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Samstag, 15. Oktober 2016 Drucken

Südwest

Über der Pfalz regnet es Kerosin

von Winfried Folz

 

Zivile und militärische Flugzeuge lassen über dem Bundesgebiet immer wieder Kraftstoff ab. Dies geschieht besonders häufig über der Pfalz, wo in den vergangenen sieben Jahren über 600 Tonnen Treibstoff niedergegangen sind. Nach Auskunft der Bundesregierung ist das für Mensch und Tier ungefährlich.

Kaiserslautern. Am 14. November 2013 muss es über der Pfalz einen gravierenden Notfall in einem Flugzeug gegeben haben. Möglicherweise hatten die Piloten kurz nach dem Start – vielleicht in Frankfurt – einen Defekt festgestellt, der sie zur Rückkehr zwang. Jedenfalls ließen die Kapitäne 80 Tonnen Kerosin über der Pfalz ab. Auf diese Weise erreichte der Jet sein Landegewicht, mit dem die Piloten sicher auf den Boden aufsetzen konnten.

Das ist Fall 85 auf einer 121 Fälle umfassenden Liste der Bundesregierung über das „Ablassen von Treibstoff“ durch zivile Luftfahrzeuge in den Jahren 2010 bis 2016 im gesamten Bundesgebiet. Die Grünen im Bundestag hatten eine entsprechende Anfrage gestellt und überdies Auskunft über Vorfälle bei Militärflugzeugen erbeten.

Fall 85 bleibt ebenso geheimnisvoll wie alle anderen Fälle, bei denen weder der Grund des Ablassens noch die Flughöhe oder Start und Ziel des Flugzeuges genannt werden. Gerade die Flughöhe wäre ein wichtiger Faktor für die Beurteilung der Gefährlichkeit des Kerosinregens. Vorgeschrieben sind für das Ablassen mindestens 1500 Meter bei mindestens 500 Stundenkilometern.

Mit Blick auf die 18 Vorfälle bei militärischen Flugzeugen fällt auf, wie sehr Rheinland-Pfalz – und insbesondere die Pfalz – vom Kraftstoffausstoß betroffen ist. Mehr als die Hälfte der dokumentierten Ablassvorkommnisse, nämlich zehn, ereigneten sich über dem Bundesland.

Das macht 60 Prozent des insgesamt aus militärischen Flugzeugen über ganz Deutschland abgelassenen Treibstoffes aus – in absoluten Zahlen: 130 von 220 Tonnen. Von den 130 Tonnen entfallen 82 Tonnen explizit auf die Pfalz. Betroffen waren die Region um Ramstein sowie in einem Fall die Strecke Mannheim-Saarbrücken, wo 2014 allein bei einem Vorfall 40 Tonnen abgelassen wurden.

Bei der zivilen Luftfahrt werden gut 20 Prozent des Treibstoffes über Rheinland-Pfalz abgelassen, obwohl das Bundesland nur 5,5 Prozent der Fläche der Bundesrepublik ausmacht. In absoluten Zahlen waren dies 705 von 3369 Tonnen. Dabei sind die Fälle nicht einberechnet, bei denen Rheinland-Pfalz nur zum Teil betroffen ist. Etwa dann, wenn eine länderübergreifende Route angegeben wird, etwa „Ansbach-Mannheim-Trier“.

Die größte Menge, die über dem Bundesland niedergegangen ist, waren 91 Tonnen am 10. April dieses Jahres über der Eifel. Auf die Pfalz fielen seit 2010 rund 520 der genannten 705 „rheinland-pfälzischen“ Tonnen Kerosin aus zivilen Flugzeugen. Zusammen mit den Mengen aus den Militärmaschinen lautet die Kerosin-Bilanz für die Pfalz für die vergangenen sieben Jahre: 604 Tonnen. Dabei war Fall 85 mit den 80 Tonnen der gravierendste. Bei den meisten Vorkommnissen fehlen nähere Ortsangaben oder Routen, häufig verwendet wird die Bezeichnung „Region Pfalz“.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Markus Tressel, der die Anfrage an die Bundesregierung stellte, sieht zahlreiche Mängel in der Dokumentation. So sei in fast jedem vierten Fall bei Militärmaschinen unbekannt, wie viel Treibstoff abgelassen worden sei. Es gebe offenbar eine große Dunkelziffer, so Tressel. Gravierender ist für den saarländischen Politiker der Umstand, dass niemals Gründe für das Ablassen angegeben würden. Diese müssten künftig erfasst werden, fordert der Politiker. Laut Gesetz ist das Verfahren nur in einem Notfall erlaubt. Dabei weist die Flugsicherung den Piloten ein Gebiet zum Ablassen des Kerosins zu. Widersprüchlich ist hier die Aussage der Bundesregierung, dass das Kerosinablassen keine Gefährdung darstelle, es aber nicht über dicht besiedelten Gebieten erlaubt sei.

Dass acht Prozent des Treibstoffs zu Boden sinken (siehe: zur Sache), ist für den Grünen-Politiker Tressel Grund für eine Untersuchung der Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Nach Tressels Berechnungen entsprechen die acht Prozent Kerosin rund 53.000 Liter. „Wir brauchen in diesem Bereich eine verlässliche und aktuelle Datengrundlage.“

Inwieweit das rheinland-pfälzische Umweltministerium dieses Anliegen unterstützt, war gestern nicht zu erfahren. Eine Anfrage in Mainz wurde gestern so beantwortet, dass Ministerin Ulrike Höfken (Grüne) in Berlin weile und nicht zu erreichen sei. Dabei wäre eine Aussage von Höfken von großem Interesse, ist sie doch in der Vergangenheit selbst dem Themenkomplex nachgegangen. So stellte Höfken 1997 als damalige Bundestagsabgeordnete eine Anfrage an die Bundesregierung, in der sie nach einem Fall von „Kerosinverrieselung über der Eifel“ fragte. In der seinerzeitigen Antwort verweist die Bundesregierung auf eine Untersuchung des Tüv Rheinland zur Kerosinbelastung, die 1992 entstand. Auf eben diese Untersuchung bezieht sich die Bundesregierung heute immer noch, wie aus der Anfrage von Markus Tressel hervorgeht.