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Samstag, 14. Juli 2018 Drucken

Fussball-WM

Pragmatischer Stratege wider klugen Aufsteiger

Frankreich gegen Kroatien – das Finale morgen um 17 Uhr verspricht Spannung. Der aus Bayonne im Baskenland stammende Didier Deschamps kann in die Fußstapfen von Mario Zagallo und Franz Beckenbauer treten und nach dem Titel als Spieler auch als Trainer den Goldpokal entgegennehmen. Sein kroatischer Kollege Zlatko Dalic hat etwas dagegen.

VON FRANK HELLMANN

Wer jubelt morgen? Frankreichs Coach Didier Deschamps...

Wer jubelt morgen? Frankreichs Coach Didier Deschamps... ( Foto: REUTERS)

... oder Kroatiens Trainer Zlatko Dalic.

... oder Kroatiens Trainer Zlatko Dalic. ( Foto: dpa)

«MOSKAU.» Die französische Mannschaft, die am 12. Juli 1998 die Grande Nation mit einem 3:0 gegen Brasilien mit dem WM-Titel in den Ausnahmezustand versetzte, galt als Sinnbild für Zusammenhalt. Die Bedeutung von „BBB“, black, blanc, beur, wie Franzosen über Schwarze, Weiße und Araber sagen, fehlte in keiner Beschreibung.

Das Mannschaftsfoto von damals aus dem Stade de France bildet die verschiedenen Charaktere sehr gut ab. Und es zeigt anschaulich: Derjenige, der den Laden zusammengehalten hat, war die Nummer sieben in der Mitte. Mit dem Wimpel in der rechten Hand und der Kapitänsbinde am linken Arm: der heutige Nationaltrainer Didier Deschamps.

20 Jahre und drei Tage später kann der aus Bayonne im Baskenland stammende 49-Jährige in die Fußstapfen von Mario Zagallo und Franz Beckenbauer treten, um als Spieler und Trainer Weltmeister zu werden. Der Unterschied sei groß: „Meine Rolle ist eine andere. Wenn ich in die Augen meiner Spieler sehe, fühle ich mich noch mehr verantwortlich.“ Beinahe dankbar gab sich der „General“ im Vorlauf zum WM-Finale gegen Kroatien am Sonntag um 17 Uhr (ZDF) auf die Frage hin, ob er seine Mannschaft mit der Geschichte vor 20 Jahren konfrontiere. „Man muss immer in seiner Zeit leben. Ich habe nie, nie, nie davon erzählt. Sie kennen die Bilder, aber manche waren damals noch nicht einmal geboren.“ Dann grinste er so schelmisch wie Louis de Funés.

Dabei ist er mehr Kauz als Komiker. Wie er früher mehr Kämpfer als Künstler war. Typ pragmatischer Stratege. Sein Credo bekam er bei Juventus Turin eingeimpft: „Ich habe den Fußball nie des Spielens wegen gespielt, sondern immer des Gewinnens wegen.“ Wer über den Defensivstil im Halbfinale gegen Belgien lästerte, sollte die Offensivgala im Achtelfinale gegen Argentinien nicht vergessen. 1:0 oder 4:3: Deschamps’ Garde kann beides. Das 4-3-3-System ist auf dem Platz viel flexibler als es auf dem Papier aussieht.

Nur: Sollte Deschamps wie bei der EM 2016 im eigenen Land gegen den Außenseiter Portugal auch bei der WM 2018 in Russland gegen den Außenseiter Kroatien verlieren, werden die Rufe nach Zinedine Zidane laut. Vermutlich sehr laut. „Zizou“ weiß auf Vereinsebene als Trainer ja bestens, wie große Endspiele zu gewinnen sind. Im Erfolgsfall muss Deschamps für sich abwägen, was er noch erreichen kann. Schon jetzt hat der streng erfolgsorientierte Sélectionneur nach 82 Länderspielen eine bessere Bilanz als seine Vorgänger Michael Hidalgo (1976 - 1984) und Raymond Domenech (2004 - 2010), der die Skandale bei der WM 2010 zu verantworten hatte. Bis heute taugt die „Équipe Tricolore“ deswegen nicht uneingeschränkt als Identitätsstifter, auch wenn das der nun auch in Moskau weilende Staatspräsident Emmanuel Macron gerne hätte.

Monsieur Deschamps vertraut einem „moralischen Pakt“ mit seinen Akteuren. Selbst der Super-Egomane Paul Pogba ordnet sich dem „Leitgedanken“ (Abwehrspieler Raphael Varane) unter. „Der Trainer hat schon einen Stern“, sagt der Antreiber Pogba als einer von fünf Anführern, mit denen Deschamps das Wichtigste bespricht. 14 Akteure spielen gerade ihre erste WM. Deschamps zog einen Quervergleich zu 1998: „Bei unserem Titelgewinn waren wir alle nahezu 30 Jahre alt.“ Aber nun noch vier weitere Jahre warten, will niemand in Frankreich. Es braucht mal ein neues Mannschaftsbild mit Weltmeistern.