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Montag, 25. April 2016 Drucken

Kirchheimbolanden: Kultur Regional

Vor und hinter der Mauer

Stephan Höning und Joachim Seltmann erinnern musikalisch an die Nachkriegszeit

Von Rita Weber

 

Ihr kurzweiliger „Geschichtsunterricht“ wurde von Wirt Torsten Schneider mit passenden Häppchen kulinarisch unterstützt: Stephan Höning (li.) und Joachim Seltmann bei ihrem Auftritt in der Mühlbachstube. ( Foto: J. Hoffmann)

BREUNIGWEILER. Sehr gut besucht war „Geschichte in Liedern“ von Stephan Höning und Joachim Seltmann am letzten Freitagabend in der Breunigweilerer „Mühlbachstube“. Während des zweieinhalbstündigen, musikalischen Ausflugs in die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit, der Teilung und Wiedervereinigung gelang es den beiden Künstlern mühelos, das Publikum zu fesseln und zu berühren.

 

Wirt Torsten Schneider begleitete mit kreativen, kulinarischen Häppchen aus Ost und West. Die „Ost-Suppe“ Soljanka stimmte auf das Bühnenprogramm „Hinter der Mauer“ ein.

Die inoffizielle Ersatz-Nationalhymne der Nachkriegszeit des in drei Zonen aufgeteilten Deutschlands, der „Trizonesiensong“ – ursprünglich ein Faschingslied –, war der Einstieg. „Der Trizonesiensong wurde 1948/49 bei mehreren Sportveranstaltungen gesungen und war zeitweise von den Alliierten verboten“, so Höning. Eine aufwendige Bühnendekoration aus Flaggen der DDR, Westdeutschlands und der FDJ im Hintergrund sorgte für eine stimmige Atmosphäre. Wechselnde Instrumente wie Cister, Akkordzither, Banjolele und achtsaitige Ukulele wurden von Höning gekonnt eingesetzt, Seltmann begleitete souverän auf Keyboard und Akkordeon.

Das westdeutsche Wirtschaftswunder im gleichnamigen Lied interpretierte Wirt Schneider mit „Eisbein in Aspik“. „Good bye, alter Häuptling good bye“, erklärte Höning, wurde von der Gruppe „Die alten Kameraden“ geschrieben, um Konrad Adenauer zum Abtreten zu bewegen. Seltmanns Kommentar: „Das singen uns die Schüler irgendwann mal vor, wenn wir Lehrer mit 70 in Rente gehen“ sorgte für zahlreiche Lacher.

Mit der Frage ans Publikum: „Pioniere, seid Ihr bereit?“ leitete Höning zu den DDR Liedern über. „Bau auf, bau auf“, das Lied der FDJ, der Jugendorganisation der SED, machte hier den Anfang, gefolgt von: „Auferstanden aus Ruinen“, der Nationalhymne der DDR. Große Friedenssehnsucht in Textpassagen wie „denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint, wenn wir brüderlich uns einen“, führte laut Höning dazu, dass der Text, den man auf die Melodie des Deutschlandlieds singen kann, ab 1970 nicht mehr offiziell gesungen werden durfte. Das Protestlied gegen die Stasi: „Zehn kleine Negerlein“ mit Textpassagen wie: „Das eine hat zu laut gedacht, das eine hat man abgeholt, das eine ahmte Ulbricht nach… und am Ende treffen sich alle wieder in Bautzen, dem Stasi-Knast“, ließ dem ein oder anderen eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Wirt Schneider, beraten durch seine Berliner Ehefrau, servierte Ost-Köstlichkeiten wie Letscho, eine Soße aus Paprika, Zwiebeln und Gewürzen, das DDR-Ersatz-Jägerschnitzel, eine panierte Jagdwurst, und das Fischgericht „Eierhäckerle“.

Auf dem Weg zur Einheit hätten Lieder wie „99 Luftballons“ von Nena, Reinhard Meys „Ich würde gerne einmal in Dresden singen“ oder „Der Generalsekretär“ von Udo Lindenberg einen großen Einfluss auf die Stimmung der Menschen im geteilten Deutschland gehabt, so Höning. Auch diese interpretierten die beiden Virtuosen sehr gefühlvoll, und bei „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen stimmte das Publikum berührt mit ein. Als kulinarischen Abschluss der Küche gab es den „zweigeteilten Berliner mit Stacheldraht“, ein Faschingskrapfen mit Schokomousse.

Bewegte Besucher verließen an diesem Abend mit großem Lob die „Mühlbachstube“ und erkundigten sich schon nach der nächsten Veranstaltung. Gelungen und außergewöhnlich die Mischung aus Erzählen, Gesang und Instrumenten, begleitet von Bildern auf der Leinwand im Hintergrund. Der Gast Frank Seibel, mit 28 Jahren aus der DDR geflohen, kommentierte: „Ich fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit und Jugend. Es war wunderbar.“