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Mittwoch, 29. August 2018 Drucken

Sport

Kommentar: Selbstkritischer Löw verkündet nur leichte personelle Änderungen

Oliver Sperk

Bundestrainer Joachim Löw bei der Pressekonferenz am 29. August.

Bundestrainer Joachim Löw bei der Pressekonferenz am 29. August. (Foto: dpa)

Die personellen Konsequenzen halten sich wie erwartet in engen Grenzen: Thomas Schneider wird vom Co-Trainer zum Leiter der Scouting-Abteilung, in der Urs Siegenthaler aber bleibt. Das Team hinter dem Team wird um sieben bis elf Leute verkleinert, um kürzere Kommunikationswege zu schaffen. In Thilo Kehrer (21), Kai Havertz (19) und Nico Schulz (25) kommen drei Neulinge für das erste Länderspiel nach der Fußball-WM am 6. September in München gegen Frankreich hinzu. Die Mittelfeldspieler Sami Khedira und Sebastian Rudy sowie der dritte Torwart Kevin Trapp fehlen, aber ansonsten bildet der WM-Kader das Gerüst für den propagierten Neuanfang. Aber Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und vor allem Bundestrainer Joachim Löw haben sich bei ihrer Analyse der für den Titelverteidiger so enttäuschend verlaufenen WM mit dem historischen Vorrunden-Aus angenehm selbstkritisch gezeigt.

Löws Erkenntnis kommt reichlich spät

 

Zu selbstgefällig, zu langsam, zu abschlussschwach und zu wenig leidenschaftlich im Zweikampf sei seine Mannschaft beim Turnier in Russland aufgetreten, betonte Löw. Der 58-Jährige meinte am Mittwoch in München, es sei eine grobe Fehleinschätzung von ihm gewesen, den Ballbesitzfußball ohne Wenn und Aber weiterentwickeln zu wollen. Die Erkenntnis jedoch kommt reichlich spät. Schon im ersten WM-Spiel hebelten die Mexikaner mit ihren klasse Kontern die behäbigen Deutschen aus – auch Südkorea besiegte den Weltmeister mit Kontern. Flexibler, variabler und sicherer spielen und „das Feuer neu entfachen“, das seien die wichtigsten Konsequenzen aus dem historischen Aus. Löw und Bierhoff wollen „das Schiff mit Energie, Kraft und Begeisterung wieder auf Kurs bringen“. Die Analyse aber ist nur der allerste Schritt.

Löw kann sich gegen Frankreich keine großen Experimente erlauben

 

Entscheidend für den Erfolg von Bundestrainer Löw und seiner Mannschaft wird vor allem sein, wie sein Team sich in den kommenden Spielen präsentiert. Die Fans wollen mehr Tempo, mehr Dynamik sehen. Löw kann sich in der neuen Nations League im ersten Spiel gegen Weltmeister Frankreich keine großen Experimente erlauben. Die Zuschauer wollen ein ordentliches Ergebnis, ein gutes Spiel erleben. Sonst wird der Druck auf Löw und Co. noch größer. Im Falle des Ende Juli aus der Nationalmannschaft zurückgetretenen Mittelfeldspielers Mesut Özil erzählte Löw, Özils Berater habe ihn an dem Sonntag des Rücktritts wenige Stunden vor Özils Erklärung via Internet angerufen. Persönlich habe Özil mit dem Bundestrainer bislang nicht gesprochen, im Gegensatz zu den Spielern, die in den vergangenen Jahren aus der Nationalelf zurückgetreten seien. Das ist enttäuschend.

Skandalös, dass Özil seinen Unterstützer bislang nicht zurückgerufen hat

 

Noch viel enttäuschender, ja skandalös ist es aus zwischenmenschlicher Sicht, dass Özil seinen stetigen Förderer und Unterstützer Löw bislang offenbar nicht zurückgerufen oder schriftlich kontaktiert hat. Löw sagte, er probiere seit längerer Zeit, Özil via Telefon oder SMS zu kontaktieren. Das lässt einem an Özils Reife als Persönlichkeit massiv zweifeln. Es bleibt dabei: Özil hat fußballerisch enorme Fähigkeiten – aber auch mit 29 Jahren wirkt er abseits des Platzes wie ein überforderter, unreifer, völlig unsicherer, einfacher Junge.