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RHEINPFALZ am Sonntag

Pfälzer MP3-Player bringt Wissen in Entwicklungsländer

Von Martin Schmitt

Sie gehören zu den ersten, die den MP3-Player des Pfälzer Hilfsprojekts Uridu ausprobieren dürfen: Frauen im Kisarawe-Distrikt im ostafrikanischen Tansania, nicht allzuweit von der Hauptstadt Daressalam entfernt. Ein zweiter Test läuft im Bagamoyo im Norden des Landes. 3400 Frauen sollen in einer ersten Phase erreicht werden.

Sie gehören zu den ersten, die den MP3-Player des Pfälzer Hilfsprojekts Uridu ausprobieren dürfen: Frauen im Kisarawe-Distrikt im ostafrikanischen Tansania, nicht allzuweit von der Hauptstadt Daressalam entfernt. Ein zweiter Test läuft im Bagamoyo im Norden des Landes. 3400 Frauen sollen in einer ersten Phase erreicht werden. ( Foto: Uridu)

Das Hör-Gerät ist unscheinbar und nicht größer als ein Taschenrechner. Aber der MP3-Player von Felicitas und Marcel Heyne

aus Annweiler steckt voller Wissen. Das soll Frauen in Entwicklungsländern helfen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Durch Hörensagen. Eine Geschichte über ein kleines Ding, das aufhorchen lässt.

Chaya ist etwa eineinhalb, als der Tod an die Tür der elterlichen Hütte klopft, um sie zu holen. Die kleine Inderin ist viel zu schwach, um sich zu wehren. Nicht einmal den Brei, den die Mutter ihr anbietet, kann sie noch zu sich nehmen. Ein deutsches TV-Team wird Zeuge ihres Dahinschwindens. Kurzentschlossen verfrachten die Fernsehleute Mutter und Kind in ein medizinisches Versorgungszentrum. Dort bekommt das Mädchen eine simple Arznei: ein paar Löffel Zuckerwasser. Sie lassen Chaya so weit zu Kräften kommen, dass sie später Mamas Brei verschlingen kann. Bald darauf ist sie über den Berg. Dieses Mal trollt sich der Sensenmann. „Die Mutter hat alles versucht, ihr Kind zu retten“, sagt Felicitas Heyne. Dass Chaya trotzdem fast gestorben wäre, lag an der Unwissenheit ihrer Mama: „Die Frau wusste schlicht nicht, was sie hätte tun können. Dabei hatte sie alles Notwendige greifbar.“ Auch wenn sie diese Geschichte schon oft erzählt hat, Felicitas Heyne bekommt immer noch Gänsehaut. Natürlich ist Chaya kein Einzelfall. „Mehr als 2000 Kinder sterben immer noch an ganz banalem Durchfall – jeden Tag“, sagt sie. Weil sich die Mütter nicht trauen, ihren dehydrierten Kindern etwas zu trinken zu geben, da es ja sofort wieder herauskommt. Dabei bräuchten die kleinen Körper gerade jetzt Flüssigkeit: „Doch die Frauen wissen es nicht.“ Ein Jammer. Tja, kann man nichts machen. Schade. Abgehakt? Mitnichten!

 Uridu ist Arabisch und heißt „ich will“

Ein Fernsehabend im Jahr 2015, ein paar Minuten in einer ZDF-Doku über Hunger, werden zum Wendepunkt im Leben von Felicitas Heyne und Ehemann Marcel. Sie eben noch die aus Radio und TV bekannte Psychologin und Ratgeberautorin mit einer Praxis im südpfälzischen Herxheim und einem Haus auf Gran Canaria, er Diplom-Betriebswirt und selbstständiger Internetunternehmer. Ein Dasein unter südlicher Sonne und im südländischen Rhythmus. Danach zwei Menschen, die sich erschüttert fragen: Wie können wir dazu beitragen, dass so etwas nicht weiterhin vieltausendfach passiert? Wie können wir erreichen, dass Frauen wie Chayas Mutter sich selbst zu helfen wissen?

 

Wenn die Heynes heute aus dem Fenster blicken, sehen sie zwar nicht mehr das Blau des Meeres, aber zumindest das Grün der Hoffnung. So jedenfalls ließe sich die derzeitige Farbe der Hänge rund um Annweiler-Gräfenhausen interpretieren. Hier, im ehemaligen Schulhaus, haben sie eine neue Bleibe gefunden. Sie und ihr Projekt „Uridu“ (Arabisch für „ich will“), mit dem sie die Welt ein wenig besser machen möchten.

