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Donnerstag, 02. Mai 2019 Drucken

Europawahl

Was nun, Europa? Die EU-Wahl als Mission ins Ungewisse

Eine Schicksalswahl? EU-freundliche Parteien der Mitte müssen eine Schlappe fürchten. Nationalistische Populisten hoffen auf einen Triumph. (Foto: dpa)

Krisen, Brexit, Jubelarien: Wo steht die Europäische Union und wie soll es weitergehen? Die Wahl zum Europaparlament Ende Mai könnte eine Wegscheide werden.

Mit der Ode an die Freude ging alles zu Ende. "Es ist unsere Aufgabe, Europa zusammenzuhalten", rief Lojze Peterle den Abgeordneten bei der letzten Sitzung im Straßburger Europaparlament zu, zückte die Mundharmonika und blies die Europahymne. Die verdutzten Kollegen des slowenischen Christdemokraten sprangen auf, sie klatschten und jubelten. Dann war das achte Europäische Parlament Geschichte.

Bis zur Europawahl vom 23. bis 26. Mai bangt die Europäische Union nun, wie es mit der neunten Auflage der seit 1979 direkt gewählten Volksvertretung weitergeht. Von einer "Schicksalswahl" sprechen einige, vom "Kampf um die Seele Europas". EU-freundliche Parteien der Mitte müssen eine Schlappe fürchten. Nationalistische Populisten hoffen auf einen Triumph.

Diese Wahl könnte die EU lähmen. Oder Schub für eine Erneuerung bringen. Erstmals seit 1967 könnte mit Manfred Weber wieder ein Deutscher das Amt des EU-Kommissionspräsidenten bekleiden. Könnte: Vor dieser Wahl ist vieles ungewiss - nicht zuletzt wegen des Brexits. Auch die Kassandrarufe stehen noch im Konjunktiv.

Der Wähler, ein wankelmütiger Geselle

"Der Ausgang der Europawahl ist noch komplett offen", analysiert Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations. Knapp 100 Millionen der rund 400 Millionen Wahlberechtigten in der EU wüssten noch nicht, wen sie wählen. Nur 43 Prozent seien sicher, dass sie überhaupt hingehen. Die Europäer seien nicht so polarisiert wie oft befürchtet, heißt es in einer Studie der Denkfabrik. Vielmehr seien sie wankelmütig. 38 Prozent hätten das Vertrauen in die Politik verloren, ob nun auf nationaler oder europäischer Ebene. In Frankreich mit seiner "Gelbwesten"-Bewegung seien es gar 69 Prozent.

Frust und Ratlosigkeit gründen zum Teil darauf, dass "die Politik", aber eben auch die Europäische Union mit den Krisen der vergangenen Jahre nur leidlich fertig wurde. Mit ihren Errungenschaften dringt die EU kaum durch, mit der Abschaffung der Roaming-Gebühren etwa, mit Jubelbotschaften über fast 400 Milliarden Euro zusätzlicher Investitionen, Wirtschaftswachstum und Millionen neuer Jobs.

Auch zieht nicht überall das Argument, dass das schmächtige Europa nur geeint den Wirtschaftsriesen USA und China Paroli bieten kann, vor allem im Welthandel. Der Kommissionsvize und sozialdemokratische Spitzenkandidat Frans Timmermans brachte es so auf den Punkt: "Wenn wir gespalten sind als Europäer, sind wir schwächer. So einfach ist das." Klingt einfach, aber für viele auch abstrakt.

Zehn Jahre Dauerkrise

Stärker ist offenbar das Gefühl von Umbruch, Niedergang und Ohnmacht angesichts der Fülle von aufeinanderfolgenden Krisen. 2008 kam die Weltwirtschaftskrise, 2010 die Euro-Schuldenkrise, 2015 der Fast-Rauswurf Griechenlands. 2015 und 2016 die blutigen Anschläge in Paris, Brüssel, Berlin - verübt von Terroristen, die sich frei in Europa bewegen konnten. Und schließlich die Flüchtlingsbewegung übers Mittelmeer und quer durch die EU bis nach Nordeuropa.

