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Freitag, 31. Mai 2013 Drucken

Wirtschaftswandern

Das teure Altershobby des größten Gienanth

Das Werk im südwestpfälzischen Schönau ist nicht gerade das erfolgreichste Kapitel in der Geschichte der Unternehmerdynastie

Von Eckhard Buddruss

Die heutige Tour führt zu einem traditionsreichen Industriestandort, der mit dem Namen Gienanth verbunden ist. Das Werk im südwestpfälzischen Schönau ist allerdings nicht gerade das erfolgreichste Kapitel in der Geschichte dieser bedeutenden Pfälzer Unternehmerdynastie.

 

Unsere Wanderung beginnt am Bahnhof Bundenthal-Rumbach, dem Endpunkt der 1911 eröffneten Wieslauterbahn und Ziel des traditionsreichsten Pfälzer Ausflugszugs ”Der Bundenthaler”. Vor dem angekommenen Zug überqueren wir die Gleise und laufen zuerst ein kurzes Stück auf dem Radweg nach Weißenburg bis dieser auf den Radweg nach Lembach (Frankreich) stößt, dem wir nun eine ganze Weile folgen. Nach etwa zwei Kilometern erreichen wir Rumbach. Hier liegt an unserem Weg der ”Gienanth-Brunnen”, an dem eine Tafel über die Geschichte des Bergbaus in der Umgebung und des Gienanth-Werks in Schönau informiert. Der Brunnen trägt das Datum 1879 - vier Jahre bevor das Werk 1883 seinen Betrieb einstellte und damit eine jahrhundertealte Geschichte endete.  

Schon im 16. Jahrhundert war Schönau Standort eines Hüttenwerks, das in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges unterging. 1685 wurde am alten Platz ein Hammerwerk errichtet. Als die Regierung des Herzogs von Zweibrücken 1761 in Schönau den Bau eines Eisenhüttenwerks plante, führte sie als großen Vorteil des Standorts die günstigen Voraussetzungen für die Versorgung mit Holzkohle aus den umliegenden Wäldern an. ”Man führt das Erz allemahl mit größerem Vortheil zu den Kohlen als die Kohlen zu den Erzen” heißt es in einem im Landesarchiv Speyer erhaltenen Papier, das in dem Buch ”Eisengewinnung und Eisenverarbeitung in der Pfalz im 18. und 19. Jahrhundert” von Bruno Cloer und Ulrike Kaiser-Cloer (Mannheim 1984) zitiert wird. Allerdings gehörten auch nahe gelegene Erzvorkommen unter anderem in Nothweiler zu den wichtigen Vorteilen des Standorts Schönau.

Das Schönauer Werk wurde im Frühjahr 1793 durch französische Truppen zerstört. 1797 wurde das Werk vom französischen Staat für 20 Jahre verpachtet und 1798 wieder aufgebaut.  

Der bayerische Staat trat 1816 das Erbe Frankreichs an, 1817 wurde der Betrieb in Schönau für 18 Jahre verpachtet. Erst 1835 wird das zuvor jahrzehntelang in staatlicher Regie betriebene oder nur verpachtete Werk dann verkauft - an Ludwig Freiherr von Gienanth.

Eine glänzende Zukunft sollte dem Werk allerdings auch in Privatbesitz nicht mehr beschieden sein. Der Standortvorteil der günstigen Holzversorgung verlor immer mehr an Bedeutung, weil die Eisenproduktion mit Holzkohle zunehmend durch die billigere mit Steinkohle verdrängt wurde. Der einzige bis heute bestehende Gienanth-Betrieb in Eisenberg hielt im 19. Jahrhundert dank der hohen Qualität des mit Holzkohle hergestellten Eisens noch so lange durch, bis Eisenberg 1876 seinen Eisenbahnanschluss bekam. Dank der Anbindung an die Eisenbahn blieben die Werke in Hochstein (Alsenztal) und Eisenberg erhalten. Dagegen nahmen Pläne für einen Anschluss von Schönau an die Eisenbahn im 19. Jahrhundert niemals konkrete Formen an.

Die Eisenbahn kam erst viel später und in einem sehr speziellen Kontext. Unsere Wanderung führt auf dem Weg von Bundenthal nach Schönau an Spuren der sogenannten Wasgenwaldbahn vorbei, der vielleicht kuriosesten Eisenbahnstrecke, die es in der Pfalz je gegeben hat. Diese rund 14,5 Kilometer lange Schmalspurbahn verband den Bahnhof Bundenthal-Rumbach mit einem 1921 errichteten riesigen französischen Militärlager in Ludwigswinkel. Nach etwa einer Stunde Wanderung erreichen wir an der Stelle, wo der Radweg nach rechts abbiegt, eine Tafel mit detaillierten Informationen über die Wasgenwaldbahn neben den Resten einer noch gut erkennbaren Brücke, auf der die Bahnlinie das kleine Tal überquerte.