Ein MP3-Player, vollgestopft mit Wissen

Was ihnen dabei helfen soll, sieht aus wie ein Spielzeugtaschenrechner oder eine Fernbedienung. Lila-blau, ein paar Tasten. Oben statt einer Anzeige ein Lautsprecher. Eine Solarzelle auf der Rückseite. Robust, aber unspektakulär. Und dabei alles andere als ein Kinderspiel. Denn das Ding ist ein MP3-Player, vollgestopft mit Wissen, das darauf wartet, abgerufen zu werden. „Viutandawazi“ nennen die Frauen in Tanzania das wundersame Kästchen auf Swahili: „kleines Gerät mit sehr vielen Informationen“.

 

Bisher sind rund 400-Frage-Antwort-Blöcke darin gespeichert. In ihnen geht es um Gesundheit (wie vermeide ich eine Tetanus-Infektion?), um Ernährung (warum ist Eisen wichtig für mein Kind?), Familienplanung (wie verwendet man ein Kondom?) bis hin zur Alltagsorganisation (wie kann ich eine Kochkiste bauen, die wenig Rauch erzeugt?). Das Themenspektrum reicht von Sexualkunde bis zur Suizidprävention. „Informationshäppchen“, sagt Felicitas Heyne. Leicht verdauliche Handreichungen, denn die Frauen, die sich das anhören sollen, haben meist keine Schule besucht. Sie können weder lesen noch schreiben. Aber gewissenhaft zuhören, das können sie. Und weitersagen, was sie erfahren haben.

„Frauen vielerorts Motor der Entwicklung“

Als beide darüber grübelten, auf welche Weise sie Analphabeten wohl am besten erreichen könnten, hatte Marcel Heyne die Idee mit den Audio-Stücken im MP3-Format und dem Player. Das Gerät gab es bereits, die Inhalte zum großen Teil ebenfalls. Sie stammen von Medizinern, von Hilfsorganisationen, von der Uno. Allerdings sind sie meist auf Englisch. Und nur schriftlich vorhanden. Der erste Schritt war also, die wichtigsten Infos zu sammeln, didaktisch aufzubereiten, zu übersetzen und schließlich einzusprechen, und zwar in möglichst vielen Sprachen, damit die Botschaft in aller Welt erhört werde.

 

Ausdrücklich von Frauen. Warum? „Weil Frauen vielerorts der Motor der Entwicklung sind“, sagt Felicitas Heyne. Frauen wollen etwas verbessern, gerade wegen der Kinder, Männer jedoch beharren oft auf dem, was immer schon war. „Frauen sind begierig zu lernen“, ist Felicitas Heyne überzeugt. Nur dürften sie das oft nicht.

 

Während sich die Psychologin um die Texte kümmerte, auch selbst welche schrieb, entwarf ihr Mann eine Online-Plattform, über die er Mitstreiter suchte, Übersetzer: „Mittlerweile haben sich mehr als 10.000 registriert.“ Weltweit übertragen sie die Texte nicht nur in Französisch und Spanisch, Russisch, Arabisch und Chinesisch. Sondern auch in Nepali und Kreolisch, in Persisch und Khmer. Versionen in 17 Sprachen sind fertig oder auf gutem Weg, mehr als 100 Sprachen sind in Arbeit. Alles ehrenamtlich, fast alles bewältigt von – Frauen.

Texte bauen aufeinander auf

Beispiel Tansania: Dort war es eine Radiomoderatorin, die die Inhalte in Swahili übersetzte. So konnte im vergangenen September ein Pilotprojekt mit 500 MP3-Playern in dem bitterarmen ostafrikanischen Land starten. 3400 Frauen soll es erreichen.

 

Die Inhalte wären freilich auch für Männer interessant, lägen nicht Haushalt und Familie meist ganz in der Verantwortung der Frau, auch wenn sie wenig bis gar kein Mitspracherecht hat. „Unser Player soll Frauen befähigen, ihr Leben ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Felicitas Heyne. Die Schicksalsergebenheit, das Minderwertigkeitsgefühl des weiblichen Geschlechts, sie könnten aufgebrochen werden, sobald die Frauen etwas in der Hand haben, das sie unabhängiger macht vom Gutdünken des Mannes, glaubt sie.

 

Entsprechend bauen die Texte aufeinander auf: Erst geht es um die persönliche Gesundheit der Frau, dann um die der Kinder und um das Familienleben. Schließlich um Anleitungen, wie Frauen finanziell unabhängiger werden können. Erst muss das eine gewährleistet sein, damit das andere klappen kann, meinen die Heynes.

Kooperation zu beiderseitigem Vorteil

Das Problem ist, an die Frauen in den abgelegenen Regionen heranzukommen. Daher arbeiten sie in Tansania, in Uganda oder ab Herbst in Nepal mit lokalen Hilfsorganisationen zusammen, die von sich aus den Kontakt gesucht haben, wie die Pfälzer Wissensvermittler betonen. Eine Kooperation zu beiderseitigem Vorteil: Die örtlichen Helfer genießen das Vertrauen der Menschen. Was sie sagen, wird viel eher akzeptiert als die Weisheit, die fremde Weiße verkünden.

