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Sonntag, 18. Dezember 2016 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Kommentar: Das „Terrorkind“ von Ludwigshafen

Der Ludwigshafener Weihnachtsmarkt.

Alles zu wissen geben Vertreter des rechten Lagers vor, die das „Terrorkind“ als Beleg für eine Gefahr durch Muslime sehen. Fakt ist: Der Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen läuft ungestört weiter. ( Foto: Kunz )

Der Generalbundesanwalt muss bald Antworten liefern, ob der Zwölfjährige Kontakt zu Islamisten hatte. Der Junge wird instrumentalisiert. Statt um Fakten geht es um Gefühle. Ein Kommentar von Michael Schmid

Die Nachricht von dem gescheiterten Nagelbomben-Anschlag auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Denn ein Kind soll den Anschlag geplant haben. Ein zwölfjähriger Junge. Er ist in Ludwigshafen geboren, ging in der Stadt zur Schule und lebte hier mit seiner Familie. Seine Mutter soll dem Vernehmen nach Deutsche sein, sein Vater Iraker. Der Junge hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Doch jetzt ist er das „Terrorkind von Ludwigshafen“. Weggesperrt in einer gesicherten Einrichtung. Keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit.

Der Fall beschäftigt die Menschen in der Stadt: „Wie kommt ein Kind auf so eine Idee?“, fragt sich beispielsweise Marcus Endlich, der auf dem Ludwigshafener Weihnachtsmarkt eine Glühweinhütte betreibt und selbst einen neunjährigen Sohn hat. Die Antwort darauf ist momentan schwer zu geben, denn die Ermittler schweigen sich über ihre Arbeit aus. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe durchleuchtet derzeit das Umfeld des Jungen, untersucht seine Handy- und Internetdaten.

Die zentralen Fragen dabei liegen auf der Hand: Hatte der Zwölfjährige Kontakt zu Islamisten? Wie sieht es in seiner Familie aus? Wurde er durch IS-Terrorpropaganda aus dem Netz radikalisiert? Ist der Junge von Radikalen über Textnachrichten „ferngesteuert“ worden? Antworten darauf muss die Generalbundesanwaltschaft liefern – und zwar bald.

Denn der Fall schlägt hohe Wellen. Mangels Informationen schießen die Spekulationen ins Kraut. Fakten interessieren dabei nur am Rande. Es geht um Gefühle. In der Debatte über Ausländer, Einwanderer und Muslime in unserem Land ist der deutsch-irakische Junge aus Ludwigshafen schnell instrumentalisiert worden. Das rechte Lager sieht den Fall als Beleg dafür, dass Muslime eine Gefahr für unsere Gesellschaft sind. Politiker der Mitte und Experten fordern Präventionsprogramme, die verhindern sollen, dass auch Kinder radikalisiert werden können. In den sozialen Netzwerken befeuert das „Terrorkind“ die Hassdebatte. Ob ein Zwölfjähriger tatsächlich als Terrorist angesehen werden kann, fragt sich dabei niemand mehr.