Die Bahn, deren Spurweite mit den bei Feldbahnen üblichen 60 Zentimetern nur halb so groß war wie die einer Normalspurbahn (1,435 Meter), wurde 1921 eröffnet und 1924 auch für den zivilen Verkehr freigegeben. In den folgenden Jahren hatte sie sogar eine gewisse Bedeutung für die Anreise in den Luftkurort Schönau. Kurgäste wurden am Bahnhof Schönau-Brettelhof mit der Kutsche abgeholt. Kurz nach Schließung des französischen Militärlagers in Ludwigswinkel wurde die Strecke dann im Oktober 1930 stillgelegt.

Wir wandern weiter, teilweise auf oder in der Nähe der früheren Trasse der Wasgenwaldbahn in Richtung Schönau. Nachdem der zeitweise auch mit einem Jakobsweg-Zeichen markierte Weg das Königsbruch, ein ökologisch besonders wertvolles Naturschutzgebiet, auf einem Holzsteg gequert hat, trennen sich die Radwege nach Fischbach und nach Schönau. Für die restlichen rund zwei Kilometer bis nach Schönau folgen wir einem Weg, den der Pfälzerwald-Verein mit einem grün-gelbem Balken markiert hat. In Schönau finden wir in der Ortsmitte nebeneinander das Gienanth-Haus und das Gasthaus Mischler, einen in der sechsten Generation familiengeführten Betrieb, der in der Entwicklung des Tourismus in Schönau eine große Rolle spielt.

Vom früheren Hüttenwerk ist kaum etwas übrig geblieben. Es gibt allerdings noch die ”von-Gienanth-Straße”. Dort stehen Arbeiterwohnhäuser und der Rest von einer Kohlscheuer. Vor allem aber das 1839 von Ludwig von Gienanth gebaute Herrenhaus, das heute als Dorfgemeinschaftshaus genutzt wird, zeugt noch von der Verbundenheit des bedeutendsten Angehörigen der Gienanth-Dynastie, der am 13. Dezember 1848 in Schönau gestorben ist, mit seinem Alterssitz.

Ludwig Gienanth, 1767 geboren, kaufte 1800 das Eisenberger Werk, das bis heute existiert, wurde 1817 vom bayerischen König geadelt und 1835 in den erblichen Freiherrnstand erhoben.  

Sein Sohn Friedrich übernahm 1823 die Leitung des Eisenberger Werks. Eine Notiz bezeugt, dass er über den Kauf von Schönau durch seinen Vater nicht gerade begeistert war. Er meinte, ”jene Acquisition” sei ”gegen das Interesse von mir und meinem Bruder Carl” und nur ”aus Liebhaberey” erfolgt.

Schönau scheint für Ludwig von Gienanth nicht nur Alterssitz, sondern auch eine Art Altershobby gewesen zu sein. Er kümmerte sich um das Werk persönlich, während er die Leitung der Werke in Hochstein, Eisenberg und Trippstadt seinen Söhnen überlassen hatte. Ökonomisch Sinn machte der Kauf wohl allenfalls insofern, als das Werk dadurch nicht einem Konkurrenten in die Hände fiel.

Ludwig von Gienanth modernisierte und erweiterte die Produktionsanlagen. Eine Aufstellung aus dem Jahr 1842 zeigt aber, dass die betriebswirtschaftliche Situation des Werks schwierig war. Laut einer Liste vom März 1840 waren in Schönau (einschließlich der Gruben in Schlettenbach und Nothweiler) 152 Mitarbeiter angestellt. Hinzu kamen rund 40 Fuhrleute, 30 Köhler und 100 Holzhauer, die zumindest teilweise von Arbeiten für das Eisenwerk lebten.

Als Ludwig von Gienanth 1848 starb, vererbte er Schönau nicht an seinen Sohn Carl, der ihn als einziger seiner drei Söhne überlebte, sondern an seine beiden Töchter. Die immer schwierigere ökonomische Situation des Schönauer Betriebes wurde möglicherweise durch die branchenunerfahrenen Schwiegersöhne Ludwig von Gienanths noch weiter verschärft. 1865 wurde das Werk schließlich verkauft, eine 1866 gegründete Aktiengesellschaft ”Schönau-Hüttenwerk” ging 1883 in Konkurs, der Betrieb in Schönau wurde eingestellt.

1908 berichtete Daniel Häberle in der ”Pfälzischen Heimatkunde” über eine Notiz in der pfälzischen Presse vom 16. November 1907, in der es heißt: ” Bürgermeister Mischler, der gegenwärtige Besitzer des ehemals Gienanthschen Hüttenwerkes, läßt derzeit die Unterbauten der früheren Eisenhämmer ausgraben. Bereits ist der Unterbau des großen Hammers freigelegt und meistensteils herausgeschafft ... Hoffentlich verschwinden damit auch die Ruinen, welche dem rümlichst bekannten Luftkurort nicht gerade zur Zierde gereichen.”  

Pfalz-Ticker