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Sonntag, 20. November 2016 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Überlebenstraining in der Nordpfalz

Die Natur ist launisch. Beim Feuermachen verzweifeln einige. Christian gibt nach dem zigsten Versuch, seinen kleinen Birkenrinden-Rohrkolben-Zunderhaufen mithilfe von Feuerstahl anzuzünden, genervt auf. Dabei sah es so leicht aus. ( foto: imago)

Beim Survival-Training im Nordpfälzer Bergland wollen Ingenieure, Handwerker, Studenten und Inhaber von Werbeagenturen mal schauen, wie es sich so lebt, nachts im kalten, nassen Wald. Die Antwort: Ganz gut – solange jemand Gulasch kocht. Von Anna Warczok

Christian schaut das gebratene Stück Heuschrecke an. Es sieht ein bisschen aus wie eine Garnele: länglich, rot, nur kleiner. Christian schiebt das Stück Fleisch in den Mund, kaut nachdenklich. Schließlich nickt er. „Ja, schmeckt eigentlich nach gar nichts“, lautet sein Urteil. Steffen bringt mehr Begeisterung auf: „Echt nicht schlecht“, findet der Ex-Bundeswehrsoldat. Er isst gerade seine zweite. Alle Insekten ereilte zuvor das gleiche Schicksal: Steffen enthauptete sie, riss ihnen Beine und Flügel aus – genauso, wie Dieter es zuvor der Gruppe demonstriert hatte. Seine wichtigste Anweisung: „Macht das schnell. Lasst die Tiere nicht unnötig leiden.“ Mittlerweile ist die Plastikdose leer, in der Dieter die Insekten aufbewahrt hat. Gekauft hat er die Heuschrecken im Zoohandel. Sechs Stückchen brutzeln noch in der Pfanne. Einige Teilnehmer greifen zu. Das letzte Häppchen landet im Dreck. Steffen hebt es auf, wischt es ab und isst es trotzdem.

„Nach der Zundersuche ist das Notlager Survival-Regel Nummer zwei“, erklärt Hans. Die Überlebenswilligen haben die Wahl: Entweder sie bauen die puristische Variante, bestehend aus einer tragenden Konstruktion aus Holzstämmen mit Reisig als Dämmmaterial oder die, wie Hans es ausdrückt, „luxuriösere“ Alternative mit einer Plastikplane als Trockenschutz. Der wichtigste Hinweis: „Ihr müsst unbedingt probeliegen“, mahnt Hans. „Es gibt nichts Beschisseneres, als stundenlang ein Lager zu bauen und dann nachts festzustellen, dass man auf einem riesigen Stein liegt.“ Gesagt, getan. Manche Teilnehmer rutschen auf dem Waldboden herum, als wären sie zum Testliegen in einem Matratzenladen.

Als gemäßigte Variante entpuppt sich auch eine Aufgabe, die zunächst viel gefährlicher klingt: eine Schlucht überqueren. Den gefährlichen Höllenschlund müssen sich die Teilnehmer vorstellen: die Seilbrücke, die sie überqueren sollen, hängt nur rund eineinhalb Meter über einem Graben. Auch beim Abseilen mit dem Dülfersitz geht es keinen steilen Abhang hinab. „Dafür ist der Waldboden heute einfach zu nass“, erklärt Katrin der Gruppe. Die Praxis hat es trotzdem für einige in sich. „Lass dich mal richtig ins Seil fallen“, ruft Katrin Ralf zu, der, bekleidet mit Jeans, Schal und Allwetterjacke, den Anfang macht. Der 53-Jährige schaut skeptisch und kommt den Anweisungen der blonden Frau nur zögerlich nach. Auch Maike ist nicht begeistert. „Das wird nicht mein neues Hobby“, sagt sie zu Katrin, als sie mit gebeugten Knien rückwärts den Abhang hinunterschleicht.

Katrin ist die Pflanzenexpertin des Kursleiter-Trios. Wie Hans und Dieter Staudt auch, hat sich die 41-Jährige zur Wildnispädagogin ausbilden lassen. „Wir sind alle drei gerne draußen“, sagt sie. Im wahren Leben arbeiten Hans und Katrin Staudt als Sozialpädagogen, der 53-jährige Dieter ist Schreiner. Zu den Kursen kamen die drei über Hans. Er nahm vor Jahren an einem Kurs des deutschen Survival-Profis und Gründers von Team-Survival, Ronny Schmidt, teil. Der Kontakt blieb. Seit drei Jahren führen die Staudts Outdoor-Neulinge durch den Wald. Dabei arbeiten sie nach dem Ansatz des US-Wildnisexperten Tom Brown: „Die Teilnehmer sollen lernen, mit der Natur zu arbeiten, nicht gegen sie.“

Die Natur aber ist launisch. Beim Feuermachen verzweifeln einige. Christian gibt nach dem zigsten Versuch, seinen Birkenrinden-Rohrkolben-Zunderhaufen mithilfe von Feuerstahl anzuzünden, genervt auf. Dabei sah es so einfach aus, als Hans es vormachte: ein paarmal schlug er die beiden Komponenten des Feuerzeugs gegeneinander, Funken sprühten, – der Birkenzunder ging in Flammen auf.

Etwa die Hälfte der Teilnehmer meistert die Aufgabe. Zum Aufwärmen setzen sie sich aber lieber ans Lagerfeuer, das Dieter und Hans zur Freude aller vor Stunden vorbereitet haben. Zur noch größeren Freude aller bleibt das Thema Notnahrung graue Theorie. Dieter und Hans haben gekocht: Hirschgulasch für die Fleischesser, Reis und gegrillte Maiskolben für die Vegetarier.

„Wie lange kann ein Mensch ohne Nahrung überleben?“, fragt einer in die Runde. Andreas, ein 32-jähriger Ingenieur aus Köln, sagt: lange – er habe mal Heilfasten gemacht. Das ist nicht dasselbe, meinen die anderen. Bald wird es still. Müde Gesichter starren ins Feuer. Nach und nach verabschieden sich die Ersten, huschen schnell in den Schlafsack im Notlager.

Vielleicht kommen später ja die Wildschweine und essen die letzten Bucheckern auf. Vielleicht aber stinkt ihnen das Waldstück auch zu sehr nach Mensch.

 

Hier gibt es mehr Informationen zu Outdoorkursen und Survivaltraining.