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Dienstag, 27. März 2012 Drucken

Wirtschaftswandern

Ein Sägen im Elmsteiner Tal

Wirtschaftswandern: Spritzige und teilweise verwegene Tour durch eine einstige Hochburg der Pfälzer Sägewerkerei

Von Jürgen Eustachi

Ziel und Umkehrpunkt der Wirtschaftswandertour: die J. J. Artmann Holzwerkstatt in Mückenwiese. Das Unternehmen ist kein klassisches Sägewerk, sondern es produziert massive Eichendielen. FOTO: LM

Ziel und Umkehrpunkt der Wirtschaftswandertour: die J. J. Artmann Holzwerkstatt in Mückenwiese. Das Unternehmen ist kein klassisches Sägewerk, sondern es produziert massive Eichendielen. FOTO: LM

Wandern auf den Spuren der regionalen Wirtschaft: Dazu laden wir mit unserer neuen RHEINPFALZ-Serie "Wirtschaftswandern" ein.


Das Elmsteiner Tal lockt mit Burgen: Erfenstein, Spangenberg, Breitenstein und Elmstein.Lange Zeit war es auch eine Hochburg der Sägewerke. Seit Jahrhunderten liegt ein Sägen im Tal. Doch im Unterschied zu früher, stammt es heute nur noch von den Motorsägen der Waldarbeiter.
"Ehe im Elmsteiner Tal kein Sägewerk mehr läuft, fließt das Wasser im Rhein flussaufwärts", zitiert Franz Semmelsberger seinen Vater, der 1986 das Sägewerk J. Riehl & Sohn in Elmstein-Appenthal übernommen hatte. Franz Semmelsberger senior irrte sich. 2006 wurde in Appenthal der letzte Schnitt gemacht. Der Sohn und heute 61 Jahre alte Unternehmer konzentriert sich nun auf das Geschäft, mit dem die Firma 1939 gestartet ist: Holzhandel. Das letzte Sägewerk des Tals stellte Anfang 2011 das Sägegatter für immer ab: die Firma Wollmann, zuvor Gebr. Roth in Mückenwiese.

Die Wanderung startet entweder mitten in Elmstein oder am Elmsteiner Bahnhof der Museumsbahn Kuckucksbähnel 500 Meter westlich der Holzhandlung Semmelsberger. Ziel ist das ehemalige Sägewerk Wollmann in Mückenwiese. Das Anwesen hat der aus dem Schwäbischen stammende Jürgen Joachim Artmann übernommen. Er fertigt dort Eichen-Landhausdielen in ungewöhnlichen Abmessungen. Die Dielen der J. J. Artmann Holzwerkstatt sind bis zu zwölf Meter lang und 35 Zentimeter breit.

Mit dem Kuckucksbähnel können wir von Ostern bis Mitte Oktober an den meisten Sonn- und Feiertagen von Neustadt aus anreisen. Wer mit dem Auto oder Bus (Linie 517) kommt, startet rund 500 Meter westlich vom Bahnhof am Parkplatz Triftplatz in Elmstein gegenüber der Bushaltestelle "Schule". Wenn wir vom Parkplatz losgehen, überqueren wir die Straße, wenden uns nach links und biegen hinter der Schule nach rechts ab. Wir stoßen hier auf den bis Mückenwiese durchgehend mit einem gelben Kreuz gekennzeichneten Wanderweg. Das gelbe Kreuz führt auch die "Kuckucksbähnler" vom Bahnhof Elmstein in Richtung Westen zum jetzt erreichten Ausgangspunkt. Auf einem Wanderschild an einem Baum steht: Mückenwiese 5,5 km.

Ein halbes Dutzend Sägewerke habe es früher im Elmsteiner Tal gegeben, erzählt einer, der es wissen muss: Wolfgang Messerschmidt ist 87 Jahre alt und war viele Jahre lang Vorsitzender des Verbands der Pfälzer Sägewerke mit Sitz in Neustadt. Rund 100 Mitarbeiter hätten in den 1950er-Jahren harte Arbeit in der Waldindustrie des Tals gefunden. Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb der Pfälzer Heimatschriftsteller August Becker über das Elmsteiner Tal: "Der einzige Reichtum dieser Berggegend - das Holz - gehört dem Staate oder den reichen Bauern der Haardt und wirft für die Bewohner dieser Täler nur kargen Verdienst ab."

Auf der - in Gehrichtung - linken Seite des spritzigen Speyerbachs kommen wir - immer der Markierung gelbes Kreuz und inzwischen auch der gelben 2 für den Rundweg folgend - zu einer Holzbrücke, die wir überqueren. Bald taucht rechts unter uns das letzte Anwesen von Elmstein auf der - Richtung Mückenwiese - linken Straßenseite auf: ein Fachwerk auf Sandstein, Wohnhaus mit Lagerhalle und ehemaligem Sägewerk. Franz Semmelsberger junior kommt ins Schwärmen. Da drinnen sei noch die komplette Produktionsanlage erhalten: Mühlrad, Transmissionsriemen, Sägegatter. "Nostalgie pur", sagt er. 1900 gebaut, von 1932 bis 1964 betrieben von der Firma Leidner, dann gepachtet vom Unternehmer Rigoll, Holz geschnitten bis 1971. Ein Mühlbach fließt durchs Gebäude. Er treibt hier nichts mehr an.

Hohen Kapitalbedarf, harte Konkurrenz aus Osteuropa und den Trend zu Großbetrieben nennt Clemens Lüken als Gründe für das Sterben kleiner Betriebe. Lüken ist Geschäftsführer des Verbands der rheinland-pfälzischen Säge- und Holzindustrie: in der Pfalz 14 Mitgliedsbetriebe, 300 Mitarbeiter, 55 Millionen Euro Jahresumsatz, knapp 100.000 Festmeter Einschnitt pro Jahr. Im westpfälzischen Ramstein-Miesenbach startete 2009 die fränkische Rettenmeier-Gruppe die Produktion eines riesigen Sägewerks: 120 Mitarbeiter, jährlich 500.000 Festmeter Einschnitt, 34 Hektar Betriebsfläche. Großbetriebe haben einen eigenen Verband.

Wir begleiten den Speyerbach aufwärts - mal direkt am Wasser, mal hoch darüber - erreichen nach zwei Stunden einen Weiher links am Weg. Von hier aus sind es (gelbes Kreuz) noch 15 Minuten, bis wir rechts unten die Dielenmanufaktur Artmann entdecken. Jetzt geht es 15 Minuten zurück auf dem gleichen Weg bis zum erwähnten Weiher. Dort führt ein steiler Stich auf dem durchgängig markierten Rundkurs 2 knapp zehn Minuten hoch auf einen zunächst gemütlichen Weg, auf dem wir uns nach rechts wenden. An mehreren Abzweigungen folgen wir immer der gelben 2. Die führt uns zur zauberhaften Möllbach-Quelle. Dann geht es wildromantisch und streckenweise mühsam auf einem Hohlweg unter umgestürzten Bäumen durch und darüber hinweg zurück zum Ausgangsort Elmstein, den wir nach etwa vier Stunden erreichen. Wer sich den verwegenen Hindernislauf ersparen will, kann auch den bekannten Hinweg am Speyerbach zurück nach Elmstein gehen. Aber vielleicht zieht ja auch einmal in das Elmsteiner Tal ein Sägen, das den gut markierten Rundweg 2 freischneidet.

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