegenüber von Speyer locken ein ungewöhnliches Museum und herrliche Pfade am Rhein

Von Hermann Motsch-Klein

Dieses Mal sind wir auf der rechten Rheinseite im badischen Altlußheim (Rhein-Neckar-Kreis) unterwegs, wo ein hochkarätiges Auto- und Technikmuseum sowie herrliche Wasser- und Naturlandschaften faszinieren.

 

Ob Tabak und Motorsport in Hockenheim, ob Turmuhren in Neulußheim, ob „Schnuteputzer“ (Friseure) oder Autos in Altlußheim: Die südliche Kurpfalz hat nicht nur Wirtschaftskraft und Naturparadiese zu bieten, sondern auch erstaunlich viele ungewöhnliche Museen. Wir entscheiden uns für das Museum Autovision, zu dem wir vom Parkplatz am Altlußheimer Rathaus aus durch die belebte kerzengerade Hauptstraße gelangen. An Ort und Stelle wird uns klar, dass es hier nicht nur um Oldtimer und Vergangenes, sondern auch um die Zukunft geht – denn neben dem Eingang wartet eine Solarstrom-Tankstelle auf umweltfreundliche Zapfer.

Eine Lektion in Sachen Autoerfindung bekommen wir gleich im Eingangsbereich des modernen Gebäudes dank eines didaktisch sehr gut präsentierten, weltweit einmaligen Exponats verpasst: Soooo groß war demnach die Leistung von Carl Benz, der 1886 das Patent für das erste, in Mannheim gebaute Automobil der Welt erhielt, gar nicht. Denn schon 1881 schuf der Brite John Perry zusammen mit William Edward Ayrton das allererste straßentaugliche „Elektroauto“. Eigentlich war es eher ein aufgemöbeltes Fahrrad, denn es kam – genauso wie der Wagen von Carl Benz – mit nur drei Rädern aus. Doch Perry hatte fünf Jahre Vorsprung, war der wirkliche Pionier bei der Erfindung dieses Wirtschaftsgutes, das zur unglaublichen Erfolgsgeschichte wurde. Allerdings verpasste er das Patent. Deshalb hatte Carl Benz, der nur bereits vorhandene Innovationen zusammenfügte, offiziell die Nase vorn – auch vor Gottlieb Daimler, der wenig später den ersten wirklichen Wagen mit Verbrennungsmotor schuf – denn der hatte vier Räder.

John Perrys Meisterwerk prangt im Museumseingang in Form eines wunderschönen Nachbaus – und sein Konterfei ist in unmittelbarer Nähe zu sehen: Seit Kurzem zeigt das Museum an 17 Stationen wichtige Erfinder rund um die Automobilität. Darunter ist auch Karl Drais, der 1817 in Mannheim eine flotte „Tretmühle“ vorstellte. Es war ein Laufrad, genannt Draisine, und es war ein großer Schritt in die moderne Mobilität auf Rädern.  

Fahr- und Motorräder, einige Kinder-Tretautos und natürlich viele echte Wagen mit dem Schwerpunkt auf der früheren Motorrad- und Automarke NSU (benannt nach der Stadt Neckarsulm und Urzelle des Autoclubs ADAC) verteilen sich auf drei Etagen des Museums. Die Anzahl der Ausstellungsstücke und der bewegbaren Lehrmodelle beläuft sich auf über 300. Ein unschätzbarer Wert! Möglich gemacht hat dies Museumsgründer Horst Schultz (66), ein Industrieller mit Elektronikfirmen in Sachsen und England, der in Altlußheim wohnt und den schon seit vielen Jahrzehnten die Liebe zum Automobil und die Begeisterung für Technik um- und antreibt. Er hat die Schätze rund um die Marke NSU und Fahrzeuge mit Wankelmotor im Jahr 2010 zusammen mit seiner Ehefrau Brigitte in eine Stiftung eingebracht. Millionenschwere Investitionen in das 2001 errichtete Gebäude und Hunderttausende Euro für Raritäten-Zukäufe rund um die Welt sind dem begeisterten Elektroingenieur zu verdanken. Privat fährt er übrigens die „James-Bond-Marke“ Aston Martin. 

Die Zeit reicht nicht aus, um alles anzusehen. Man hat hier eben nicht nur die weltweit einzigartige Ausstellung rund um Felix Wankel und seine Motoren vor sich, sondern auch seltene NSU-Modelle – und auch viel, was mit Visionen rund ums Auto zu tun hat. Deshalb auch der Name „Autovision“ beziehungsweise „Technologie-Arena“, deshalb auch ausgestellte Elektro-, Hybrid- und Konzeptfahrzeuge. „Die Zukunft hat eine Vergangenheit“, betont Horst Schultz wohl wissend, dass es im Jahr 1900 mehr Pkw mit Dampf- und Elektromotoren gab als mit Verbrennungsaggregaten.  

Das aktuelle RHEINPFALZ-Motto „Wir sind Zukunft“ gilt auch im Automuseum, denn acht interaktive Themenbereiche sollen verstärkt Jugendliche und zukünftige Ingenieure anlocken. Deshalb sind vor allem Oberstufenschüler besonders willkommen.  

Im Lehrmuseum sind fünf Teilzeitkräfte tätig. Es wird pro Jahr von rund 5000 Menschen besucht. Die Gäste sorgen für ein Stück Wirtschaftskraft durch Tourismus, das der rund 5500 Einwohner zählenden Gemeinde mit ihren Gewerbebetrieben (etwa für Metallbearbeitung) zugute kommt.  

Viel augenscheinliche und sinnbildliche Wirtschaft erwartet uns auch draußen bei unserem Weg vom Museum über Vogelpark zum Blausee und dann ans Rheinufer: Schon seit über 2000 Jahren ist der Fluss ein bedeutender Handelsweg. Heute gehört er zu den am stärksten befahrenen Wasserstraßen der Welt und verbindet wichtige Industrie- und Wirtschaftszentren Europas.  

Rheinabwärts laufen wir auf dem Sommerdamm und bewundern den mächtigen Strom, der eine elegante Schleife nach links macht. Etliche Spaziergänger mit und ohne Hund genießen das Frühjahr und das laue Lüftchen. Ein r(h)eines Vergnügen. Schwer beladene Tank- und Frachtschiffe kommen uns im Linksverkehr entgegen. Wir stehen am Schild Rheinkilometer 397, laufen noch ein wenig und sehen dann am anderen Ufer die Pfalz auftauchen. Erst Hochhäuser, aber dann der Speyerer Dom in seiner ganzen Pracht. Was unsere Tour doch für Perspektiven bietet!  

Fast alles in unserer Welt hat irgendwie mit Wirtschaft zu tun. Das kommt uns auf dem Rückweg wieder in den Sinn. Denn ins laue Lüftchen dieses schönen Tages mischen sich nun deftige „Duftschwaden“ von der Speyerer Erdölraffinerie.


Im Internet
- www.museum-autovision.de

Buch-Tipp
- Hans Schilder: Faszination Oldtimer-Automuseen, Heel Verlag, 19,90 Euro.

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