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Dienstag, 17. Juli 2018 Drucken

Sport

Triumph des Kollektivs

FUSSBALL: Frankreich wurde zum zweiten Mal Weltmeister, weil sich die Mannschaft als Einheit präsentierte. Die zunächst umstrittenen personellen Entscheidungen von Trainer Didier Deschamps gingen auf. Mit dem Erfolg in Moskau überwand die „Equipe tricolore“ auch das Trauma von 2016.

VON Hendrik Buchheister

Frankreichs Weltmeister Paul Pogba feiert auf seine Art.

Frankreichs Weltmeister Paul Pogba feiert auf seine Art. ( Foto: REUTERS)

«Moskau.» Als das Finale vorbei, der WM-Pokal übergeben, das Goldkonfetti verschossen und sogar der spontane Moskauer Starkregen wieder abgeklungen war, zeigte die französische Nationalmannschaft noch einmal die Geschlossenheit, die sie ausgezeichnet hatte beim Turnier in Russland. Didier Deschamps wollte gerade seine Analyse beginnen im Medienraum in den Tiefen des Luschniki-Stadions, als seine Spieler in einer gemeinschaftlichen Aktion unter wildem Geschrei den Saal enterten, auf die Bühne sprangen und den Trainer, Fifa-Mitarbeiter und Journalisten mit Bier, Wasser und Champagner bespritzten. Zwei Minuten dauerte die euphorische Übernahme, dann trat die Mannschaft den Rückzug an, und Trainer Deschamps klagte, dass er sich schon dreimal umgezogen habe seit dem Schlusspfiff, und das jetzt auch schon wieder egal sei: „Ich rieche immer noch schlecht.“

Das sind eben die Opfer, die man bringen muss als Weltmeister-Trainer. Durch das 4:2 im Finale gegen Kroatien haben die Franzosen zum zweiten Mal nach 1998 den WM-Titel geholt. Damals stand Deschamps selbst auf dem Platz, jetzt konnte er sich dazu gratulieren lassen, nach Mário Zagallo und Franz Beckenbauer die dritte Persönlichkeit im Weltfußball zu sein, der dieses beachtliche Doppel gelungen ist: Weltmeister als Spieler und als Trainer. „Es geht nicht um mich. Die Spieler haben das Spiel gewonnen“, sagte er.

Der Triumph der Franzosen hat viele Helden, natürlich. Den Torwart Hugo Lloris, der eine starke WM spielte bis zu seinem Fehler im Finale, der zum unbedeutenden zweiten Gegentor durch Mario Mandzukic führte; die Verteidiger Samuel Umtiti und Raphaël Varane, die hinten dicht hielten und im Viertelfinale gegen Uruguay (Varane) und im Halbfinale gegen Belgien (Umtiti) wichtige Tore schossen; den Mittelfeld-Organisator N’Golo Kanté. Paul Pogba, der bei der WM endlich die hohen Erwartungen erfüllte und das Endspiel mit seinem Treffer zum 3:1 vorentschied, den 19 Jahre jungen Kylian Mbappé, der das Turnier erleuchtete mit seinem Tempo und seiner Spielfreude – und Antoine Griezmann, der immer noch die Schlüsselfigur in der Offensive ist.

Entscheidend für den Titel war allerdings kein einzelner Spieler. Dieser Titel ist nicht Pogbas oder Mbappés oder Griezmanns Titel. Es ist ein Titel des Kollektivs. „Wir haben als Gruppe zusammengehalten. Das galt für die Spieler in der Startelf und die Spieler auf der Bank“, sagte Griezmann. Trainer Deschamps berichtete, dass sich die ganze Mannschaft „miteinander wohlgefühlt“ habe: „Sie haben alles zusammen gemacht, auf und neben dem Platz.“

Die Gemeinschaft ist alles! Das ist das Mantra, das Deschamps dem Team vor der WM eingeimpft hatte. Es sollte auf keinen Fall eine Wiederholung der traumatischen WM von 2010 in Südafrika geben. Damals meuterten die Spieler gegen Trainer Raymond Domenech und traten in den Streik. Die Mannschaft schied nach der Vorrunde aus, es war eine Blamage für Frankreich, das Land war bloßgestellt. In Russland war das Gegenteil zu besichtigen. Deschamps ist es gelungen, seine Spieler zu einer Einheit zu verschweißen. „Wir haben 54 Tage zusammen verbracht und es gab nicht ein einziges Problem“, erzählte er und klang fast verwundert.

Zugunsten des internen Friedens hat er einige Entscheidungen getroffen, die umstritten waren vor dem Turnier. Er war nicht bereit, Angreifer Karim Benzema dessen Sexvideo-Affäre von 2015 zu vergeben. Außerdem löste er große Aufregung mit seinem Verzicht auf Mittelfeldspieler Adrien Rabiot von Paris Saint-Germain aus.

Den Franzosen ist es gelungen, immer die Kontrolle zu behalten in einem Turnier, das schwer zu kontrollieren war. Sie gewannen sachlich und nüchtern Spiel um Spiel und konnten sich im Finale sogar ihre vielleicht schwächste Vorstellung des Turniers leisten. So überwanden sie noch ein zweites Trauma. Nicht nur das von der WM 2010, sondern auch das von der Europameisterschaft vor zwei Jahren im eigenen Land. Die Franzosen dachten nach dem Sieg im Halbfinale gegen Deutschland, dass sie den Titel schon sicher hätten. Ein Irrtum.