Während die komplizierte, langatmige EU in immer neuen Krisengipfeln und Nachtsitzungen um Antworten rang und bei Problemen wie der Asylpolitik nur Scheinlösungen fand, versprachen in vielen Ländern von Finnland bis Italien Nationalisten einfache Rezepte: Alleingänge und Abschottung. Den größten Erfolg verbuchten sie 2016 beim Brexit-Referendum in Großbritannien - für die EU ein Tiefschlag.

Populisten auf dem Vormarsch

Rein rechnerisch kommen die bisher drei EU-kritischen Fraktionen ENF, EFDD und EKR in der Projektion des Europaparlaments zusammen auf gut 23 Prozent - nur knapp hinter der Europäischen Volkspartei (EVP), die als stärkste Fraktion bei 24 Prozent liegt. Der italienische Rechtspopulist Matteo Salvini will alle Kräfte in einer rechten "Superfraktion" bündeln.

Bei ihrem Schulterschluss in Mailand Anfang April wirkten Salvini und der deutsche AfD-Chef Jörg Meuthen noch etwas verloren auf dem Podium. Inzwischen haben sich die österreichische FPÖ und die Französin Marine Le Pen zu dem Bündnis bekannt. Die nationalkonservative PiS aus Polen und die Fidesz des Ungarn Viktor Orban sind allerdings noch auf Distanz. Dass wirklich alle gemeinsame Sache machen, ist fraglich, weil Interessen und Ideen auseinanderklaffen.

Was die Rechtsfraktion wollen würde, ist deshalb schwer zu sagen. Ein gemeinsames Wahlprogramm werde es nicht geben, sagte Meuthen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die AfD selbst fordert den Rückbau der EU, so etwa die Abschaffung des Parlaments. Falls dies nicht rasch gelingt, soll Deutschland raus: Dexit. Eine starke EU-kritische Minderheit könnte viel Sand ins Getriebe bringen und die Gesetzgebung lähmen. Und sie könnten Ansprüche auf EU-Spitzenjobs erheben.

Das Personalpaket

Als sich der Deutsche Manfred Weber unter den dröhnenden Klängen des Stones-Klassikers "Start me up" im November in Helsinki zum Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei küren ließ, hoffte er vielleicht noch auf einfachere Mehrheiten, die ihn als Nachfolger von Jean-Claude Juncker ins Amt des Kommissionspräsidenten bringen könnten. Nun stehen für die EVP in der Projektion fünf Punkte Verlust und nur noch 24 Prozent Stimmanteil zu Buche. Damit hat Weber immer noch bessere Chancen als Sozialdemokrat Timmermans, dessen Parteienfamilie in den Umfragen bei 19,8 Prozent liegt. Er wählte für seine Nominierung übrigens den Retrohit "Bella Ciao".

Da Christ- und Sozialdemokraten zusammen keine Mehrheit haben dürften, müssen sie um Liberale, Grüne oder Linke als Bündnispartner werben. Die Liberalen könnten deutlich zulegen, vor allem, wenn sich die neue Partei La République En Marche des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anschließt. Die Partner werden Ansprüche stellen. Die Liberalen etwa sähen statt Weber gerne die Dänin Margrethe Vestager an der Spitze der Kommission. Und es ist ja nicht nur dieser Posten neu zu besetzen, sondern auch das Amt von Ratspräsident Donald Tusk, das der Außenbeauftragten Federica Mogherini und das des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Sie alle gehen im Herbst.

Schon kurz nach der Europawahl dürften die Telefone der EU-Staats- und Regierungschefs heißlaufen, denn sie haben ein Vorschlagsrecht. Im Idealfall könnte Junckers Nachfolger Mitte Juli gewählt werden, doch könnte sich die Auswahl auch über Monate hinziehen. Das Gesamtpaket werde fein abgewogen, Männer und Frauen, Westen und Osten, Norden und Süden, heißt es. Und obwohl die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Weber Unterstützung zugesagt hat, ist auch ihr klar, dass diese Personalie noch längst nicht unter Dach und Fach ist. |dpa