 

Die Helfer wiederum versprechen sich viel von dem neuen Kommunikationsmittel. Denn die Wege sind oft weit und beschwerlich. Und selbst wenn es gelingt, vor Ort einen Kurs abzuhalten, können sich die Teilnehmerinnen keine Notizen machen und nichts mitnehmen, um später nachzuschlagen. Da ist eine handliche Audio-Enzyklopädie alltäglichen Wissens äußert nützlich. „Die Hilfsorganisationen wissen zudem, welche Informationen überhaupt gebraucht werden. So können wir den Inhalt immer anpassen“, sagt Marcel Heyne. Und: „Sie wissen auch, wie weit wir in unseren Texten gehen dürfen, damit die Männer nicht aufbegehren. Denn unser Player transportiert vorsichtig subversive Botschaften.“ Weniger Abhängigkeit der Frau, mehr Eigeninitiative – das könnte nicht wohlklingen in Ohren der Herrschaften.

Uridu ist nur ein Beitrag

Dass der MP3-Player allein nicht vermag, das Leben der Menschen grundsätzlich zu verbessern, dessen sind sich die Heynes bewusst. Wer weiß, wie er Monatsbinden benutzt, kann davon noch längst keine kaufen. Wer weiß, mit welchen Erzeugnissen er sich nebenbei etwas dazuverdienen könnte, kommt davon noch nicht auf den Markt. Und wer weiß, wie er auf eigenen Füßen stehen kann, ist noch nicht selbstständig. Uridu ist nur ein Beitrag, eine Strategie der kleinen Schritte, die viel Geduld erfordert, bis etwas passiert.

 

Wie bei der 80-jährigen Salima aus dem Dorf Kisiju in Tansania. „Sie hat uns erzählt, dass es für sie eine völlig überraschende Information war, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist“, berichtet Felicitas Heyne. „Sie raucht, seit sie 15 ist. Sie hat seit Jahren Bluthochdruck, leidet unter Tuberkulose und hatte immer wieder Lungenentzündungen. Niemand hat ihr bisher gesagt, dass das vermutlich Auswirkungen des Rauchens sind.“ Jetzt wolle sich die alte Dame die Qualmerei abgewöhnen und auch andere zum Verzicht auf Kippen und Alkohol überreden. Auch „wären die Ärzte oft schon froh, wenn Kranke eine gefährliche Infektion erkennen würden und zu ihnen kämen, bevor es zu spät ist“, pflichtet Marcel Heyne bei. Allein schon wegen der Epidemiegefahr.

Geschichten, die den Uridu-Machern Mut machen

Und dann gibt es auch immer wieder Begegnungen mit Frauen wie Mwanahamisi. Die 28-Jährige ist schwer behindert und lebt bei ihrer Mutter, nachdem der Vater beide verlassen hat. „Seine Begründung war, dass an der Behinderung der Tochter die Mutter schuld sein müsse durch einen Fluch oder sonst irgendetwas“, sagt Felicitas Heyne immer noch ungläubig den Kopf schüttelnd. Die Mutter unternahm größte Anstrengungen, die Tochter zur Schule zu schicken. „Mwahanamisi ist heute eine sehr fröhliche, gescheite junge Frau, die es trotz der Behinderung schafft, für sich und ihre Mutter zu kochen, zu waschen, zu putzen und mit einem kleinen Donut-Verkauf etwas Geld zu verdienen. Es war für sie ungemein erleichternd zu erfahren, dass Behinderungen eben nicht die Schuld der Betroffenen sind.“

 

Es sind Geschichte wie diese, die den Uridu-Machern immer wieder Mut machen, auch wenn ihre Ressourcen bereits ziemlich aufgezehrt sind. „Wir sind unbedarft gestartet, wenn nicht blauäugig“, sagt Marcel Heyne. „Wir wussten nicht, was so ein Projekt bedeutet, wie viel Arbeit da drin steckt. Ende 2016 haben wir erkannt, dass wir es richtig machen müssen oder es lassen.“ Richtig machen hieß: Vollzeit. Von Deutschland aus. Da waren die Kontakte, die Möglichkeiten. Ihr früheres Leben haben sie mittlerweile weitgehend über Bord geworfen, um sich ganz ihrem Projekt zu widmen. Sie stießen auf das Schulgebäude und kauften es. „Das ist doch sehr passend. Vor über 100 Jahren hatten Mädchen, die hier in Gräfenhausen lebten, das große Glück, in die Schule gehen zu dürfen“, sagt Felicitas Heyne. Anderswo auf der Welt werde ihnen das immer noch verwehrt. Es braucht oft wenig, um etwas zu verändern. Manchmal nur ein kleines Ding mit vielen Infos.

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