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Dienstag, 10. September 2019 Drucken

Ich sehe das ganz anders

Online-Kolumne: Händeschütteln soll nicht aus der Mode kommen!

Von Christine Kamm

In der Karikatur ist ein Mann zu sehen, der den Knopf für Fußgänger an der Ampel mit dem Fuß drückt, um zu vermeiden, dass er sich die Hände schmutzig macht. Daneben stehen ein Mann und eine Frau, die ihm verwundert zusehen.

(Karikatur: Steffen Boiselle)

Nun stirbt auch noch der gute alte Handschlag aus. Neeeeiiiin, bitte nicht. Die Erde darf und soll sich ja drehen. Es muss nicht alles bleiben, wie es ist ist. Aber macht dieser Tausch Sinn? Statt einem anderen Menschen aus Fleisch und Blut die Pranke zu drücken und zu schütteln sollen wir nur noch aufs Handy touchen?

Händeschütteln überträgt genauso Viren wie Handydisplays

Deshalb geht es der Händeschüttelei ja auch nicht an den Kragen. Sondern die bösen Keime sind schuld. Wenn nun der Herbst und der Winter kommen und mit ihnen wieder Husten, Schnupfen, Heiserkeit, dann wird wieder überall zu lesen, sehen und hören sein, dass wir uns ganz oft die Hände waschen sollen. Und zwar richtig. Wie das geht, steht im Internet, ist also auf dem Smartphone nachzulesen, aber Achtung: Auf dem Display tummeln sich auch ganz viele unsichtbare Übeltäter.

 

Ampelknöpfe, Krankenhaustüren - bloß nicht anfassen!

Weil es Menschen gibt, die gerne über den Rand aller Waschbecken hinaus blicken, kommen sie auf den Gedanken: Wenn ich mich nicht anstecken will, versuche ich am besten „Feind“-Kontakt zu vermeiden und lasse das mit diesem Händeschütteln. Diese Menschen werden immer mehr. Und sie sind überall. An einer Ampel drücken sie den „Ich-will-Grün-haben-Knopf“ nicht mit einem ihrer goldenen Finger, nein, sie nehmen den Ellbogen - und wenn die armen Bandscheiben noch so leiden dabei, schließlich muss man sich etwas bücken. Bei Krankenhausbesuchen geht ihr erster Weg zum Handdesinfektionsdrücker und bevor sie die Klinik verlassen, werden die Hände noch einmal kräftig eingerieben. Die ganz Versierten fassen im Krankenhaus auch auf gar keinen Fall einen Türgriff an. Da wird flott ein Tempo aus der Tasche gezogen. Und schon trennt das weiße Papiertuch die Hand von allem Übel.

Händeschütteln hat auch was Verbindendes mit anderen Menschen

Und trotzdem hat es doch etwas Verbindendes, einem anderen Menschen die Hand zu schütteln. Es ist eine Berührung, ein Kontakt und drückt Wertschätzung aus. Natürlich ist das Auge schneller als die Hand. Der erste Eindruck entsteht lange vor dem ersten Handschlag. Dennoch spielt diese kurze Geste der Hände, die aufeinander zugehen, eine ganz zentrale Rolle bei einer Begegnung. Zumal ein gegenseitiger Blick in die Augen dazu gehört.

Der Handschlag hat oft etwas Flüchtiges

Oft hat der Handschlag etwas Flüchtiges. Weil es ein Alltagsritual ist. Er gehört zu Verhaltenskanon. Er wird wie vieles allerdings kaum wahrgenommen. Aber was passiert, wenn wir ihn uns mal vorknöpfen und ihm eine gesteigerte Aufmerksamkeit zukommen lassen und beobachten, was passiert? Das kann sehr spannend und lustig werden. Ein Handschlag dauert nur wenige Sekunden. Die Hand des Gegenübers soll weder geschüttelt noch gerührt werden. Zu lasch darf der Händedruck nicht sein, aber bitte auch nicht zu fest. Er ist nicht nur zum Kennenlernen da, sondern auch ein Begrüßungsritual – zumindest in unseren westlichen Ländern.

 

Und der Handschlag ist immer noch eine Möglichkeit, eine Vereinbarung mit einem Mitmenschen zu besiegeln. Hand aufs Herz: Wer will einen so netten lebenslänglichen Weggefährten wie den guten, alten Handschlag ausmustern? Ich nicht, meine Hand und mein Herz drauf.

 

 Weitere Alltagskolumnen gibt es hier.

 

Die Autorin

Christine Kamm (53) aus Ludwigshafen arbeitet seit 2012 im Sportressort der RHEINPFALZ.

 

Die Kolumne

Christine Kamm und Sigrid Sebald schreiben abwechselnd in der Online-Kolumne "Ich sehe das ganz anders" über die großen und kleinen Überraschungen sowie Absurditäten des Alltags.