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Sonntag, 12. Mai 2019 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Schafft den Muttertag endlich ab!

Ein Aufruf von Martin Schmitt

Frauen, die Kinder geboren haben und eine Familie managen, verdienen eine Ehrung. Dafür ist der Muttertag da. Doch der ist nicht mehr zeitgemäß, weil er Müttern nicht gerecht wird.

Da stehen sie wie jedes Jahr, am besten schon morgens am Bett: Der Gatte mit Gesteck. Die Tochter mit Tand. Der Sohn mit Sekt. Kleinere Sprösslinge mit Selbstgebasteltem. Für die beste Mami der Welt. Ach, süß. Sogar der Tisch ist gedeckt, die Spülmaschine ausgeräumt, der Boden gesaugt. Weil Mutti es sich verdient hat. Da geht der Seele der Familie doch gleich das Herz auf. So scheint’s. Indes dürften die meisten Mütter insgeheim grollen.

Denn Wunsch und Wirklichkeit könnten nicht weiter auseinander liegen als am Muttertag. Das beginnt ganz banal bei den Mitbringseln. Laut Statistischem Bundesamt verschenken Männer am heutigen Tag zu rund 40 Prozent Blumen, mit weitem Abstand folgen Pralinen, Parfüm, Kosmetika, Schmuck – und Haushaltsgeräte. Damit die Herzensdame oder das lieb Mütterlein den Alltag besser gebacken kriegt. Wie eine gleichfalls amtliche Befragung ergab, ist den so beschenkten Damen aber ganz anderes wichtig: Zeit mit der Familie, gemeinsame Unternehmungen, ein Beieinander ohne Streit, verwöhnt werden. Oder schlicht ausschlafen dürfen. Die Diskrepanz – deutlich.

Der Handelsverband Deutschland beziffert den Wert der Muttertagsgaben auf jährlich 850 Millionen Euro – weitgehend für die Katz, sofern die behördlichen Befunde zutreffen. Die reine Kommerzialisierung von Dankbarkeit und – vielleicht öfter noch – schlechtem Gewissen.

Aufmerksamkeit auch am Rest des Jahres

Aber die Erwartungen sehr vieler Mütter, zumal in der Rush Hour des Lebens, weisen über materielle Dinge hinaus. Wer einen Haushalt managt, Kinder versorgt, Kontakte pflegt, sich oft ehrenamtlich engagiert und zudem berufstätig ist, wünscht sich mit Fug und Recht Wertschätzung für das, was frau leistet. Verständnis für die eigenen Bedürfnisse. Dazu Aufmerksamkeit und Zuwendung, nicht konzentriert auf einen gesellschaftlich angesetzten Gedenktag, sondern bitteschön auch am Rest des Jahres.

Doch am wichtigsten ist Müttern vermutlich Unterstützung, vom persönlichen Umfeld wie von Gesellschaft und Staat. Zu sehr ist Mutterschaft noch mit Beschwernissen verbunden. Man folge nur einmal dem Hashtag #Muttertagswunsch auf Twitter, unter dem Frauen ihre wahren Nöte offenbaren. Mutter sein bedeutet hierzulande demnach vielfach Verzicht: auf adäquate Jobs, flexible Arbeitszeiten, angemessene Entlohnung, eine auskömmliche Rente, auf Kinderbetreuung und Atempausen.

Aus Amerika übernommen

Es fehlt an allem, besonders an Anerkennung. Wer den Haushalt wählt, gilt als Heimchen am Herd, wer arbeiten geht, als Rabenmutter. Was Wunder, dass manche Frauen das Muttersein als Falle empfinden, als bloße Rolle, die einem zugewiesen wird und die einen zu erfüllen hat.

Das entspricht ganz dem Geist, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts der aus Amerika übernommene Muttertag in Deutschland installiert wurde: ein Ehrentag für die als Keimzelle der Familie geschätzte Mutterschaft, ohne welche das Frausein nicht als vollendet galt. Das Mutterkreuz als Maß der Gebärleistung im Namen der Volksgemeinschaft setzte noch einen drauf. Und auch wenn es längst verschwunden ist, wirkt der Muttertag wie ein Relikt einer Zeit, die Mütter auf die Heilige Dreifaltigkeit aus Küche, Kinder, Kirche festlegte. Welche Mutter, die heute mit beiden Beinen fest im Leben steht, kann und will sich in diesem antiquierten und verbrämten Rollenbild wiederfinden?

Dank sollte von Herzen kommen

Dass der Muttertag den Status eines nicht-gesetzlichen Feiertags genießt, ist vor diesem Hintergrund mitnichten eine Aufwertung der Weiblichkeit, sondern ihre Reduktion auf das, was für Fortpflanzung und pure Funktion eines Gemeinwesens als unabdingbar gilt. Der Muttertag fällt auch stets auf einen Sonntag, was im Umkehrschluss heißt: Der Volkswirtschaft ist die kostenlose Familienarbeit von Müttern nicht mal zusätzliche Freizeit wert. Das sagt alles.

Überdies: Dank sollte von Herzen kommen, Wertschätzung sollte ehrlich sein. Doch was bleibt davon, wenn ein jeder sich bemüßigt fühlt, pflichtschuldigst bei Muttern vorstellig zu werden, eben weil es sich an Muttertag so gehört? Das kann selbst dem Zugewandtesten die Feststimmung vergällen. Übrigens auch den Müttern, die sich unter solchen Voraussetzungen geehrt fühlen sollen. Das kann es nicht sein.

Gesellschaftlich auferlegte Zuwendung

Natürlich, es gibt ganz viele Menschen, die aus voller Überzeugung den Muttertag begehen. Die so einen speziellen Tag gut finden, weil er in Erinnerung ruft, wem in der Familie vor allem Anerkennung gebührt. Die ohne Hintergedanken von Müssen und Erwarten und Erhoffen gemeinsam feiern. Und die das tun, nicht weil es sozusagen verordnet ist. Das ist unbestritten und eine großartige Sache.

Wer allerdings so ein inniges Verhältnis pflegt, der braucht den Muttertag nicht eigens, schließlich wird er oder sie an den restlichen 364 Tagen nicht anders empfinden. Wer jedoch kein inniges Verhältnis hat, braucht den Muttertag schon gar nicht, außer um sich zu grämen. Dann wird die gesellschaftlich auferlegte Zuwendung zur Qual für alle Beteiligten. Wir sollten weiter sein und uns frei machen von diesen Zwängen und überkommenen Rollenbildern.

Gleiches gilt für den Vatertag

Das gilt für den Vatertag gleichermaßen, an dem sich angeblich jeder Mann als bierradelnder Zotenreißer gebiert. Die Realität sieht anders aus: Väter engagieren sich zunehmend in Haushalt und Familie. Sie machen Rührei, ohne die Küche zu ruinieren und können mit Windeln umgehen. Also was soll der Schmarrn?

Was uns fehlt, sind nicht irgendwelche Tage, die auf einzelne Personengruppen gemünzt sind. Sondern Zeit, die wir zwanglos mit anderen verbringen können. Das wäre für alle ein echter Gewinn.