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Mittwoch, 05. August 2015 Drucken

Ludwigshafen

Ludwigshafen drohte die Atombombe

Hiroshima vor 70 Jahren: Jedes Gebäude innerhalb eines Kreises von sechs Kilometern Durchmesser war zerstört. Über 200.000 Menschen starben an den Folgen des ersten Atombombenabwurfs. ( Fotos: dpa/AP)

Historiker: Rhein-Neckar-Raum war ein Ziel für Amerikaner – Kriegsverlauf verhinderte Abwurf – Stattdessen Hiroshima bombardiert

Vor 70 Jahren radierte ein Flugzeug mit einer Bombe eine ganze Stadt aus. In 500 Metern Höhe zündete am 6. August 1945 die Atombombe über der japanischen Hafenstadt Hiroshima. Ein amerikanischer Bomber warf um 8.15 Uhr die Massenvernichtungswaffe über dem Ziel ab. Ein Schicksal, das auch Ludwigshafen und Mannheim hätte drohen können, wenn das Kriegsende in Europa später gekommen wäre .

Hiroshima hatte weniger Glück: Die pilzförmige Wolke der Atomexplosion ragte 15.000 Meter hoch in den Himmel. Am Boden war jedes Gebäude innerhalb eines Kreises von sechs Kilometern Durchmesser zerstört. Was sich in einem Umkreis von etwa anderthalb Kilometern um die Abwurfstelle befand, verglühte in Sekundenbruchteilen. Bis zu 90.000 Menschen starben an diesem Augustmorgen. Durch Brandverletzungen und Verstrahlung kamen später weitere 140.000 Menschen ums Leben.

Rückblende auf einen früheren Kriegszeitpunkt: Die Amerikaner befanden sich in einem Wettlauf mit Hitler um die Superbombe und wollten das Nazi-Regime mit der neuen Waffe zur Kapitulation zwingen. Auch das Industriezentrum an Rhein und Neckar war als möglicher Einsatzort für die noch in der Entwicklungsphase befindliche Atombombe im Gespräch, wie in der Ludwigshafener Stadtgeschichte zu lesen ist.

Bei „konventionellen“ Luftangriffen mit Spreng- und Brandbomben waren die beiden Schwesterstädte am Rhein ein bevorzugtes Ziel der Alliierten. Ludwigshafen gehörte mit 124 Luftangriffen zu den am meisten bombardierten Städten Deutschlands. Grund: Das IG Farben Werk auf dem Gelände der heutigen BASF, das für die Rüstungsindustrie eine Schlüsselrolle hatte. Stadtarchivar Stefan Mörz hält es für möglich, dass es Pläne für einen Atombombenabwurf auf den Raum Ludwigshafen/Mannheim gegeben hat. Der Stadtarchivar beruft sich auf die ZDF-Historiker Christian Deick und den früheren Leiter der Redaktion Zeitgeschichte, Guido Knopp, die im Zuge ihrer Recherchen in den 90er-Jahren über den als „Atomspion“ bekannt gewordenen Klaus Fuchs auf entsprechende Informationen stießen.

„Ludwigshafen und Mannheim, in einem früheren Planungsstadium als mögliche Ziele ausgewählt, blieb der nukleare Holocaust erspart“, heißt es in ihrem Buch „Topspione“. Der deutsche Wissenschaftler Klaus Fuchs war im amerikanischen Los Alamos an der Entwicklung der ersten Atombombe beteiligt und verriet Geheiminformationen an die Sowjetunion. Fuchs, überzeugter Kommunist, wollte die neue Massenvernichtungswaffe nicht allein in den Händen der USA wissen. Der militärische Leiter des Manhattan-Projekt genannten Atomwaffenprogramms war Generalleutnant Leslie Groves. Er schrieb in seinen Erinnerungen nach dem Krieg, dass ihn US-Präsident Roosevelt angewiesen habe, sich darauf vorzubereiten, eine Atombombe auf Deutschland zu werfen, falls sie vor dem Ende des Krieges in Europa fertig würde.

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr geht davon aus, dass es vor der Invasion in der Normandie im Juni 1944 Überlegungen gab, Hitler mit der Atombombe zur Kapitulation zu zwingen. Denkbar sei, dass im US-Verteidigungsministerium in einer frühen Phase neben einer Bombe auf Berlin auch über den Raum Ludwigshafen-Mannheim debattiert wurde. Doch ein Abwurf sei nach der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie und dem Vormarsch in Richtung Deutschland dann nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen worden. Verbürgt seien auch Pläne der Engländer, als Vergeltung für die deutschen V2-Raketen Giftgasbomben auf deutsche Städte zu werfen. Dabei sei ebenfalls von Mannheim und Ludwigshafen die Rede gewesen. Dass die neuen Massenvernichtungswaffen in Deutschland nicht zum Einsatz kamen, lag vor allem am Kriegsverlauf. Im März 1945 hatten die Amerikaner den Rhein erreicht und Ludwigshafen besetzt, im Mai kapitulierte Deutschland. Die erste erfolgreiche Zündung einer US-Atombombe fand am 16. Juli 1945 statt – also zwei Monate nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Und damit war endgültig klar, dass die neue Waffe im Pazifik-Krieg gegen Japan zum Einsatz kommen würde. Die weltweit bisher einzigen Einsätze von Atombomben fanden bald darauf statt: Am 6. August traf es zuerst Hiroshima, drei Tage später wurde über Nagasaki die „Fat Man” genannte zweite Bombe abgeworfen. Wenige Tage später kapitulierte das japanische Kaiserreich. Morgen erinnern die Menschen in Hiroshima an das erste nukleare Inferno der Weltgeschichte.